Kolumne

Von einer Geschichte

Ich bin in einem kleinen buddhistischen Restaurant mitten in Berlin Friedrichshain.

Es ist später Abend, und die Sonne geht bald unter. Der Himmel leuchtet in warmen Farben. Über dem Tresen am Eingang zum Restaurant hängen Lampenschirme aus geflochtenem Bast. Die Kellnerin sieht mich und begrüßt mich mit gefalteten Händen und einer Verbeugung. Ich freue mich so darüber. Die Atmosphäre hier in dem kleinen Restaurant ist ganz besonders. Im Hintergrund hört man den Ventilator laufen und Leute reden, das Licht ist warm, und die letzten Sonnenstrahlen scheinen durch die bodentiefen Fenster. Ich habe Essen zum Mitnehmen bestellt und warte an einem Tisch direkt an einer großen Wand, auf der steht: „Niemals in der Welt hört Hass durch Hass auf. Hass hört durch Liebe auf.“ Ich lese mir Buddhas Worte immer und immer wieder durch, während ich auf das Essen warte. Gleich neben mir sitzt ein schwules Pärchen, die beiden lachen und halten Händchen. Draußen sitzt eine dunkelhäutige Frau, sie ist wunderschön, und außerdem isst sie mit Stäbchen besser, als ich es mit irgendeiner Gabel je könnte. Darum beneide ich sie heimlich.

Während ich mir die Leute um mich herum ansehe, und über die Worte an der Wand nachdenke, fällt mir eine Geschichte dazu ein:

Es gab einen Ort, in dem es den Menschen sehr wichtig war, wie sie nach außen hin wirkten. Also schmückten sie sich mit all ihren Besitztümern. Die einen hingen all ihren Schmuck um, andere wedelten mit ihrem Geld umher und wieder andere trugen Gemälde und scheinbar wertvolle Gegenstände mit sich herum.

Das taten sie, weil sie hofften, ihre Besitztümer würden ihnen helfen, die hohe Stadtmauer, die sie umgab, zu überqueren. Jeden Tag aufs Neue bauten sie Stapel an der Mauer entlang und versuchten, mit Schweiß und Tränen sie zu überqueren. Aber kein Besitz war nützlich genug. Kein Stapel war auch nur annähernd hoch genug. Der Unmut der Menschen wuchs. Sie stritten und bestahlen einander. Jeder war für sich und alle alleine.

Es war an einem kalten Herbsttag und es war beinahe alles wie immer. Die Stapel an der Mauer wuchsen, die Menschen stritten. Unter ihnen war eine junge Frau. Sie hatte nichts, außer dem, was sie an Kleidung trug. Sie sprach eine andere Sprache, sie sah anders aus. Anders für die anderen. Sie hatte nichts und fiel niemandem auf. Nicht gestern und nicht heute.

Die Frau lächelte friedvoll und ging entschieden auf die unüberwindbar wirkende Stadtmauer zu. Sie hielt vor dem wuchtigem Tor, das mit einem Riegel verschlossen war. Sie hob den Riegel ab. Das Tor öffnete sich. Sie war jetzt auf der anderen Seite.

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