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„Halb Dänin – Halb Deutsche“

Viktoria Strobl über ihr Leben in Dänemark

Mit 17 von zu Hause wegziehen, noch dazu in ein anderes Land, käme für die meisten Jugendlichen wohl nicht in Frage. Das war bei Viktoria Strobl anders. Die 19-Jährige lebt seit zwei Jahren in Kolding, Dänemark. Das Land war ihr nicht fremd, denn ihre Mutter ist Dänin und sie selbst lebte bis zu ihrem zehnten Lebensjahr dort, bevor sie dann mit ihrer Familie ins Allgäu zog. Jetzt lebt sie wieder in Dänemark – und genießt dort ihr selbstständiges Leben.

Warum haben Sie sich mit 17 Jahren  dazu entschieden, von Ihrer Familie und dem Allgäu weg nach Dänemark zu ziehen?

Naja, also die eigentliche Idee kam von meinem Onkel, der in Dänemark lebt und zu dem ich ein recht enges Verhältnis habe. Der sagte irgendwann „Hey, du musst zu mir kommen und hier studieren!“. Und dann ging eigentlich alles ganz schnell. Ich wollte einfach was Neues machen, was Neues kennenlernen, also hab ich mich bei meiner Wunsch-Schule in Kolding beworben, dem „International Business College“ für die Fachrichtung Marketing und Kommunikation. Innerhalb von drei Monaten habe ich dann die Zusage bekommen, meine Sachen gepackt und bin nach Dänemark gezogen.

Drei Monate sind nicht lang für so eine große Entscheidung. Waren Ihre Eltern von Anfang an dafür?

Ja, meine Eltern waren eigentlich von Anfang an dafür, dass ich das mache. Sie wussten, dass ich was Neues sehen und ausprobieren wollte und haben das auch unterstützt.

Sie gehen in Dänemark noch auf die Schule, richtig?

Ja, ich mache da gerade mein Abitur, ein Jahr habe ich jetzt noch. Allerdings ist die Schule da ganz anders als hier in Deutschland. Ich habe beispielsweise schon jetzt eine genaue Fachrichtung, nämlich Marketing und Kommunikation, was man in Deutschland ja eigentlich erst vom Studium kennt. Und in Dänemark in der Schule kann und muss man viel selbstständiger sein.

Inwiefern?

Wir haben zum Beispiel jeden Tag einen anderen Stundenplan, weil wir uns selber aussuchen können, wann wir in die Schule gehen wollen. Es gibt zwar ein ungefähres Raster, der Unterricht ist meistens von 8.10 Uhr bis 15.10 Uhr, und man darf nicht mehr als 110 Stunden im Jahr fehlen, wann genau wir dann aber zum Unterricht erscheinen, bleibt uns überlassen. Wenn ich also am Freitag eine bessere Zugverbindung nach Deutschland habe, kann ich einfach schon am Freitag fahren. Oder mal eine Woche Urlaub machen und nicht zur Schule gehen. Das genieße ich schon sehr.

Wird man dann aber nicht auch schneller nachlässig, wenn man selbst entscheiden kann, wann man in die Schule geht?

Nein, ich denke nicht. Zumindest ist es bei mir und meinen Freunden nicht so. Wir haben alle ein Ziel vor Augen, wollen einen bestimmten Notenschnitt im Abitur erreichen und wissen, dass wir dementsprechend zum Unterricht erscheinen müssen.

Und was ist, abgesehen von der Bildungspolitik, Ihrer Meinung nach der größte Unterschied zwischen Dänemark und Deutschland?

Das ist eine echt schwere Frage. Es gibt mehrere kleine Unterschiede würde ich sagen. Einmal finde ich, dass die Deutschen irgendwie lockerer und offener sind. Hier sagt man sich hallo, wenn man auf der Straße an jemandem vorbeigeht, das tut in Dänemark eigentlich niemand. In Dänemark sind die Menschen dagegen extravaganter. Das ist für mich super, weil ich mich schon immer gerne extravagant und eben irgendwie anders angezogen habe. In Dänemark kann ich wirklich so sein, wie ich bin.

Und die Natur? Vermissen Sie die Berge nicht manchmal?

Doch, schon. Neben meiner Familie und meinen Freunden aus Deutschland ist die Allgäuer Natur das, was ich echt am meisten vermisse. Dänemark ist, was das angeht, einfach so anders! Da ist alles flach und ich wohne direkt am Meer, kann zum Strand laufen. Das ist natürlich auch wunderschön, aber ich freue mich schon immer wieder hierherzukommen und genieße dann die Berge auch sehr.

FA_09_14_strobl02Wie oft besuchen Sie Ihre Familie?

Ich komme eigentlich immer drei Mal im Jahr nach Deutschland. An Ostern, über den Sommer und nochmal im Herbst. An Weihnachten kommt dann meine Familie nach Dänemark, da feiern wir alle zusammen. Mein Onkel, meine Tante und meine Großeltern wohnen in Dänemark alle bei mir in der Nähe, mit denen feiern wir dann alle.

Also haben Sie sowohl zu Deutschland als auch zu Dänemark eine recht enge Bindung, oder? Wie sehen Sie sich selbst, als Dänin – oder als Deutsche?

Ich würde sagen halb – halb. In Deutschland sage ich, ich bin Halb-Dänin, und ich Dänemark, ich bin Halb-Deutsche.

Sie sprechen fließend Deutsch und Dänisch. Sprechen Sie noch andere  Fremdsprachen?

Ja, Englisch spreche ich fließend. Französisch hatte ich 6 Jahre lang in der Schule, also beherrsche ich das eigentlich auch recht gut. Und Norwegisch und Schwedisch verstehe ich komplett, sprechen kann ich es ein bisschen.

Wie kommen Sie denn zu Norwegisch und Schwedisch?

Ich weiß gar nicht genau, das habe ich so vom Hören her gelernt. Dänisch ist den beiden Sprachen recht ähnlich, und wenn man sonst auch noch viele Sprachen kann, kann man sich dann recht viel zusammenreimen.

Haben Sie in Dänemark neben neuen Freunden auch neue Hobbys gefunden?

Ja, ziemlich viele sogar! An unserer Schule bin ich sehr sozial engagiert. Ich bin zum Beispiel immer für die monatliche Party für die Schüler meines Fachbereichs in der Kantine verantwortlich, organisiere da immer den DJ und alles, was eben sonst noch so anfällt. Und vor kurzem erst habe ich einen einwöchigen Skiurlaub nach Frankreich für 200 Schüler organisiert. Sowas macht mir echt Spaß. Neben der Schule arbeite ich dann noch in einem Fitness-Studio. Da unterrichte ich Tanzen und Yoga. Die Dänen sind echt im Fitness-Wahn! Ab und zu geh ich dann noch kellnern und von Juni bis Ende September geh ich oft mittwochs und donnerstags zum Windsurfen.

Wow, hört sich nach einem vollen Terminkalender an!

Ja, das stimmt. Aber ich würde es auch gar nicht anders wollen. Ich bin so eine, die einfach nicht still sitzen kann. Ich habe in Dänemark jetzt mein ganz eigenes, selbstständiges Leben, das genieße ich sehr.

Was möchten Sie nach der Schule machen?

Mein Traum wäre, an der Royal academy of fine arts in Kopenhagen visuelle Kommunikation zu studieren, aber die Aufnahmeprüfungen dafür sind ziemlich schwierig. Mal schauen, ob das klappt.

Also bleiben Sie in Dänemark?

Für das Studium würde ich noch gerne dort bleiben, und wo es mich dann hin verschlägt, weiß ich noch gar nicht, ich denke das ergibt sich dann. Da lasse ich mich einfach überraschen.

Das Interview führte Katja Sontheim ·
Bilder: Viktoria Strobl

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