Menschen

Glauben heute & morgen

Unbefleckte Empfängnis? Da lacht doch heute jeder. Wundertaten eines Heiligen? Nette Märchengeschichte. Wiederauferstehung? Ist höchstens einmal passiert, also unglaubwürdig. Leben nach dem Tod? Schöne Idee, aber völlig unbewiesen. Kirchenschiffe leeren, Kirchenaustritte häufen sich. Der Umgang mit dem Missbrauchsskandal, das Festhalten am Zölibat und der Verweigerung des Priestertums für Frauen werden von vielen als weltfremd und überholt kritisiert. Kurzum: Der Zeitgenosse hat andere Probleme und ist auf andere Problemlösungsstrategien angewiesen. Ist Glauben noch zeitgemäß?

An irgendetwas glauben alle. Das persönliche Wohlergehen kommt ohne Glauben nicht aus. Man muss nicht an Gott glauben, um zu glauben. Man muss nicht Katholik sein, um anzubeten. Man muss sich nicht zum Protestantismus bekennen, um seinen Nächsten zu lieben.

Klaus Winter betreibt ein kleines Restaurant in Füssen und engagiert sich privat im sozialen Bereich. Er kümmert sich nicht nur liebevoll um seine eigenen vier Kinder, sondern sorgt mit seiner Frau auch für zwei Pflegekinder. Der Gastronom bringt es in Sachen Glauben auf den Punkt: „Ich denke, dass Glauben glücklich macht bzw. das er in irgendeiner Form zufrieden macht. Denn Glaube ist zeitlos. Jeder hat eine andere Art damit umzugehen. Mein Fazit: Glaube begleitet durch jede Zeit und Epoche.“

Erstaunlich ist, dass die beiden großen christlichen Kirchen, wie auch immer man misst, nach wie vor die mächtigsten Organisationen der deutschen Gesellschaft sind. Ihre Sozialholdings Caritas und Diakonie beschäftigen jeweils mehr als 400 000 Menschen – sie sind nach dem Staat der größte Arbeitgeber im Land. Klaus Winter erzählt dabei über sein gutes Verhältnis mit Stadtpfarrer Frank Deuring: „Er ist ein Mann der auch schon mal das normale Leben erlebte.

Nicht so ein Superkonservativer im Kleidchen. Er kann den Glauben auch an junge, coole Leute vermitteln, die das dann auch nicht peinlich anderen gegenüber finden.“ Am Wochenende gehen mehr Menschen zum Gottesdienst als in die Bundesligastadien, und in Umfragen bezeichnen sich 70 Prozent der Befragten als religiös. Folglich trifft die simple Diagnose „Säkularisierung“ nicht zu. Wie kann man die bemerkenswerte Stärke der Christlichkeit deuten? Manche Fachleute reden von „believing without belonging“. Demnach glauben die Menschen (etwa an einen Sinn des Lebens), nehmen aber nicht am Kirchenleben teil. Andere sprechen von „stellvertretenden Institutionen“: Kirchen als Krisenmanager für die Notfälle des Lebens und die großen Krisen des Gemeinwesens. Die entscheidende Frage lautet schließlich: Könnte das Leben, könnte die Gesellschaft, könnte die Welt ohne Glauben funktionieren? Die Antwort lautet Nein, weil die eigentliche Währung des Religiösen das Vertrauen ist. Um in einer zerbrechlichen Umwelt zu überleben, muss der Mensch sich von vornherein auf den guten Gang der Dinge verlassen. Er muss mit der konstanten Stabilität seiner Lebenswelt rechnen. Auch der Atheist muss vertrauen können, einen doppelten Boden hat er dafür nicht. Er muss auf seine Sinne vertrauen und kann das Wahrgenommene nicht andauernd infrage stellen. Darum geht es letztlich jedem Menschen, ob Atheist, Esoteriker oder Christ: um die Hoffnung auf die für ihn ideale Ordnung. Um das Heil in Gemeinschaft. Um den Rausch der spirituellen Erfahrung. Wer glaubt, hofft. Wer hofft, vertraut. Und wer vertrauen kann – lebt der nicht glücklicher?

Text: Julia Siemons· Bild: Sabina Riegger

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