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In Mexico lebt man im Jetzt

Für manche mag Mexico kein Land sein, wo man leben möchte. Nicht, weil es dort nicht landschaftlich schön ist. Es ist die hohe Rate an Verbrechen, die abschrecken kann. Nicht so Simone Ehrentreich.

In Mexiko sind nach vorläufigen Zahlen im vergangenen Jahr 35.588 Menschen Opfer von Morden geworden. Das teilte das Amt für öffentliche Sicherheit im Januar dieses Jahres in seiner Kriminalitätsstatistik für 2019 mit. Darunter sind 1006 Frauen, die Opfer von sogenannten Femiziden – also wegen ihres Geschlechts umgebracht wurden. 56 Prozent des mexikanischen Staatsgebietes gelten offiziell als gefährlich für Frauen. Wie schlimm sich diese Zahlen auch anhören, Mexico ist ein interessantes Land und nicht überall ist es so gefährlich, wie es manche vermuten. „Man weiß, wo man hingehen kann und wo es besser ist, einen Bogen zu machen“, sagt auch Simone Ehrentreich. Sie lebt seit 6,5 Jahren in Mexico City.

Als sie das erste Mal nach Mexico kam, war das 2009. In Puebla, einer 1,6 Millionen großen Stadt, machte sie ihr Auslandssemester und lernte dort die Kultur und die Menschen näher kennen. In Augsburg studierte sie Romanistik mit den Fächern Französische- und Spanische Literaturwissenschaften und europäischer Ethnologie. Es war klar, wenn sie mit dem Studium fertig ist, dass sie dann wieder nach Mexico gehen wird. Dabei war anfangs Mexico gar nicht ihr Ziel. Vielmehr Ecuador oder irgendein anderes Lateinamerikanisches Land. „Dass ich mich dennoch für ein Auslandssemester in Mexico entschloss, habe ich einer Liebesgeschichte zu verdanken. Ich habe in Frankreich einen Typen kennen gelernt, der aus Kalifornien war. Und ich dachte mir, ok, Mexico ist nicht so weit weg, dann kann ich ihn ja mal besuchen. Mit der Beziehung war es dann schon aus, bevor ich überhaupt mein Auslandssemester begann“, lacht sie.

Heute arbeitet sie als Reiseleiterin und führt die Gruppen durch das ganze Land. Ein Semester lang studierte sie die Geschichte des Landes, bevor sie die Erlaubnis bekam, Reiseführungen zu machen. Die Frage, ob ihr die Arbeit Spaß macht, erklärt sie so:“Es kann anstrengend sein, weil man sich immer auf neue Leute einlassen muss. Aber ich habe gelernt, wieweit ich mich da einlassen will. Natürlich, wenn jemand dabei ist, wo man sich gut versteht, dann kann auch ein engerer Kontakt daraus werden. Ich glaube ich sehne mich, vielmehr als früher, nach freundschaftlichen Beziehungen, die enger sind. Ich bin müde geworden, neue Menschen kennenzulernen. Es sind ja oft die gleichen Fragen und jeder, der so einen Job macht, weiß, dass es manchmal nerven kann.“ Simone Ehrentreich ist ein besonderer Mensch, nachdenklich, beobachtend und ehrlich. Die Mexikaner haben es ihr angetan. „Es sind besondere Menschen, sehr herzlich und hilfsbereit“. Dass es in manchen Gegenden in Mexico City gefährlich sein kann, weiß sie. „Es gibt Wohnviertel, die man meiden sollte. Und mit der Zeit lernt man auch, wie man sich bewegen und anziehen soll. Ein Mini-Rock ist eine Einladung. Andererseits weiß man auch, wo und wann man einen Mini anziehen kann. Dieses Gefühl kommt irgendwann und es geht in Fleisch und Blut über. Wenn ich unterwegs bin, habe ich meine Wege und Orte. Das heißt, da bin ich sicher, weil es Leute sind, die mich kennen und die ich kenne“, erzählt sie.

Integration ist für die 34-Jährige keine Frage mehr. Sie gehört dazu, spricht fließend Spanisch, kennt die Gepflogenheiten des Landes und ist in einer Underground-Szene unterwegs. So wie in Deutschland, gibt es auch in Mexico City eine Gothic-Szene mit guten Clubs. Erst vor kurzem hat sie sich mit einem guten Freund und ehemaligem Nachbar mit „Fahrradstadtführungen selbstständig gemacht. Ob sie für immer in Mexico bleiben wird, kann sie nicht konkret beantworten. „Sagen wir es mal so: Ich kann mir vorstellen, dort hängenzubleiben. Nicht das ich mich bewusst dafür entscheide. Aber solange es mir gut gehe, ist alles in Ordnung. Ich glaube ich würde Mexico sehr vermissen.“

Entscheidungen zu treffen fällt ihr schwer. „Ich mache mir viele Gedanken, was richtig wäre oder ist. Im Nachhinein denke ich, ich suche mir den einfachsten Weg, weil ich nicht weiß, wie ich auf den grünen Zweig kommen soll“. Diese unbewusste Intuition, man kann auch Bauchgefühl dazu sagen, lässt sie das Richtige tun. Sei es ihre Arbeit, oder der Eintritt in einen mexikanischen Chor. „Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, habe ich den Otto im Festspielhaus eineinhalb Jahre lang gesungen. Später war ich im Motettenchor in Füssen, den Albert Frey leitete. Insofern habe ich Erfahrung und singen macht mir Spaß. Hier habe ich auch andere Leute kennen gelernt. Das bereichert.“

Mit dem Eintritt in den Chor bekam sie auch einen zusätzlichen Job. Sie ist die Assistentin des Chorleiters. Ohne ein gesichertes Einkommen ist es schwierig, in Mexico zu leben um nicht zu sagen unmöglich. Die Mieten für die Wohnungen sind extrem hoch. „Natürlich gibt es auch Wohngegenden, wo es günstiger ist, aber da will wirklich keiner wohnen“, sagt sie. In ihrer WG, die sie mit einer Mexikanerin und einer Japanerin teilt, fühlt sie sich wohl. Überhaupt ist das Leben in Mexico ganz anders als in Deutschland. „In Mexico lebt man für das Jetzt. Das Morgen oder Übermorgen ist dann morgen dran“, erklärt sie. So ist es Usus, dass man sich nach einer Feier auf der Plaza Garibaldi trifft und den Mariachis zuhört. Zu späterer Stunde singt man mit. Auch Simone Ehrentreich. Sie kennt die Volkslieder und ihre Bedeutung und irgendwo taucht immer ein Wort auf: Corazon. „Herzschmerz“ oder Sehnsucht nach Füssen hat sie nicht. Dafür kommt sie regelmäßig nach Hause und bleibt für ein paar Wochen da, arbeitet als Schlossführerin im Schloss Hohenschwangau und trifft sich mit Freunden und freut sich auf das Brot. „So ein saftiges Vollkornbrot gibt es in Mexico nicht.“

Text · Foto: Sabina Riegger

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