Kolumne

Inga

Es gibt dieses Lied von America. Es heißt „a horse without a name“. Ein Klassiker. Ein Lied, das mich berührt, beruhigt und antreibt.

Deshalb gebe ich alles. Meine Haare wehen durch die Luft und der Fahrtwind treibt mir Tränen in die Augen. Meine Oberschenkel brennen. Ganz zu schweigen von den kleinen schwarzen Insekten in meinem Mund. Mit America im Ohr trete ich auf Inga dem Gegenwind entgegen.

Inga ist mein neues, altes Fahrrad. Sie ist 60 Jahre alt und eine richtige Lady. Inga ist Silber lackiert, hat fünf Gänge und einen Retro-Schalthebel unterhalb des Lenkers.

Ich liebe alte Sachen. Ich hab ein Faible für Oldtimer und Antiquitäten. Und Inga ist Oldtimer durch und durch. Auf dem Trödelmarkt war das ein bisschen wie Liebe auf den ersten Blick mit Inga und mir. Jedenfalls von meiner Seite aus. Ich sah das silberne Damenrad mit Leder-Reparatur- Kit unter dem Sattel und ich wusste: Das ist Inga, mein neues, altes Fahrrad. Seitdem sind ein paar Tage vergangen.

Aber heute ist es soweit und wir drehen zum ersten Mal eine kleine Runde, wir beide. Bisher schwitze ich aber nur und puhle mir nonstop Tierchen von der Zunge. Ich strample wackelig und meistens einhändig auf Inga den Hügel hoch und ehrlich gesagt frage ich mich: Warum eigentlich?

In dem Zusammenhang fiel mir ein Gedanke von Nayyirah Waheed, einer wunderbaren Lyrikerin, ein. Sie schrieb: „The most thing you fear about. Write that.“

Und das habe ich gemacht. Aber erst später. Oben auf dem Hügel. Mit schwitzenden Händen suchte ich nach meinem Handy. Ich schrieb sofort meinem Mann: „Ich konnte es fühlen.“

Oben auf dem Hügel hatte ich Inga geparkt. Ich sah sie an und war glücklich dabei. Vor Inga hatte ich Angst, das Gefühl von Unbeschwertheit vergessen zu haben.

Aber ich habe es nicht vergessen. Auf Inga zu fahren, war ein Gefühl von Freiheit.

Es war wie früher als Teenager. Da war mein Fahrrad Unabhängigkeit, Trost, Glück, Sicherheit und Freude gleichzeitig für mich.

Was auch immer geschehen war oder passieren würde: Draußen stand das Fahrrad und ich konnte fahren. Einfach losfahren. Egal wohin.

Ich konnte in die Pedale treten und weinen, lachen, oder wütend sein. Ich konnte nachdenken, vergessen und loslassen. Mit jedem Tritt mehr wurde das Gefühl stärker. Es war eine Mischung aus Freude, Klarheit und Furchtlosigkeit.

Ein bisschen so, wie heute auf dem bezwungenen Hügel. Also, auf deine nächsten 60 Jahre, meine liebe Inga…

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