KulturLeben

Kino-Tipp zum Weltfrauentag: Die perfekte Kandidatin

Der neue, intensive Film von Haifaa Al Mansour startet am 12. März 2020 bundesweit zum Internationalen Frauentag – Kinostart ist auch im Füssener Alpenfilmtheater.

Der lang erwartete, neue Kinofilm der preisgekrönten Regisseurin feierte 2019 seine Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Haifaa Al Mansours Debüt „Das Mädchen Wadjda“ wurde nicht nur vielfach international ausgezeichnet, sondern erreichte auch weltweit ein riesiges Publikum. Auch ihr neuer Film „Die perfekte Kandidatin“ ist großes Kino zwischen Gefühl und Politik. Mit großer erzählerischer Stärke und geleitet von einem zärtlichen Blick auf eine faszinierende Hauptfigur gelingt in „Die perfekte Kandidatin“ ein gefühlvolles Drama, das die Emanzipation nicht nur zeigt, sondern ihr zutiefst politisches Wesen sichtbar macht.

Die Regisseurin Haifaa al Mansour erzählt in „Die perfekte Kandidatin“ mit viel Weitsicht und Feingefühl, wie eine minimale gesellschaftliche Öffnung der Klaviatur bürokratischer Willkür völlig neue Töne entlockt. Ihre Signatur ist ein weiblicher Blick, der seine Perspektive immer mitzudenken versteht, eine Film gewordene Verneigung vor der Unbezähmbarkeit weiblicher Souveränität. So entsteht das so beflügelnde wie scharfsichtig nachgezeichnete Porträt einer Emanzipation, das zeigt, wie zutiefst überwältigend Kino sein kann.

Langfassung

Maryam lebt zusammen mit ihrem verwitweten Vater Abdulaziz und ihren beiden Schwestern Selma und Sara in einer kleinen Stadt in Saudi-Arabien. Als moderne junge Frau, die einer aufgeschlosseneren Generation angehört, möchte sie ihr Leben selbst gestalten und nutzt die ihr gebotenen neuen Möglichkeiten. Sie arbeitet als Ärztin im örtlichen Krankenhaus und ist stolz darauf, ihr eigenes Auto zu besitzen. Eine Freiheit, die lange undenkbar war. Sie liebt ihren Beruf, auch wenn sie sich als Frau in einer
bis dato nur für Männer vorgesehenen Tätigkeit immer noch täglich den Respekt der Kollegen und Patienten sehr hart erkämpfen muss. Besonders gegenüber den männlichen Patienten hat sie es schwer, ihre fachliche Kompetenz zu beweisen. Der Gedanke, dass Männer und Frauen Seite an Seite zusammenarbeiten ist für viele noch sehr gewöhnungsbedürftig. Aber Maryam versucht, sich nicht entmutigen zu lassen. Sie begegnet den Zweiflern mit Stärke und selbstbewusster Souveränität.

Zu Hause ist das Familienleben harmonisch. Zwar werden die bestehenden Traditionen respektiert und gepflegt, dennoch herrscht eine sehr offene Atmosphäre. Maryams Vater ist nach dem Gesetz das Familienoberhaupt und solange seine Töchter nicht verheiratet sind, der rechtliche Vormund. Er bemüht sich aber, seine Kinder bei ihren Plänen für die Zukunft zu unterstützen. Er weiß als Musiker selbst am besten, wie schwierig es ist, mit ständigen Restriktionen zu leben. Lange Zeit war das kulturelle Leben im Land extrem eingeschränkt. Und nicht selten wurde die Familie verspottet, weil er und seine Frau von einer musikalischen Karriere träumten, die sich aufgrund der Gegebenheiten leider nur auf Hochzeitsauftritte beschränkte. Abdulaziz ist seinem Traum treu geblieben und probt mit seiner traditionellen Musikgruppe weiterhin für den Durchbruch. Auch Maryams ältere Schwester Selma hat sich als erfolgreiche Hochzeitsfilmerin ein eigenes unabhängiges Geschäft aufgebaut. Und kann sich an den Wochenend-Events auch jederzeit auf die Mithilfe und Unterstützung ihrer beiden Schwestern verlassen.

Im Krankenhaus stößt Maryam immer häufiger an ihre Grenzen. Nicht nur, weil sie sich als Frau immer wieder durchsetzen muss, sondern scheinbar ist sie auch die Einzige, die der marode Zustand der Klinik wütend macht. Besonders die unbefestigte und schwer überwindbare Zufahrtsstraße stellt für die Sanitäter eine extreme Herausforderung dar. Und gerade in Notfallsituationen zählt jede Minute. Maryam möchte dringend Verbesserungen, aber ihre fortwährenden Bemühungen, beim amtierenden Gemeinderat Dr. Tarek finanzielle Mittel zu erbitten, werden immer wieder abgelehnt.

Daher beschließt die junge Ärztin, an einer Fachkonferenz in Dubai teilzunehmen. Sie möchte sich dort für eine bessere Stelle bewerben. Gleichzeitig verkündet Abdulaziz seinen Töchtern, dass er mit seiner Musikgruppe auf eine dreiwöchige Tournee geht. Eine Chance, auf die er über 20 Jahre gewartet hat. Endlich kann er als echter Musiker vor einem echten Publikum spielen. Vor seiner Abreise händigt er Maryam ihre Reiseerlaubnis aus. Am Flughafen angekommen, wird diese aber wegen einer banalen Formalität abgelehnt: Maryam darf nicht fliegen. Sie versucht erfolglos, ihren Vater zu erreichen, denn nur ein Vormund kann die Papiere bekräftigen. Frustriert und verzweifelt versucht sie alles, um doch noch nach Dubai fliegen zu können. Da fällt ihr plötzlich der Cousin ihrer Mutter ein. Rashid ist ein Verwaltungsbeamter und kann vielleicht helfen. Schnell fährt sie zu seinem Büro. Aber auch hier wird sie zunächst abgewiesen, da Herr Rashid heute nur Bewerber für den Gemeinderat empfängt. Verärgert lässt sich Maryam kurzerhand einen Antrag aushändigen.

Rashid kann Maryam bei der Reiseerlaubnis aber nicht helfen. Die Dubai-Reise fällt ins Wasser. Allerdings unterschreibt er den Antrag für die Gemeinderatskandidatur, verweist aber gleich darauf, dass es gerade für eine junge Frau sehr schwierig wird, sich durchzusetzen. Dr. Tarek ist ein sehr starker Konkurrent, der schon seine dritte Amtszeit bekleidet. Jetzt vor den Neuwahlen setzt er viele Projekte um, wie Parks, Kinderspielplätze und Einkaufszentren. Maryam kann nicht umhin, nach der Straße zur Klinik zu fragen. Diese steht allerdings nicht auf dem Sanierungsplan.

Je mehr Maryam über die zunächst aus Trotz erfolgte Kandidatur als Gemeinderätin nachdenkt, umso stärker reift ein Gedanke in ihr. Motiviert von den jüngsten Ereignissen und dem Drang, die inakzeptablen Zustände des Krankenhauses zu verbessern, will sie sich der Herausforderung stellen. Aber wie geht man vor? Das Internet hilft: Zehn Schritte zur eigenen Wahlkampagne.

Bei den Schwestern stößt ihr Vorhaben zunächst eher auf gemischte Gefühle. Besonders ihre kleine Schwester Sara hat Angst, dass die Familie erneut zum Gespött der Leute wird. Und auch Selma hat so ihre Zweifel, besonders wenn der überstürzte Plan mit Hilfe einer Google-Anleitung umgesetzt wird. Aber Maryam lässt sich nicht mehr abbringen. Letztlich weiß sie ganz gut, wie sie ihre Schwestern auf Linie bringen kann.

Die drei Schwestern beginnen, am politischen Auftritt Maryams zu basteln. Mit Smartphones, ein bisschen Videotechnik und dem nötigen Selbstvertrauen ist die Kampagne schnell zum Laufen gebracht. Und weil sich Maryam an ein für lokale Verhältnisse doch recht ungewöhnliches Unternehmen gewagt hat, ist Aufmerksamkeit quasi garantiert. Doch nun stellen sich plötzlich ein paar ganz praktische Fragen: wer als politische Kraft in Erscheinung treten möchte, sollte eventuell keinen Schleier vor dem Gesicht tragen? Wie lässt sich eine männliche Wählerschaft adressieren, wenn man sich nicht im selben Raum aufhalten darf? Vor dem Hintergrund einer sehr speziellen Situation offenbaren sich plötzlich ganz fundamentale Mechanismen des politischen Austauschs: Politik ist nur möglich, wenn man denselben Raum gleichberechtigt teilt, im selben Raum anwesend ist, auf derselben Bühne sprechen kann wie die männlichen Kandidaten. Gleichheit und Politik sind nicht voneinander zu trennen.

Auch Schritt zwei der Do-it-Yourself-Wahlkampagne nehmen die Schwestern beherzt in Angriff: die eigene Wahlparty muss her. Maryam wird immer mutiger. Sie bucht eine große Veranstaltungshalle, lockt mit einer Modenschau und einer bekannten Musikerin und lädt alle Frauen der Stadt ein. Als der Tag des ersten öffentlichen Auftritts gekommen ist, beschleicht sie leichte Nervosität. Daran, vor einem großen Publikum das Wort zu ergreifen, muss sie sich erst noch gewöhnen. Doch auch als ihre erste Rede ein voller Erfolg wird, ist das Ergebnis ernüchternd. Viele sagen ihr im Anschluss, dass sie sich nicht trauen werden, einer Frau ihre Stimme zu geben.

Das provoziert Maryams Kampfgeist: jetzt erst recht will sie zeigen, dass sie sich Gehör verschaffen kann, dass ihr Kampf gerechtfertigt ist und ihre Ziele für alle eine Verbesserung bringen werden. Maryam besucht unverschleiert TV-Shows, sie wagt sich sogar in ein Zelt voller Männer und besteht darauf, angehört und als Kandidatin für den Gemeinderat respektiert zu werden. Immer mehr rüttelt die junge Frau die Menschen in der Stadt auf, gewinnt die Anerkennung und die Stimmen der Kolleginnen. Maryam schafft es, in den Umfragen zu einer veritablen Konkurrentin Dr. Tareks aufzusteigen. Und der reagiert: Maryams wichtigstes Ziel, die Asphaltierung der Klinikzufahrt, steht plötzlich auf seiner Agenda. Zur Wahl bleiben nur noch wenige Tage.
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Die DarstellerInnen

Mila Al Zahrani als Maryam: Sie repräsentiert die neue junge Generation saudi-arabischer Schauspielerinnen, die die aktuelle Filmszene des Landes prägen. Nachdem sie 2016 erste Filmrollen übernahm, gelangte sie national schnell zu Ruhm und Popularität. Sie überzeugt mit Rollen und Charakterdarstellungen, die unkonventionell und kraftvoll sind. Ihre Hauptrolle in dem saudischen Drama BOXING GIRL als Boxmeisterin machte sie im ganzen Land zum Star.

Khalid Abdulrahim als Abdulaziz: DIE PERFEKTE KANDIDATIN ist Khalids erste Rolle als Schauspieler. Er ist jedoch in der Underground-Folkmusik-Szene Saudi-Arabiens sehr bekannt. Er gründete und leitete mehrere Bands, die seit der Aufhebung des Auftrittsverbots im ganzen Land spielen. Auch arbeitet er daran, jungen Musikern Spielorte und Möglichkeiten zu bieten, ihre Talente zu entwickeln und aufzutreten. Er findet Spielorte und Möglichkeiten für junge Musiker, um ihr Talent weiter zu entwickeln.


Dae Al Hilali (Dhay) als Selma: Die junge Künstlerin macht sich sowohl als Schauspielerin als auch im Social Media auf sämtlichen Medienplattformen einen Namen. Obwohl sie als angesagte Influencerin und Networkerin bekannt ist, wo sie die Grenzen austestet, wie sich saudische Frauen virtuell präsentieren, ist sie auch in der Welt der klassischen Medien ein aufstrebender Star, der mehrere Rollen in lokalen Fernsehproduktionen an Land zieht.

Shafi Al Harthi als Mohammed: Er ist einer der profiliertesten Schauspieler des Landes. Er arbeitet seit über 20 Jahren und zählt zu den renommiertesten saudischen Fernsehstars. Er ist bekannt für seine abgebrühten Rollen wie hartgesottene Polizisten. Die Darstellung eines unterstützenden und lustigen Freundes ist für ihn als Schauspieler eine spannende Abwechslung.


Die aus Saudi-Arabien stammende Regisseurin Haifaa Al Mansour schloss ihren Bachelor in Literatur an der American University in Kairo ab und machte ihren Master in Regie und Film an der Universität in Sydney. Sie ist die erste Filmemacherin Saudi-Arabiens, und ihr preisgekröntes Kinodebüt „Das Mädchen Wadjda“ (2012) war der erste Film, der jemals vollständig im Königreich Saudi-Arabien gedreht wurde. „Das Mädchen Wadjda“ wurde zu über 40 Filmfestivals weltweit eingeladen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. in Venedig, Rotterdam und Dubai.

Die preisgekrönte, BAFTA-nominierte Regisseurin Haifaa Al Mansour. © Brigitte Lacombe

Text: mm filmpresse

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