Kolumne

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Sollte man immer offen über alles reden? Ich meine als Frau. Als Mensch. Als Mutter. Ist es gut, der Welt die nackte, ungenierte Wahrheit zu offenbaren, auch wenn man die Möglichkeit hätte auf Fragen wie „Und, wie ist das bei Euch so?“ ein Märchen, fernab von Wahrheit und Realität, zu erzählen?!

Ich bin für die Wahrheit. Und nichts als die Wahrheit. Ehrlich gesagt – und da wären wir wieder bei der Wahrheit – kann ich schlecht lügen. Selbst wenn ich wollte, würde ich mich schnell selbst verraten. Die Wissenschaft sagt, wer lügt, der sendet spezifische Körpersignale an sein Gegenüber. Ganz unbewusst und unkontrolliert. Also sowas wie: vermehrtes Schwitzen, der kurze Blick nach rechts oben, der Griff an die Nase, haspeln oder häufiges Räuspern. Oder wie in meinem Fall: Ein verzogener Mundwinkel.

Ich kann mir beim Schwindeln ja schlecht zuschauen, aber dafür kann ich spüren was passiert: Mein Mundwinkel zieht sich mit jedem auch nur geflunkerten Gedanken nach unten. Immer weiter. Das ist wie ein fieser Muskelkrampf. Und ich bin sicher, es sieht nicht gut aus- die Lüge in meinem Gesicht.

Also, lass ich es lieber, und mach das wie meine Freundin. Sie hat vier Kinder und berichtet immer gnadenlos ehrlich und live vom Geschehen. Ihre neueste Schlagzeile: „Bußgeld!!! Fünfjährige mit Schwedenzopf und Kaugummi beim Wildpinkeln erwischt!“

Oh oh. Skandalös, oder?! Ich glaube, jetzt bin ich dran mit ehrlicher, investigativer Berichterstattung. Also, aufgepasst, wie wäre es mit:

„Einsatz!!! Donald Duck bringt sechsjähriges Kind zur Weißglut! Besorgter Nachbar alarmiert Polizei.“

Manchmal bringen nur Kleinigkeiten eine kleine, große Welt zum Einstürzen. Und manchmal ist es ein Buch von Donald Duck. Manchmal fließen Tränen. Manchmal wird es laut. Und manchmal beides. Und dann passieren manchmal ganz verrückte Dinge und die Polizei klingelt später, weil ein Kind abends um halb acht tobend vor Wut und Verzweiflung sein neues Donald Duck Buch verteufelt, weil es kaputt gegangen ist. Und manchmal rufen Leute deswegen halt auch die Polizei. Und manchmal denke ich mir dann: „Gut, dass es wachsame Nachbarn gibt.“

Aber nicht nur manchmal, sondern immer, sage ich meinem Kind: „Lass alles raus. Das ist wichtig. Nur ein bisschen leiser, wenn es geht?!“

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