Menschen

Wenn einen das Bergfieber packt

Von Romantik und harter Arbeit

Jeden Morgen ins Büro gehen und acht Stunden hinter einem Schreibtisch zu sitzen, wäre für Alfred Rothmayr eine Strafe. Er muss raus in die Natur, Zäune richten und nach seinem Vieh schauen. Denn wenn man seine ganze Kindheit in den Bergen und auf Almen verbracht hat und nichts anderes vorgelebt bekam, wird man ein wenig anders als Andere. Alfred Rothmayr lebt mit der Natur. Er ist kein Alm-Öhi. Nein, das Klischee passt nicht zu ihm, wenn auch das Äußere eher dem entsprechen würde oder fast entsprechen würde, wenn da der Bart wäre und die Pfeife von Heidis Alm-Öhi.

Gemeinsam mit seiner Frau Gertrud bewirtschaftet er seit Mitte Mai die Jägerhütte in Schwangau. Fast drei Stunden läuft man durch die fantastische Berglandschaft, den Duft einatmend von den vielen Kräutern, die es da oben gibt. Wer einmal auf einer hochgelegenen Alm war, verspürt ab und zu den Drang alles hinter sich zu lassen und den Ruf der Natur zu folgen. Einen Sommer auf einer Alm verbringen – was für eine Romantik. Von wegen. Es ist Arbeit, harte Arbeit und das sieht man schon an den Händen von Alfred Rothmayr. „Da muss man zupacken können“, sagt er lachend. An seinem linken Ohr hat er einen kleinen Ohrstecker, eine goldene Kuh, und um den Hals trägt er einen runden Stein, den er an einem Lederriemen hängen hat. „Ich habe Zimmerer gelernt“, erzählt der 55-Jährige. Irgendwie war das klar. Der Beruf hat Spuren an seinen Händen hinterlassen.

FA_08_15_Jaegerhuette02Nur einmal war er als Hirte mit seiner Frau ausserhalb des Allgäus. „Letztes Jahr waren wir in der Schweiz. Es war eine tolle Zeit. Wir haben dort schöne Freundschaften geschlossen“, so Gertrud Rothmayr. Sie ist eine faszinierende Frau. Sportlich mit kurzen grauen Haaren und immer einem Lachen im Gesicht. Ihr Vater war nicht anders als ihr Mann Alfred, erzählt sie. „Er war auch so Natur-bezogen. Das hat mich geprägt.“ Als sie auf die Jägerhütte kamen, musste sich die Almwirtin erst einmal an die Geräusche gewöhnen. Jede Hütte hat ihre eigenen „Geräusche“. Da ist der Holzboden der knarrt oder das Wasserrohr, das plötzlich in der Nacht Gurgeltöne von sich gibt. Mittlerweile hat sie sich daran gewöhnt, ausser an die Matratze. Die hat sie ausgetauscht gegen eine Neue. Die Rothmayrs haben drei Kinder. Junge Frauen, die ihnen beim Umzug in die Jägerhütte halfen. Sie lieben es in der Natur nahe an den Bergen zu sein. „Sie sind so groß geworden. So wie Alfred und ich“, erzählt Gertrud Rothmayr. 97 Stück Jungvieh halten Alfred Rothmayr auf Trab. Am Tag ist er mindestens fünf bis sechs Stunden nur für das Vieh da. Das Weideareal ist groß, für einen Laien riesig. „Da bleibt man fit“, meint die Almwirtin in ihrem Dialekt, das eher ein Schweizerdeutsch als Allgäuerisch ist. In Altstädten wird so gesprochen. Die Schwangauer können sie verstehen und die Gäste auch und wenn nicht „dann versuchen wir es auf Hochdeutsch“, lacht Gertrud Rothmayr.

Es gibt Menschen, die haben das gewisse Etwas im Umgang mit Tieren. Sie spüren, wenn es ihnen nicht gut geht. Alfred Rothmayr ist ein Tierflüsterer und einer der besten Klauenpfleger weit und breit. „Mein Vater war bereits Klauenpfleger und von ihm habe ich viel gelernt. Danach war ich bei einem Tierarzt, der hat mir auch noch viel beigebracht“, erzählt er ruhig. Heute kommen andere Hirten zu ihm, buchen seine Seminare, um ihren Job in der Natur so auszuüben wie er oder zumindest etwas dazu zu lernen. Seit sechs Jahren gibt er ein Mal im Frühjahr einen Lehrgang mit den Themen: Homöopathie für Tiere, Weidemanagement und den richtigen Umgang mit Tieren. Seine Lehrgänge sind gut besucht und die Hirten kommen aus ganz Deutschland. Und weil der Eine oder Andere den Dialekt nicht versteht, füngiert Tochter Judith, eine angehende Ärztin, als „Übersetzerin“. Und im Winter, wenn die Almen zu haben, dann ist Alfred Rothmayr hauptamtlich bei der Berg- und Skiwacht tätig.

Text: Sabina Riegger · Bilder: Hubert Riegger

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