Kolumne

Anke

Ich stehe in einem kleinen Laden am Stadtrand einer Großstadt. Im Hintergrund läuft Musik von Oasis, die Wände sind auffällig tapeziert und von der Decke hängen Retro Leuchten wie aus den Siebzigern- grünbraunes Gehäuse, milchiges Glas. Neben dem Tresen hängt eine Tafel: „Liebe Menschen, esst, trinkt, habt Spaß! PS: Nazis werden nicht bedient. Danke. Anke.“

Ich bin froh, dass ich hier bin, bei Anke. Sie ist ein offener Typ und wahnsinnig charismatisch. Sie sieht aus wie Lisbeth Salander und Helen Mirren in ihren Zwanzigern. Ich wette, Anke hüpft im Rock blind über eine Slackline in dreißig Metern Höhe. Wir lernen uns gerade kennen, hier an ihrem Tresen, zwischen Barist- Maschine und gerösteten Edamame mit Sesam.

„Der Laden gehört mir- das war immer mein Traum!“ erzählt sie mir, während sie mir einen Espresso macht. Ich starre auf Ankes Augenbrauenpiercing, weil ich bei jedem ihrer Lidschläge Angst habe, gleich mitansehen muss, wie sich die Spitze des Piercings in ihr Auge bohrt.

Manchmal trifft man einen fremden Menschen, unterhält sich mit ihm und hat nach zwei Minuten das Gefühl, ihn schon immer zu kennen. So ähnlich ist das mit Anke. Wir haben viel gemeinsam: Wir lieben Brokkoli, das Meer, wir haben Kinder, eine Vorliebe für Sneaker und haben eine klare politische Einstellung.

„Hey Anke, deine Tafel – woher willst du wissen, wann ein Nazi vor dir steht?“ frage ich sie.
„Viel wichtiger ist, dass der Nazi weiß, dass ich vor ihm stehe.“ Ich denke nach und nippe an meiner Tasse. Anke macht den perfekten Espresso und sagt ganz nebenbei noch das beste was ich heute gehört habe.

Dann muss ich lachen. „Wieso lachts du jetzt?“ Ich hole mein Handy aus dem Rucksack und zeige ihr eine Unterhaltung von neulich zwischen mir und einem anderen Leser auf Social Media.

Headline: „Moria brennt.“
Er: „Deutschland will niemanden aus Moria. Die sind doch selber schuld!“
Ich: „Wer sind „die“? Und du bist du das Sprachrohr für 83 Millionen Menschen? Wie kann das sein?! Ich will dir was sagen: Eine Demokratie muss Meinungen wie deine aushalten, aber zum Glück nicht hinnehmen…“
Er: „Wer sich zum Schaf macht, wird gefressen!!!“
Ich: „Du hast Glück. Ich esse kein Fleisch.“

Jetzt ist es Anke die lächelt: „Noch einen Espresso?“
„Unbedingt!“

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