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Träume sollte man sich erfüllen

„Gottes vergessenes Land“, so nannte man früher Albanien, das Land der Shqipetaren, einem stolzen Volk an der Adriaküste, das jahrzehntelang von der Außenwelt abgeschottet war. Religion gab es nicht, dafür aber umso mehr Kommunismus, der streng genommen keiner war. Gleichheit für alle war ein Fremdwort für Parteimitglieder.

Albanien hat sich schon längst von den Fesseln der Diktatur befreit. Das Land hat eine hohe Arbeitslosenquote unter den jungen Erwachsenen. Nach dem Studium gehen sie oft einer anderen Arbeit nach oder ins Ausland.

Valentina Dashballa hat sich in Deutschland einen Wunschtraum erfüllt, wo sie als Krankenschwester arbeitet und anderen Menschen Mut zu machen versucht. Seit dreieinhalbb Jahren arbeitet sie in der Dialysepraxis von Dr. Robert Betz in Füssen. „Ich bin froh, dass ich in meinem Beruf arbeiten kann. Viele bekommen nicht die Möglichkeit dazu. Ich bin ein Glückskind“, erzählt sie. Nach ihrem Studium an der Universität von Tirana, der Hauptstadt von Albanien, war für sie klar, dass sie ins Ausland gehen wird. Doch so einfach, wie sich das anhörte, war es nicht. Sie musste erst einmal ihre Familie überzeugen, dass genau das das Richtige für sie ist. „In Albanien reden nicht nur die Eltern mit, sondern auch die ganze Familie. Eine Frau alleine in Albanien lebt anders als in Deutschland. Man kann es nicht vergleichen. Sie kann nicht unabhängig leben. Letztendlich stand mein Vater hinter mir. Meine Mutter ist selbst heute noch nicht davon überzeugt, dass es der richtige Weg für mich war“, so die junge Frau. Familienzugehörigkeit wird in Albanien sehr groß geschrieben. „Es ist eine Fessel und zugleich auch eine Stütze und Geborgenheit“, fasst es Valentina Dashballa zusammen.

Jetzt, nach über vier Jahren in Füssen, ist sie in Deutschland angekommen und hat sich an das Land und die Kultur gewöhnt. „Anfangs war es schwierig. Nach drei Monaten wollte ich wieder zurück. Mein Vater sagte mir, dass ich durchhalten soll. Ich bin froh, dass ich auf ihn gehört habe und geblieben bin. Ich fühle mich hier sehr wohl.“ Seit über 27 Jahren leben ihre Eltern in Griechenland. Es ist ihre zweite Heimat geworden. Gemeinsam treffen sie sich entweder in einem anderen Land, um Urlaub zu machen, oder bei den Großeltern in Albanien. Valentina Dashballa wuchs bei ihrer Oma auf. Ihre Eltern finanzierten ihr die Schulausbildung und das Studium. „Ich habe es insofern immer sehr gut gehabt und musste mich um nichts kümmern oder sorgen. Da haben es meine Eltern viel schwerer gehabt“, blickt sie zurück. Sie erzählt vom Leben ihrer Eltern, von den neun Geschwistern ihres Vaters und der Brotsuppe, wenn sie nichts anderes zu essen hatten, und das war oft. Valentina Dashballa kommt aus Librazhd, einem Ort in Ostalbanien in der Nähe von Elbasan.

Dass sie nach Füssen kam, hat sie einer Aupair-Website zu verdanken. Dort meldete sie sich an. „Auch hier hatte ich Glück. Ich bin zu einer sehr netten Familie gekommen. Mit ihr habe ich immer noch ein inniges Verhältnis. Es ist ein Stück Zuhause für mich“, so die lebensfrohe junge Frau. Wenn sie an die letzten Jahre in Füssen denkt, verdreht sie die Augen und lacht. Lacht über Online-Banking, gefrorenes Fleisch und ihr Temperament. „In Albanien kauft man kein gefrorenes Fleisch. Es muss alles frisch sein. Überhaupt ist Essen ein geselliges Beisammensein, das vermisse ich manchmal. Da ich mich früher um nichts kümmern musste, hatte ich keine Ahnung, wie Online-Banking geht, oder generell Überweisungen“, erzählt sie lachend. Valentina Dashballa ist eine fröhliche Frau. Lachen ist für sie Balsam genauso wie Musik. „Ganz ehrlich, ich höre gerne albanische Volksmusik, da ist so viel Herzschmerz dabei. Das finde ich einfach schön. Dann singe ich lautstark mit und tanze durch die Wohnung.“ Viel Kontakt zu anderen Albanern hat sie nicht, es gibt auch zu wenige, die aus ihrem Heimatland kommen. „Viele verwechseln Kosovo mit Albanien. Das ist nicht das selbe“, meint sie. Wenn man sie fragt, was das Leben in Albanien und Deutschland ausmacht, muss sie gar nicht lange überlegen. „Das Leben in Deutschland ist manchmal monoton. Hier setzen die Menschen den Fokus auf die Arbeit und nicht das Leben. Umso lebensfroher und bunter ist es in Albanien. Da spielt die Geselligkeit eine große Rolle, das Beisammensein oder anders ausgedrückt, die Gemeinschaft und die Familie. Ich habe das Gefühl, dass Familie hier eine andere Bedeutung hat. Ab einem gewissen Zeitpunkt lebt jeder für sich selbst. Deutschland ist strukturiert, Albanien nicht. Ich erlaube mir einfach, meine Kultur zu leben in einem schönen Land, von dem ich bereits viel gelernt habe. Diese Mischung finde ich für mich ideal, deswegen habe ich auch nicht dieses Heimweh. Natürlich vermisse ich das Eine oder Andere, wie zum Beispiel das Meer und den Strand. Aber Füssen ist so schön. Ich kann Fahrrad fahren, an einen See gehen…“, sagt sie. Ob sie Wünsche für die Zukunft hat? „Momentan bin ich glücklich mit dem, was ich habe. Ich habe meinen Job, meine Wohnung, Freunde, ich schaffe mein Leben alleine. Ich muss niemanden finden, der mich finanziert“, sagt sie selbstbewusst.

Text: Alexander Berndt · Foto: Sabina Riegger

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