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Tradition ist ein solides Fundament für etwas Neues

Die Allgäuer Kultur, Tradition und das Brauchtum zu bewahren, weiterzugeben und langfristig zu verankern, dieser Aufgabe stellt sich das „Allgäuer Heimatwerk“, das im Oktober 2020 gegründet wurde. Richard Hartmann ist Initiator und Geschäftsführer dieses interessanten Projektes, das mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird. Als Kulturinitiative soll das „Heimatwerk Allgäu“ nachhaltig zur Revitalisierung Füssens und des südlichen Ostallgäus beitragen. Füssen aktuell sprach mit dem Event-Manager, der bereits viele konkrete Veranstaltungen ausgearbeitet hat. Richard Hartmann fühlt sich zwischen Kaviar und Weisswurst, Volksmusik und Klassik wohl und ist bei Trachtenfesten und in der Oper zu Hause. Richard Hartmann ist Event-Manager für klassische Musik. Er spricht fließend französisch, englisch, italienisch und ein wenig russisch und portugiesisch. In der heutigen Zeit nennt man solche Menschen Global-Player. In Füssen gibt es sicher keinen Menschen, der sagen kann, dass er mit den Romanoffs Champagner getrunken oder einen großen Teil der Nobelpreisträger gesehen und ihnen auch die Hand geschüttelt hat. Für das Allgäuer Heimatwerk kann er eine seiner Passionen , das Brauchtum und die Tradition, leben.

Seit fast 100 Tagen gibt es das Allgäuer Heimatwerk in Füssen. Können Sie jetzt schon ein Resümee ziehen, wie dieses besondere Projekt um das Allgäuer Brauchtum bei den Einheimischen ankommt?
Der Allgäuer per se ist nicht wirklich dafür bekannt, seine Gefühle zu zeigen. Umso faszinierender ist es, mit wieviel Herzlichkeit und Wärme dieses Projekt aufgenommen wird. In vielen Gesprächen haben wir bereits jetzt großen Zuspruch und konstruktive Unterstützung erfahren. Als gebürtiger Füssener stimmt mich das dankbar und glücklich.

In einem Interview sagten Sie, dass das Allgäuer Heimatwerk ein „Leuchtturmprojekt“ für ganz Deutschland werden könnte. Wie meinen sie das genau?
Ziel dieses Bundesprojekts, das mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird, ist, einen Beitrag zur nachhaltigen Vitalisierung des ländlichen Raums zu leisten. Mit unserer Arbeit und unseren Ideen möchten wir ein Stück weit dazu beitragen, dass den Menschen in unserer Region bewusst wird, wie wichtig es in einer globalisierten Welt ist, eine Heimat zu haben. Unsere Einzelprojekte werden dokumentiert, verschriftlicht und nach Projektende evaluiert. Diese Auswertungen können in ähnlicher Art und Weise im Baukastensystem von anderen Regionen umgesetzt werden. So tauschen wir uns bereits heute eng mit Mitarbeitern aus den Bezirken Schwaben, Ober- und Niederbayern aus mit dem Ziel einer nachhaltigen Zusammenarbeit.

Wie wollen Sie dieses Wissen den Einheimischen vermitteln?
Unser Projekt basiert auf mehreren Ebenen und Tragsäulen und spricht generationsübergreifend ein breites Publikum vor Ort an. Eine dieser Säulen steht unter dem Motto „Altes Wissen“. Hier sind für nächstes Jahr rund 50 verschiedene Kurse geplant, bei denen wir der Bevölkerung und Gästen unsere Liebe zu den Werten vermitteln, die es wert sind, weiter gegeben zu werden. Ebenfalls angestrebt ist die Fortsetzung des Projekts MundART WERTvoll mit der Grundschule Füssen-Schwangau und mit Unterstützung des Wertebündnis Bayern, das an die Bayerische Staatskanzlei angedockt ist. Mit der Fachberatung für Vereine bei der Planung ihrer Feste helfen wir ehrenamtlich Tätigen. Sie erhalten bei uns Unterstützung in Haftungs- und Finanzierungsfragen ebenso wie bei der Erstellung eines Sicherheitskonzepts. Ergänzt wird dieser Bereich durch die Vermietung des Allgäuer HEIMATwerk-Geschirrmobils mit seiner Ausstattung für bis zu 600 Personen als nachhaltigem Beitrag zur Kosten- und Müll-Reduzierung. Ein weiterer Bereich erschließt sich in der Trachtenberatung für Trachtenbegeisterte und Trachtenvereine. Wir wissen, wo dieses alte Handwerk zur Herstellung von Trachten noch existiert und vermitteln dieses Wissen weiter. Hier stehen uns mit einem Meister-Trachtenschneider und der Trachtenkultur-Beratung des Bezirks Schwaben zwei starke Partner zu Seite. Zu guter Letzt planen wir Eigenveranstaltungen, die allesamt mit unserer Region eng verbunden sind.

Warum ist es wichtig, dass dem Brauchtum eine besondere Rolle in einer Region gegeben werden soll?
Die Welt wird zunehmend globaler, uniformer, hektischer und gesichtsloser. Umso wichtiger ist eine starke Bindung von Menschen zu einer Region. Ehrenamtliche vermitteln mit großem Engagement Brauchtum und durch diese Arbeit zeigen sie ihre Liebe zur Heimat. Das Allgäuer HEIMATwerk bietet mit seinen Ideen dazu die Bühne, um sie in ihrer Arbeit zu stärken und zu unterstützen.

Insbesondere junge Menschen fühlen sich mit der bayerischen Tradition verbunden. Ob Musik, Kleidung, selbst die Sprache als solche erfährt eine Renaissance. Ist das nur ein Hype oder die Suche nach einer bzw. der eigenen Identität?
Nein, es ist kein Hype, sondern natürliches Empfinden, sich über Kleidung und Sprache einer Region zuzuordnen. Die Medien kolportieren dabei „Bayerische Tradition und Kleidung“ manchmal etwas eigenartig. Die Auffassung, was dabei als „authentisch-bayerische Tracht“ getragen wird, mag dabei nicht immer der tradierten Norm entsprechen. Trotzdem ist es wieder „in“, Trachten, Dirndl und Lederhose zu tragen und junge Menschen personifizieren sich durch diese Kleidung mit ihrer Region. Das ist doch wunderbar! Unsere Intention ist dabei, zu zeigen, dass wir im Allgäu unsere eigene, jahrhundertealte „allgäuerisch-allemannische“ Kultur haben, die sich sehr wohl gegen die oberbayerische Omnipräsenz behaupten kann. Das Allgäu hat seine eigene Sprache, andere Worte und Idiome, herrliche Eigenarten und Traditionen. Diese liebenswerten Besonderheiten gilt es wieder stärker hervor zu heben. Dies ist auch möglich, indem die jungen Allgäuer*innen mit ihrer Trachtenkleidung regionale Akzente setzen, um sich vom Trachtenimport aus Oberbayern abzusetzen. Tracht ist deshalb nie als Hype oder Kostümierung zu sehen, sondern als klares Bekenntnis zu unserer Heimat. Dies wollen wir mit unserem Projekt deutlich machen.

Wie intensiv wird die Zusammenarbeit mit der Stadt Füssen und anderen Vereinen sein?
Die Stadt Füssen ist unser wichtigster Sparring-Partner. Unsere schöne Lechstadt ist der Sitz des Allgäuer HEIMATwerks und es ist schon etwas Besonderes, ein Projekt der Bundesregierung im Ort zu wissen. Ebenfalls sind wir froh und dankbar über den Kontakt zu allen Vereinen im Füssener Ortsgebiet, deren satzungsgemäßer Auftrag die Pflege von Heimat, Tradition, Tracht und Brauchtum ist. Und natürlich schauen wir auch über den Füssener Kirchturm hinaus und streben eine gute und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit weiteren Trachten- und Schützenvereinen sowie Musikkapellen im gesamten Allgäu an.

Wird es Projekte mit Nachbarländern geben, um diesen Austausch zu fördern?
Füssen und seine Region waren über Jahrhunderte Drehscheibe für den interregionalen Handel zwischen Bayern, dem Allgäu, Bayerisch-Schwaben, dem Außerfern und Südtirol. Wir haben auf jeden Fall vor, dass wir unsere Heimat in anderen Regionen präsentieren und diese zu uns nach Füssen einladen. Diese nächste Ebene wollen wir aber erst beginnen, sobald sich das Allgäuer HEIMATwerk etabliert hat. Die erste Projekt-Laufzeit endet bereits im Juni 2022. Entsprechend arbeiten wir derzeit parallel an der Planung der Gegenwart sowie am Fortbestand des Projekts für die Zukunft.

Auf welche Veranstaltungen des Allgäuer Heimatwerks dürfen sich die Einheimischen in naher Zukunft freuen?
Für nächstes Jahr sind Volkstanz-Veranstaltungen, ein Trachtenball und Advent-Singen im südlichen Ostallgäu geplant. Besonders stolz sind wir, dass wir das 500 Jahre alte „Fiassar Osterspiel“, das früher in St. Mang aufgeführt wurde, in der Osterwoche 2021 als Eigenproduktion in St. Mang aufführen dürfen. Darüber hinaus findet von Juli bis Oktober 2021 die Sonderausstellung „Sehnsucht nach Heimat – Trachtenkultur im Füssener Land“ im Museum der Stadt Füssen statt. Es ist uns große Freude und Ehre, dass unsere Projektarbeit dabei die Planung des umfangreichen Rahmenprogramms rund um die Ausstellung beinhält. So ist z.B. ein großer Trachtenmarkt am Eröffnungswochenende geplant und den Sommer über arbeiten wir eng mit den Trachtenvereinen und Musikkapellen im Ortsgebiet zusammen. Daneben wird es einige hochkarätige Vorträge zum Thema geben, bevor der 1. Allgäuer Trachten-Ball die Ausstellung im Herbst beschließt. Natürlich alles unter Vorbehalt der gesetzlichen Bestimmungen zur Corona-Pandemie. Und so hoffen wir auf regen Besuch bei allen Veranstaltungen und laden bereits heute herzlich ein!

Vielen Dank für das Gespräch.
Ich danke Ihnen für die Einladung.

INFO
Allgäuer Heimatwerk · Drehergasse 40 1/2
Tel: 08362/92 99 325 · 87629 Füssen

Das Gespräch führte Sabina Riegger · Foto: cw

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