Kolumne

Kleines Frühstück

Eigentlich wollte ich nur etwas bestellen: Einen Café entkoffeiniert, einen normalen, zwei Beeren-Smoothies ohne Kokossahne, ein Birchermüsli und… Ich weiß es nicht mehr. Vorhin wusste ich es noch.

Vorhin war, als ich hier einfach gestanden bin und meine Bestellung immer wieder runtergerattert habe, damit ich sie nicht vergesse.

Erstens, weil hungrige, wartende Kinder sehr ungemütlich sind, und zweitens, weil ich einfach schneller sein wollte, als das Paar vor mir. Schon allein für die Frau hinter der Scheibe, für mich, für alle. Aber soweit war ich noch nicht. Weil er vor mir noch immer Rührtofu für beide wollte, sie aber lieber Spiegelei mit Tomate.

Er, der Veganer, sie, die kalte Schulter. Er wünscht sich ein „leidenfreies Frühstück“, wie er ihr entgegenhaucht. „Komm schon, Baby“. Aber auch das Geknabbere an ihrem Hals lässt sie kalt. Leid hin oder her. Eier mit Tomate. Fertig, aus.

Ich überlege kurz, ob sein Pulli ihm die Tour versaut hat. Es gibt doch diese Wolle, die so schlimm kratzt, als würde man in Juckpulver paniert werden. Er ist zu weit weg, Abstandsregelung, aber schon von hier hinten juckt es mich.

Der Kiosk ist in Wirklichkeit gar kein Kiosk, sondern ein Frühstückscafé. Aber dann kam Corona. Deswegen stehen wir jetzt hier draußen vor dem Fenster, das zum Walk-in Schalter umfunktioniert wurde. Hier wird bestellt, abgeholt und bezahlt.

Inzwischen bin ich in der Sandwich-Position. Hinter mir stehen zwei Freundinnen. Schnell wird klar, was sie wollen: Feministinnen rekrutieren. Ihr roter Faden: Frauen in kurzen Röcken treten die Emanzipation mit Füßen. Und das muss sich ändern. Das werden sie ändern. Aber davor gibt’s erst noch Tee und Brezen für beide. Sie klingen gefährlich entschieden. Wenigstens streiten sie nicht wegen des Frühstücks. Das macht sie sympathischer. Ich bin noch mitten drin im Hagelfeuer. Vorne: „Bodenhaltung ist keine Lösung. Der Verzicht schon.“ Hinten: „Wir brauchen auch radikale Verfechterinnen. Emanzipation ist ja keine Spaßveranstaltung.“

Ich drehe mich um. Hinter mir stehen Thelma und Louise in Stiefeln. Ich wollte was sagen. Dann lese ich, was auf einem Pulli steht: „Vaginas brought you into the world. And Vaginas will vote out Trump“.

Leider sehen sie nicht, dass ich lächle…

Vorne: „So, hi. Sorry, dass du so lange gewartet hast. Was kriegst du?“
Ich: „Hab ich vergessen.“

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