Menschen

Die Hemmschwelle ist noch da

Tafel unterstützt bundesweit 1,5 Millionen Menschen

Füssen.    „Essen, wo es hingehört“, so lautet der Leitspruch der circa 900 Tafeln in ganz Deutschland. Die Idee dieser Hilfsorganisation ist es, überschüssige aber qualitativ noch einwandfreie Lebensmittel aus dem Handel oder bei den direkten Herstellern zu sammeln und diese an sozial und wirtschaftlich benachteiligte Menschen, kostenlos oder gegen einen geringen Betrag von einem Euro zu verteilen. Seit 2008 gibt es auch eine Tafel in Füssen. Füssen aktuell sprach mit Gaby Müller, Leiterin der Tafel in Füssen, über Zahlen und Fakten dieser ehrenamtlichen Einrichtung.

Seit 2008 gibt es die Tafel in Füssen?
Die  Tafel ist eine feste Größe in Füssen und nicht mehr wegzudenken. Es ist ein beklemmendes Gefühl zu sehen, wie sehr die Zahl der hilfsbedürftigen Menschen in Füssen und Umgebung gewachsen ist. Die Grafik verdeutlicht es. Laut Prognosen werden immer mehr Menschen in Deutschland  auf staatliche Grundversorgung angewiesen sein. Wir sind froh, dass viele , die bedürftig sind, die Hilfe der Tafel in Anspruch nehmen. Wir versorgen jeweils donnerstags ca. 130 – 160 Menschen mit Lebensmitteln, darunter ca. 30-60 Kinder.

Wer sind die Kunden der Tafel?
In Füssen sind es 40 % Rentner und 40% Kinder, die mitversorgt werden, Alleinerziehende, Großfamilien oder Geringverdiener. Unsere Kunden müssen ihren geringen Verdienst durch Dokumente nachweisen und erhalten dann nach deren Überprüfung einen Einkaufsausweis.

Woher Kommen die Waren?
Von Lebensmittelmärkten, Discountern, Bäckern , Metzgern und dem Wochenmarkt in Füssen und dem Füssener Altlandkreis erhalten wir noch vielfältige und einwandfreie Waren , wie ausreichend Obst , Gemüse und Salat, Kartoffeln,  Brot und Semmeln, Milchprodukte und Wurstwaren, ab und zu auch Fisch, alles Nahrungsmittel für eine ausgewogene Ernährung . Unsere Fahrer holen die Waren bei den Lieferanten ab, denen wir sehr dankbar für ihre  Spenden sind.

Sie sprechen von qualitativ einwandfreien Lebensmitteln. Wie definieren Sie das persönlich?

Bei Obst und Gemüse  sortieren wir zunächst  aus, alle Lebensmittel, die wir dann an die Kunden  abgeben, würden ich und  meine Mitarbeiter auch selbst essen. Fertiggerichte mit Fisch- oder Fleischanteil oder leicht verderbliche Lebensmittel werden nur bis zum Ende des Verbrauchsdatums ausgegeben, andere eher trockene Lebensmittel mit Mindeshaltbarkeitsdatum MHD sind auch nach Ablauf des MHD durchaus genießbar und nicht verdorben.  Wir  weisen unsere Kunden auf das abgelaufene MHD hin, auf einem gesonderten Tisch werden diese Waren angeboten . Diese können dann auf eigene Verantwortung mitgenommen werden.

Wie viele Ausgabestellen hat die Füssener Tafel?
Seit 2009 gibt es eine  zweite Ausgabestelle in Pfronten im Pfarrheim, die Frau Rippel betreut. Die  Lebensmittelkisten werden in Füssen gepackt und  von einem Fahrer aus Pfronten abgeholt .Dort werden ca 20-22 Haushalte versorgt und damit entfällt für die Pfrontener Kunden die teure Busfahrt nach  Füssen .

Wie finanziert sich die Tafel?
Nur die Erwachsenen zahlen für einen Lebensmittelkorb 1 €, Kinder bis 18 Jahre sind frei. Diese Einnahmen decken nur zum Teil unsere Unkosten wie Heizung, Miete, Strom , Benzin , Hygieneartikel ,Tüten. Deshalb sind wir dankbar für die Unterstützung von Sponsoren und Spendern  , ohne deren finanzielle Hilfe wäre unsere Arbeit nicht möglich. Bisweilen können wir auch Grundnahrungsmittel zukaufen, die nicht in ausreichender Menge gespendet werden.

Wie viele ehrenamtliche Mitarbeiter hat die Tafel?
Zur Zeit sind wir 71 Personen, darunter 10 Fahrer, die in 5 Teams arbeiten. Viele sind schon seit den Anfängen dabei und der Tafelarbeit treu geblieben. Hier an dieser Stelle eine Werbung in eigener Sache. Durch Alter, Krankheit oder Urlaub fallen immer wieder Mitarbeiter aus. Wir suchen neue Mitarbeiter für das Richten der Waren und den Verkauf und Fahrer. Wir freuen uns über jeden, der ehrenamtlich mithelfen will und kann.

Wie gestaltet sich die Vorweihnachtszeit in der Tafel?

Erfahrungsgemäß ist die Spendenbereitschaft der Menschen vor Weihnachten besonders groß. Wir hoffen, dass es  auch in diesem Jahr für unsere Kunden Lebensmittelspenden oder  Sachspenden eventuell für Kinder geben wird. Über solche Aktionen wird die Presse  noch berichten.

Wie fühlen sich Kunden, wenn sie zur Tafel kommen?
Ich denke, für unsere langjährigen Kunden ist es nicht mehr so schwierig. Oft kommen sie schon lange vor der Verkaufszeit, um im Warteraum andere zu treffen und  sich auszutauschen. Im Laufe der Jahre  bleibt oft  auch den Mitarbeitern ein wenig Zeit, um  miteinander zu reden. Im Laufe der Jahre sind unter den Kunden auch Freundschaften entstanden oder die Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe. Für Neukunden mag die Hemmschwelle noch groß sein, sicher gibt es im Füssener Land noch manche, die die Hilfe der Tafel in Anspruch nehmen könnten. Vielleicht finden sich Menschen, die diese Menschen animieren, den ersten Schritt zu wagen.

Vielen Dank für das Interview.
Ich danke Ihnen für das Interesse.

Text: Sabina Riegger
Bild: Thomas Linder, Felix Schmid

Verwandte Artikel

Das könnte Dich auch interessieren
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"
Nacht der Musik 2024