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Ausgezeichnetes Herzzentrum Füssen-Außerfern

Seit November 2012 können Patienten mit einem akuten Herzinfarkt im Rahmen des Herzinfarktnetzwerkes Königswinkel-Außerfern schnellstmöglich einer Therapie im Herzkatheterlabor der Klinik Füssen zugeführt werden.

Sinn und Zweck dieser wohl einmaligen deutsch-österreichischen Zusammenarbeit ist, den Infarktpatienten bestmögliche und auch schnellste Versorgung zu bieten. Die Feuertaufe wurde bereits am Vortag der Eröffnung bestanden, als ein Notfallpatient vom Dürrenberg nach einer dramatischen Rettungsaktion mit dem Hubschrauber im neuen Herzzentrum schnell und erfolgreich behandelt werden konnte.

Nach über acht Jahren erfolgreichen Bestehens dieser deutschlandweit einzigartigen Kooperation hat das Herzzentrum eine Auszeichnung erhalten. Die Auszeichnung, die generell für Arbeiten oder Vorhaben der Versorgungsforschung vergeben wird, fand in diesem Jahr Corona-bedingt online während der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie am 14. Oktober statt. Bei dem ausgezeichneten Projekt „Etablierung des ersten grenzüberschreitenden Deutsch-Österreichischen Herzinfarktnetzwerkes Königswinkel-Außerfern mit dem Herzzentrum Füssen-Außerfern“ wurde insbesondere die modellhaft gelebte, grenzüberschreitende Kooperation zwischen Füssen und dem österreichischen Außerfern gewürdigt, die zu einer hervorragenden Versorgung von Herzinfarktpatienten geführt hat. In Empfang genommen hat sie der Initiator des Projekts, Chefarzt Dr. Martin Hinterseer, Ärztlicher Direktor der Klinik Füssen und Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie. „Herzzentrum bedeutet, dass in einem Ort die Versorgungsstrukturen für Patienten mit komplexen Herzproblemen zur Verfügung stehen“, erklärt Dr. Hinterseer. „In Füssen steht der Herzinfarkt im Vordergrund und das Besondere daran ist, dass wir nicht nur die Patienten aus Deutschland, sondern auch die Patienten aus Tirol versorgen. Des Weiteren hier ist die Einmaligkeit, dass auch die Kostenträger diese Versorgung übernehmen. Das gibt es sonst nirgends, da sind wir ein Pilotprojekt. Außerdem konnten wir bei der Versorgung auch in den letzten acht Jahren die Qualität beweisen, und dafür haben wir letztendlich den Preis bekommen.“

Die Preise der Arbeitsgemeinschaft Leitende Kardiologische Krankenhausärzte e.V. (ALKK) werden in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz und Kreislaufforschung e.V. (DGK) vergeben.

Hintergrund des Projekts

Das wichtigste therapeutische Ziel in der Behandlung des akuten Herzinfarktes ist eine möglichst rasche und effektive Wiedereröffnung des betroffenen Herzkranzgefäßes. Der Faktor Zeit spielt hierbei eine zentrale Rolle. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit, international gültige Behandlungsleitlinien, Verbesserung der prähospitalen Diagnostik, Netzwerkbildungen und nicht zuletzt durch schnellen Zugang zu Interventionszentren konnten große Fortschritte in der Behandlung von Infarktpatienten erreicht werden. Die Umsetzung der leitliniengerechten Diagnostik und Therapie mit entsprechenden Zeitvorgaben außerhalb der Ballungsräume im ländlichen Bereich stellt insbesondere in Grenzregionen eine große Herausforderung dar. Landesgrenzen sind hierbei auch heute noch eine nur im Einzelfall überwindbare Hürde in der Infarktversorgung, denn eine regelhafte Übernahme der Behandlungskosten durch unterschiedliche Gesundheitssysteme ist nicht vorhanden.

Das Ostallgäu mit der angrenzenden Tourismusregion Tirol/Österreich gilt als eine der am stärksten frequentierten Urlaubsregionen Deutschlands mit über 1,5 Millionen Besuchern jährlich. Die Herzinfarktversorgung der Kliniken der alpinen Grenzregion (Füssen, Pfronten und Reutte in Tirol) war in der Vergangenheit zum einen durch die Grenzlage eingeschränkt und zum anderen durch lange Zeitverzögerungen insbesondere bei Nacht und schlechten Witterungsverhältnissen in langen Wintermonaten geprägt. Vor allem für die Bevölkerung im Tiroler Außerfern, die über eine hochfrequentierte Passstraße, dem Tiroler Fernpass, in einer Distanz von 100 Kilometern mit ihrem Interventionszentrum der Universität Innsbruck verbunden ist, bestand hier ein erheblicher Versorgungsnachteil.

Durch die Kooperation mit der Universitätsklinik Innsbruck gelang es, die Kostenträger von der aktuellen Studienlage und der medizinischen Notwendigkeit einer interventionellen Versorgung von Herzinfarktpatienten zu überzeugen, und die kompletten Behandlungskosten von österreichischen Patienten mit akutem Koronarsyndrom in Füssen zu übernehmen. Seit November 2012 erfolgt die grenzüberschreitende Versorgung der Herzinfarktpatienten im „Herzinfarktnetzwerk Königswinkel-Außerfern“ mit einem gemeinsamen Interventionszentrum am Standort Füssen, unter der Schirmherrschaft des ehemaligen Finanzministers, Herrn Dr. Theo Waigel, und dem ehemaligen österreichischen EU-Kommissar,
Herrn Dr. Franz Fischler.

Um die Qualität der Infarktversorgung transparent darstellen zu können und Daten zur Myokardinfarktversorgung beidseits der Grenzen zu generieren, erfolgt die Teilnahme am FITT STEMI-Projekt als erstes grenzüberschreitendes Netzwerk. Als Mitglied der Bayerischen Herzinfarktnetzwerke wurden alle Strukturen auf allen Versorgungsebenen an die aktuellen Behandlungspfade der Europäischen und Deutschen Gesellschaft für Kardiologie angepasst.

Im Jahr 2017 konnten im Rahmen der Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie die ersten Ergebnisse der grenzüberschreitenden Myokardinfarktversorgung am Herzzentrum Füssen-Außerfern veröffentlicht werden. Das Herzzentrum Füssen-Außerfern konnte somit in dieser Studie die Machbarkeit einer grenzüberschreitenden Herzinfarktversorgung auf dem Boden einer vertrauensvollen Zusammenarbeit aller an der Gesundheitsversorgung beteiligten Akteure beidseits der Grenzen belegen. „Diese Qualitätskontrolle bedeutet für den Patienten absolute Sicherheit“, so Hinterseer. „Wir sind ja ein kleines Herzzentrum, aber wir sind auch in Kooperation mit der Uni Innsbruck, das heißt, wir müssen mindestens die gleiche Qualität aufweisen wie diese Universität, um die österreichischen – und damit auch deutschen – Patienten auf der geforderten Stufe versorgen zu können. Damit haben die schwerkranken Herz-Patienten, die wir versorgen, eine höhere Überlebensrate als im deutschen Bundesdurchschnitt.“

Aktuelle Zahlen und Erfolge

Aktuelle Analysen aus 26 Quartalen an 346 Patienten, davon 45% aus dem österreichischen Staatsgebiet, ergeben eine Krankenhaus-Sterblichkeit bei 6,6%. Es zeigte sich somit kein signifikanter Unterschied in der Sterblichkeitsrate. Grundlage der stetigen Verbesserungen waren regelmäßige Fortbildungen in Bayern und Tirol. Durch Rotationen und Hospitationen im pflegerischen und ärztlichen Bereich konnten Verständnis und persönliche Bindungen geschaffen werden. Mittels Einführung eines Infarkthandys mit 24/7 Erreichbarkeit eines Interventionskardiologen wurde die prä-hospitale Diagnosesicherheit erhöht und die Zahl der Direktübergaben im Herzkatheterlabor verbessert.

Text: Sven Ademi · Foto: privat

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