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Geschichten aus Hohenschwangau

König Ludwig II. von Bayern war ein rastloser Monarch. In seinem Königreich hatte er sich während seiner Regentschaft unterschiedliche Zufluchtsorte geschaffen, die er einmal oder mehrmals im Jahr aufsuchte. Der Standortwechsel scheint für einen Außenstehenden eher willkürlich zu sein. Der Eingeweihte weiß jedoch, dass sich die Reisen des Königs einem festen Plan zu beugen hatten: Schloss Berg am Starnberger See mit dem Casino auf der Roseninsel. Schloss Linderhof mit den umliegenden Berghäusern auf dem Pürschling oder dem Brunnenkopf. Die Hundinghütte, die Einsiedelei oder das Marokkohaus in der verborgenen Einsamkeit des Ammerwaldes waren nur einige der Stationen.

Fester Bestandteil des königlichen Jahreskalenders war auch der Aufenthalt in Hohenschwangau. Seit er wenige Wochen nach seiner Geburt das ersten Mal im romantischen Schlösschen am Rande der Alpen war, reihten sich fast jährlich immer länger werdende Aufenthalte dort aneinander. Seit 1882 bot sich ihm sogar die Möglichkeit, in zwei Schlössern in Hohenschwangau residieren zu können. Schloss Hohenschwangau, das sein Vater wieder aufbauen ließ und Ludwigs brandneues Schloss Neuschwanstein, das sich auch nach 1882 noch immer im Bau befand und zu Lebzeiten des Königs nicht mehr fertiggestellt werden sollte. Meistens wohnte er deshalb abwechselnd im „alten“ und im „neuen“ Schloss, was man aus den Aufzeichnungen unterschiedlicher Personen des königlichen Hofstaates entnehmen kann. Dabei war der König wohl sehr sprunghaft. Mal genoss er die Abgeschiedenheit seines neuen Schlosses Neuschwanstein, dann wiederum bevorzugte er die gewohnte und vertraute Umgebung seines Schlosses Hohenschwangau.

Gerade in den letzten Jahren seines Lebens hatte sich der Tages- und Nachtrhythmus Seiner Majestät völlig umgekehrt. Er stand abends zwischen sechs und sieben Uhr auf, nahm zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens das Diner, also das Mittagessen ein, und schloss den Tag mit einem Abendessen, dem Soupé, bevor er sich zwischen sechs und sieben Uhr morgens wieder zu Bett legte. Dieser umgekehrte Lebensrhythmus bedeutete aber auch, dass sich die Ausflüge des Königs in den Nachtstunden abspielten.

Zum Beispiel war er es gewohnt, fast jeden Sonntag während seiner Aufenthalte in Hohenschwangau das Schweizerhäuschen in der Bleckenau zu besuchen. Das bedeutete für Küchenbedienstete und Angestellte des Marstalls, Kutschfahrten und Ritte in der Dunkelheit, nur spärlich beleuchtet von Fackeln und dem Schein des Mondes. Einige Zeit bevor der König ankam, rumpelte dann ein vollbepackter Fourgon, eine vierspännige Gepäckkutsche mit Küchenutensilien, die schmale Jugendstraße Richtung Bleckenau hinauf. Als dann etwas später auch der König in der Bleckenau ankam, war er meist überwältigt von der umliegenden Natur „… die Juninacht ist klar und hell, und bevor der König das Diner befiehlt, steht er noch lange auf dem Umgang des Häuschens im ersten Stock und schaut, unberührt von seiner Umwelt, zum Säuling hinauf. … “, schreibt ein Küchenbediensteter in seinen Erinnerungen.

Genoss König Ludwig II. oft die exquisitesten Speisen an den ungewöhnlichsten Orten, sollte es in der Bleckenau an diesem Tag etwas ganz Einfaches sein. „… Zum Diner hier müssen dann immer in Asche gebratene Kartoffeln mit frischer Butter gereicht werden. Bei seiner Mutter hat er sie immer so gegessen, als er jung war. So will er sie auch heute wieder haben. …“, erinnert sich der Bedienstete weiter.

Natürlich musste sich auch das Dienstpersonal an den außergewöhnlichen Lebensrhythmus des Königs anpassen. Aus den Aufzeichnungen unterschiedlicher Mitglieder des königlichen Dienstes wissen wir heute, dass das nicht immer so einfach war. Gerade das „Nachts-wach-bleiben“ machte dem ein oder anderen zu schaffen. Eine kurze „Pause“ an der frischen Luft wirkte oft Wunder. Ein Küchenjunge schreibt in seinen Memoiren, dass er des Nachts immer wieder an die frische Luft ging, um nicht einzuschlafen. So kam es durchaus vor, dass er im Mondschein auf dem Küchenbalkon des Schlosses Neuschwanstein stand, die frische, kühle Luft genoss und dabei die Füchse beobachtete, die sich von der Pöllatschlucht hinauf zum Schloss ihren Weg bahnten, um die hinabgeworfenen Essenreste zu stehlen. Zeigte die frische Luft allein nicht ihre Wirkung, ließ er eine Spieluhr musizieren, die er spezielle gekauft hatte, um nachts wachzubleiben. Einmal kam, gerade als die Melodie der Spieluhr ertönte, der Kammerdiener des Königs in die Küche gestürmt, um zu erfahren, wer denn diese laute Musik spiele. „… Der König wolle soeben die Wendeltreppe im Turm zum Sängersaal hinaufgehen, doch der Turm wirke wie ein Schalltrichter …“, und die Musik der kleinen Spieluhr sei bis nach oben laut zu hören gewesen. Dem Küchenjungen war nicht klar gewesen, dass der Turm, der sich von der Küche über fünf Stockwerke erstreckte, wie ein Verstärker wirkte, der die Musik bis nach ganz oben in die Turmspitze klingen ließ.

Selbstverständlich beendete er sofort seine Musik voller Angst es wäre die letzte Möglichkeit, diese während seiner Dienstzeiten abspielen zu können. Doch kurze Zeit nachdem der königliche Kammerdiener die Küche verlassen hatte, kam ein weiterer Diener in die Küche und ließ dem Küchenjungen vom König ausrichten, dass er die Musik sofort wieder spielen solle, „… der König ergötze sich an den feinen Tönen, die ihm der Turm entgegen trage. …“.

Text: Vanessa Richter, Kulturvermittlerin im
Museum der bayerischen Könige in
Hohenschwangau
Foto: Wikipedia

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