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„Von den Bergen bin ich ganz weg.“

Die Alpen üben auf unsere Gäste aus nah und fern, aber auch auf uns Einheimische eine große Anziehungskraft aus. Die schönsten Aussichtspunkte, Berghütten, Wanderwege und -steige erfreuen sich gerade im Sommer und Herbst großer Beliebtheit. Der überragende Ausblick von der Säulingwiese, die Gipfelkreuze des Aggensteins oder des Branderschrofens, das „Fensterl“ auf der Hochplatte, um einige zu nennen, lassen die Herzen von Bergsteigern und Wanderern höherschlagen. Auf den Berggipfeln erfährt man ein besonderes Gefühl von Freiheit. Auf dem Dach der Welt, weit entfernt von allem Trubel, aller Hektik. Man hat das Gefühl, für diese Zeit seinem Alltag, ja den Sorgen des Lebens entflohen zu sein. Man konzentriert sich nur auf sich selbst, jeden Schritt und die fast unberührte Natur um sich herum.

Jeder, der einmal eine Bergtour gemacht hat, kennt dieses besondere Gefühl. Jedoch ist es kein Privileg der heutigen Zeit. Bereits vor vielen Jahrzehnten wanderten die Menschen zum Vergnügen auf die Gipfel der Berge. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es sogar einige wenige Frauen, die Berge erklommen. Eine davon war Königin Marie von Bayern, eine geborene Prinzessin von Preußen und Mutter des späteren König Ludwigs II. Schon Maries Mutter, Prinzessin Maria Anna von Hessen-Homburg, begeisterte sich für die Berge und verbrachte viel Zeit mit ihrer Familie auf Wanderungen im Riesengebirge mit dessen höchster Erhebung, der Schneekoppe (1603m). Allerdings kann man diese Wanderungen, die eher ausgedehnten Spaziergängen glichen, nicht mit den späteren Bergtouren Maries vergleichen.

Nachdem Marie im Oktober 1842, zwei Wochen nach ihrer Hochzeit, das erste Mal im Schloss Hohenschwangau residierte, war sie vollständig eingenommen von der atemberaubenden, unberührten Natur und den Bergen, die sich quasi vor ihrer Haustür aufrichteten. „Von den Bergen bin ich ganz weg,“ schrieb Marie während dieser Zeit an ihre Mutter nach Berlin. Sie wollte unbedingt auf einem dieser Gipfel stehen können. Dabei waren es nicht nur die Berge rund um Hohenschwangau und des angrenzenden Tirols, die sie faszinierten. Auch die Berchtesgadener Berge hatten es ihr angetan. Doch wie konnte man es einer Kronprinzessin und späteren Königin ermöglichen, Bergsteigen gehen zu können? Ihre ausgezeichnete körperliche Konstitution stand ihr nicht im Wege. Ausdauer und Kraft besaß sie. Es war die damalige Mode, bzw. die Bekleidungsregeln für königliche Hoheiten, die eine schwierige Bergtour, mit felsigem Boden, teilweise ausgesetzten Stellen, umgefallenen Bäumen und steilen Abhängen schier unmöglich machten. Die sehr weit ausgestellten, bodenlangen Röcke, die vielen Unterröcke, Reifröcke und dergleichen ließen dieses Vorhaben fast unmöglich erscheinen. Wie sollte man diese Hindernisse überwinden, ohne sie erkennen zu können, da man aufgrund des Rocks seine eigenen Füßen nicht sehen konnte. Die Lösung klingt in unserer heutigen Zeit völlig unspektakulär. Marie ließ sich für ihre Wanderungen ein geeignetes Kostüm aus feinstem Loden anfertigen. Der Rock war nicht mehr bodenlang, sondern reichte nur noch bis ungefähr zur Mitte der Wade. Das Korsett wurde durch ein Schnürmieder ersetzt. Der bahnbrechende Einfall bei diesem Kostüm bildete allerdings die bodenlange Lodenhose, die Marie unter dem Rock trug. Die Hose für die Frau war, auch wenn sie der Rock weitestgehend verbarg, eine Neuheit, die ihresgleichen suchte. Dieses Kleidungsstück erlaubte es der späteren Königin, bei größeren Hindernissen ihren Rock so hoch wie möglich heben zu können, ohne dabei ihre Beine und Füße enthüllen zu müssen.

Marie wurde eine begeisterte und ausdauernde Bergsteigerin. Während jedes Aufenthalts in Hohenschwangau bestieg sie zahlreiche Gipfel der Umgebung. Säuling, Aggenstein, Hochplatte und Schlicke wurden von ihr fast jährlich bestiegen. In den Berchtesgadener Bergen erklomm sie sogar den Watzmann, dessen Gipfelbesteigung nach wie vor nur etwas für erfahrene Bergsteiger ist. Das Bergsteigen war ihr eine solche Herzensangelegenheit, dass sie 1844 sogar einen Orden stiftete: Den Alpenrosenorden. Dieser Orden ist wie die Blüte einer Alpenrose geformt und hängt an einer blassrosa Ordensschleife. Es erhielten ihn nur diejenigen, die mit der Königin auf die Achsel bei Musau stiegen. Die Statuten zur Ordensgründung schrieb Marie selbst. In ihnen ist zu lesen: „Dieser Orden ward am 18ten Juni 1844 gestiftet, zum Andenken der dreimaligen, so glücklich abgegangenen Achselbesteigung. (…)“. Unter den Personen, die diesen Orden verliehen bekamen, waren alle, die diese Achselpartie mit Marie meisterten, darunter auch alle ihre Hofdamen und ihre Obersthofmeisterin. Ihr Schwiegervater König Ludwig I. wurde das erste Ehrenmitglied. Der Alpenrosenorden sollte keinen politischen Zweck erfüllen, sondern ausschließlich als Symbol der Freundschaft dienen. Das letzte verbliebende Exemplar dieses Ordens kann heute im Museum der bayerischen Könige bewundert werden.

Zahlreiche Wander- und Reitwege, Berghütten und -häuser, wie die Kenzenhütte, das Schweizerhaus in der Bleckenau oder das Tegelberghaus, wurden in dieser Zeit angelegt und gebaut. Maximilian II. ließ zwischen Berchtesgaden und Hohenschwangau 19 Jagdhäuser errichten. Ein Zeitzeuge schrieb in seinen Aufzeichnungen: „(…) Auch wurde eine neue, sehr gute Straße auf die Jugend durch das Jugendtal in die Bleckenau und zur Jägerhütte in der hinteren Alpe, einige Reitwege, wie auf das Älple, zu der vom Gutsbesitzer Kolp, Füssen, erbauten Sennhütte, und auf den Tegelberg und viele Fußsteige nach allen Richtungen in der Gebirgswaldung und endlich noch eine Fahrstraße durch das Tal am Schwansee vorüber, hinter dem Kalvarienberg zum Weißen Haus auf die Landstraße nach Reutte oder Vils angelegt. (…)“. Die Bergwelt erlebte durch die Wanderbegeisterung der späteren Königin Marie und die Jagdleidenschaft ihres Ehemanns König Max II. eine grundlegende Erschließung, von der wir noch heute profitieren.

Text: Vanessa Richter, Kulturvermittlerin im
Museum der bayerischen Könige in
Hohenschwangau
Foto: Wikipedia

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