Menschen

Robert Briechle träumt von einem Hektar Land für jede Familie

Der Agrarrebell aus dem Allgäu

Stötten.    Grüne, saftige, fette Allgäuer Wiesen soweit das Auge reicht. Jetzt im Frühling rollen wieder die riesigen, breiten Gummireifen der schweren Traktoren über die weiten Flächen und fangen an mit Gülle, oder wenn man Glück hat mit dickem Kuhmist, zu düngen.

Was die Wenigsten wissen: „Die Löwenzahnwiesen, die im Frühling so schön gelb leuchten, zeigen einen  stark verdichteten Boden und Sauerstoffmangel an. Schuld sind die schweren Maschinen in der Landwirtschaft“, erklärt Robert Briechle, als wir sein Sück Land besuchen.

Er hat es in den letzten 15 Jahren wieder renaturiert, nachdem er einen Hektar  Wiese von seinem Vater geschenkt bekam. Sein Vater gab ihm ein Stück, mit dem er nicht viel anfangen konnte, weil es in einer Senke liegt, unter der das Wasser durch fließt. Aber der jetzt 40-Jährige, den viele für einen Träumer und Spinner halten, auch weil er das ganze Jahr ohne Schuhe unterwegs ist, hat seinen Traum verwirklicht. „Als Kind hatte ich mir gewünscht, in so einem Paradies aufzuwachsen, und jetzt, als Erwachsener, habe ich mir meinen Traum verwirklicht.“ Wieviele Menschen belassen es beim Träumen, ohne sie je zu realisieren. Der Idealist, der von einer Welt träumt, in der jeder Mensch genug Wasser, Wärme, Raum und lebendige Nahrungsmittel erhält, glaubt, dass jeder Mensch genug zu leben hätte auf einem Hektar Land. Darum hat er ein Experiment begonnen, die „Naturwert-Stiftung“ gegründet und angefangen, seinen ersten Hektar Land zu rekultivieren.

Das Wichtigste für den Agrarrebellen war, dass er alles mit seinen Händen schaffen wollte, ganz ohne schwere Maschinen auf seinem Grund, die den Boden kaputt machen. Nur für das Ausheben seines Teiches war einmal ein Bagger vor Ort. Aber Gräben und Hügel, auch seine Jurte, in der er wohnt, sind handgemacht. Die Jurte ist das traditionelle Zelt der Nomaden in Asien, aus leichten Holz- oder Bambusstäben gefertigt.

Das vorher unterirdisch kanalisierte Wasser fließt jetzt in vielen kleinen Bächlein und Seen.

Das Plätschern hat etwas Meditatives. Dazwischen quakt ein Laufentenpärchen, eine Katze sitzt auf dem Holzsteg. Überall dazwischen hat er Hügel aufgeschüttet, wie kleine Berge. Darauf wachsen Kartoffeln, Kohl, Beerensträucher, Apfelbäume, Tomaten und alles was er so geschenkt bekommt. Überall stehen tote Fichten herum, die Robert Briechle aus dem Wald geholt hat. „Ich brauche sie als Anflugstelle für die Vögel, da es ja rundherum auf den Wiesen keine Bäume mehr gibt. Ihr Kot ist wertvoller Dünger.“ Er liebt die Natur und die Tiere, er spricht mit ihnen und kann quaken wie seine Enten. Er macht das Krächzen und Krähen der Raben nach. Damit sich Naturbienen hier wohlfühlen, baucht er noch hohle Bäume. Das lieben sie. „Wie sollen Bienen gesund bleiben, wenn man ihnen achtzig Prozent ihres Honigs wegnimmt, und sie dann mit Zucker füttert?“ Er kann diese ausbeuterische Haltung der Menschen nicht begreifen.

Ohne Dünger oder Unkrautbekämpfungsmittel, ohne die Kartoffeln zu häufeln, hat er letztes Jahr eineinhalb Tonnen, zum Teil Riesenkartoffeln, geerntet.

Auch seine Eltern führen seit 1972 einen Biobauernhof.

Irgendwann war der Agrarrebell nicht mehr zufrieden. Als er daraufhin im Jahr 2000 einmal 28 Tage fastete, erfuhr er sehr intensive Erfahrungen in der Natur und mit den Kühen im Stall, die er plötzlich sprechen hörte. Er hatte immer Fleisch gegessen, aber danach konnte er es nicht mehr. Als er sich einmal seine Hand brach,  fuhr Robert Briechle ins Krankenhaus. „Das Röntgen im Krankenhaus war so unverschämt teuer, und dann wollte mir der Arzt mit einer Schiene den Arm eingipsen. Wie es so ist, kommt danach noch die langwierige Krankengymnastik dazu. Alles zusammen ein Vermögen.“ Er ist ohne Gips wieder mit dem Auto  nach Hause gefahren und hat seine Hand selbst geschient, aber ohne Gips und ohne Schmerzmittel. Er legte Beinwell und viele Kräuter auf, die Schwellung und die Schmerzen gingen zurück und der komplizierte Bruch ist von selbst wieder geheilt.

Die Idee mit einem Hektar pro Familie kam ihm, als er eine russische Buchreihe las, von einer Frau aus Sibirien. Sie erzählte, dass es bei ihnen früher immer wie im Garten Eden war. Diese Geschichte wurde mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Das hat ihn begeistert und inspiriert.

Jetzt im Frühjahr will Robert Briechle die ersten Kurse anbieten.

Über die Atmung, weil sie so wichtig ist für Vitalität und Gesundheit. Über therapeutisches Gärtnern oder über Leichtbauweisen. Er hat schon einige Zelte und Holzhütten aus Latten gebaut, die in einer bestimmten Weise überkreuzt, sehr stabil sind.
Er will sein – in vielen Jahren und in vielen Versuchen – angesammeltes Wissen weitergeben. Dafür hat er bereits das „Schulhaus“ und in der Scheune einen Saal für Vorträge ausgebaut. Die Idee, einmal Familien hier anzusiedeln, bleibt jedoch noch ein Fernziel.

„In den letzten drei Jahren kamen sicher schon an die 2.000 Besucher hierher, weil sie von meinen Ideen begeistert sind.“ Der gelernte Agraringenieur ist zwar stolz darauf, und doch ist es ihm nicht wichtig. Denn wenn man dieses wiedergewonnene Naturparadies betritt, kann man erahnen, was ihn so glücklich macht und was Menschen durch Flurbereinigung, Monokultur, Rationalisierung oder Gewinnmaximierung verloren haben.

Text · Bild: Christine Schneider

Verwandte Artikel

Das könnte Dich auch interessieren
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"
Nacht der Musik 2024