Menschen

Enttäuschung und Aufruhr

Dialog 2025 oder Alleingang?

Füssen.    Bischof Dr. Konrad Zdarsa hat es zur Zeit nicht leicht. Seine Reform, keine Wortgottesdienste an den Wochenenden in den Kirchen,  scheint bei den aktiven Gläubigen nicht wirklich anzukommen. Enttäuschung hat sich breit gemacht – der viel gepriesene Dialog zwischen den Gläubigern und der Kirche hat nicht stattgefunden und das, obwohl Bischof Dr. Konrad Zdarsa in seinem Hirtenbrief ganz andere Töne anschlägt. „Aufgrund der zurückgehenden Zahl der Priester wird es weniger und weniger möglich sein, in jeder Kirche unseres Bistums Sonntag für Sonntag die Heilige Messe zu feiern. Da aber nicht nur die Zahl der Priester, sondern auch die der Gottesdienstteilnehmer zurückgeht, … habe ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den vergangenen Monaten auf Bistumsebene darüber nachgedacht, wie wir diesem Anliegen durch klar benannte Ziele und die Neuordnung der pastoralen Räume nachkommen können. Das bedeutet nicht, dass gravierende Veränderungen quasi „über Nacht“ und „von oben“ vorgenommen werden. Hier hat nun wirklich der vernünftige, respektvoll vorgenommene Dialog seinen Platz.“

In Österreich gibt es die „Pfarrer-Initiative“, die der Reform nicht ruhig und gelassen entgegen sieht. Noch müssen sie im verborgenen arbeiten, weil sie befürchten, ihr Amt nicht mehr ausüben zu dürfen.
Füssen aktuell sprach mit dem Dekanatsvorsitzenden für den Altlandkreis Füssen, Herrn Manfred Sailer, über die neue Reform, den Dialog und die Kirche.

Warum liefert das Bistum Augsburg seit Monaten der Presse viele, nicht unbedingt nur positive Schlagzeilen?
Die Neustrukturierung der Diözese Augsburg unter Bischof Dr. Konrad Zdarsa bewegt die Gemüter Vieler wie schon lange nicht mehr.  Schlagzeilen wie: „Die Kirche im Dorf lassen“, „Die brodelnde Diözese“, „Protest gegen Bischof wächst“ und viele andere mehr beschäftigten auch mich als Vorsitzenden des Dekanatsrates Füssen im letzten halben Jahr mehr, als ich mir bei Übernahme dieses Amtes je vorstellen konnte. Erklärungsversuche enthält die Broschüre mit der Überschrift auf der Titelseite: „Das Bistum Augsburg auf dem Weg in die Zukunft“, die seit kurzem in allen Kirchen ausliegt. Bischof Dr. Konrad Zdarsa erklärt darin einleitend,  „dass durch sein Hirtenwort vom 4. März in der Diözese eine Stimmung erzeugt wurde, die, bewusst oder unbewusst, für große Verwirrung sorgte. Das war natürlich nie meine Absicht, ganz im Gegenteil, und, ja: Da lief einiges nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte, als ihr Bischof“.

Hat dieses Hirtenwort damit zu tun, dass sich das Bistum Augsburg derzeit in großem Aufruhr befindet?
Nicht nur, das fing schon einige Zeit früher an, wie ja die vielen Artikel und Leserbriefe beweisen, die schon vor dem Verkünden des Hirtenwortes fast täglich durch die Presse gingen. Anlass für die Unruhe und Verunsicherung unter den Gläubigen ist vor allem die Vorgehensweise zur Raumplanung 2025, der Neustrukturierung der Diözese. Dass es Veränderungen geben muss, das dürfte jedem klar sein, der Prozess wird nicht aufzuhalten zu sein. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie man das unter die Leute bringt. Gerade die Christen, die sich vor Ort engagieren und Kirche tragen, haben doch ein Recht darauf schon im Vorfeld informiert zu sein, wenn solch gravierende Einschnitte bevorstehen. Das wäre das, was der Bischof in seinem Hirtenwort zweimal ausdrücklich betont, „der vernünftig, respektvoll vorgenommene Dialog“. Und wenn den jetzt die „aktiven Gläubigen“, auch mit Nachdruck einfordern, dann ist das wohl nichts Unrechtes. In anderen Bistümern sind unbequeme Fragen durchaus kein Tabu und werden mit den Betroffenen öffentlich diskutiert, dort wird anscheinend der Dialog nicht verweigert.

Warum gibt es diesen Unmut der aktiv Gläubigen, wie Sie es nennen?
Weil sie einfach das Gefühl haben, dass dieser respektvolle, vernünftige Dialog bis jetzt noch nicht stattgefunden hat. Viele Dinge, die man erfährt, kommen über die Medien, wie Presse und Internet, und bergen dann auch noch viele Widersprüche in sich. Wenn dann in Artikeln wie in der Sonntagszeitung vom 25./26. Februar „Das Ende der Gerüchteküche“ von Bernhard Meuser die Laien gar verunglimpft werden, dann verstehe ich die Welt nicht mehr und ich frage mich ernstlich, warum ich mich ehrenamtlich dafür engagiere. Man versteht es auch nicht, warum die bisher bewährten Gremien wie der Pfarrgemeinderat jetzt abgeschafft werden sollen. Und sollten sich Pfarrer dazu (kritisch) äußern, wird an den versprochenen Gehorsam erinnert, ja sogar Dekanen der Rücktritt nahegelegt, was wohl nicht abgestritten werden kann und zu Recht in den Gemeinden zu Empörung führen muss.

Ist es denn sicher, dass die Pfarrgemeinderäte abgeschafft werden sollen? Es heißt doch, stattdessen sollen Pastoralräte gebildet werden, die die Arbeit der Pfarrer erleichtern sollen. Ist es nicht das Gleiche?
Manfred SailerWie publiziert wird vermutlich schon. Aber es ist offensichtlich nicht das Gleiche: Im Pfarrgemeinderat ist ein Laie der Vorsitzende und im Pastoralrat ist es vorgesehen, dass der Pfarrer den Vorsitz übernimmt. Es ist auch noch nicht klar gesagt, wie das neue Gremium vor Ort, das den Pfarrgemeinderat ersetzen soll, sich zusammen setzen wird und wie es gewählt wird. Bis 2014 sind die jetzigen Pfarrgemeinderäte gewählt, mit Ablauf dieser Periode sollen die Änderungen zum Tragen kommen. Zur Zeit gibt es ja in den Pfarreiengemeinschaften die Seelsorgeteams, die vom Pfarrer geleitet werden und sehr wohl funktionieren und wo auch alle Pfarreien ausreichend vertreten sind, warum also das „Rad“ (Pastoralrat) neu erfinden? Und was wird mit den ebenfalls gewählten Dekanatsräten, wenn schon zu Beginn des neuen Kirchenjahres, also zur Adventszeit, die neuen Dekanatsgrenzen in Kraft treten werden, die übrigens auch noch nicht bekannt gegeben wurden. Die Anzahl der bisher 36 Dekanate wird auf künftig 22 reduziert, es wäre also für die Betroffenen in ihren Pfarreien schon interessant zu wissen, wo die Sitze der Dekanate am Jahresende angesiedelt sein werden.

Bischof Zdarsa sagt in seinem Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2012: „…Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, ist sein Geschenk. Aber wir dürfen uns nicht auf die bloße Alternative von Eucharistiefeier oder Wortgottesfeier am Sonntagvormittag einengen lassen. Katholische Kirche kann sich am Sonntag nicht eucharistielos organisieren“. Was halten Sie von dieser Aussage?
Das ist richtig, das zentrale Leben der Gemeinden ist und bleibt die Eucharistie.  Deshalb besteht auch die Sonntagspflicht, die Verpflichtung an Sonn- und Feiertagen an der Eucharistie teilzunehmen. „Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht laut Kathechismus der Katholischen Kirche  (KKK 2181) eine schwere Sünde“ (Broschüre 2025 Seite 7). Wenn es also wegen des Priestermangels zwangsläufig künftig nicht mehr möglich sein wird in allen Gemeinden regelmäßig Sonntagsgottesdienste abzuhalten, wird Mobilität vorausgesetzt, eine Fahrstrecke von 10 Kilometern sei dabei den Gläubigen durchaus zumutbar.

Der Beruf des Pfarrers hört sich ja teilweise so an wie der eines Managers ?
Man kann es heutzutage durchaus vergleichen. Ein Pfarrer hat neben seinen vielfältigen,  seelsorglichen Tätigkeit auch noch jede Menge verwaltungstechnische Dinge „um die Ohren“. Gerade durch die Bildung von immer größer werdenden Pfarreiengemeinschaften werden diese Aufgaben nicht unbedingt weniger. Die angedachte Entlastung durch geplante Zentralisierungen, zum Beispiel bei Kirchenverwaltungen oder Pfarrbüros, ruft verständlicherweise Widerstände hervor, weil befürchtet wird, dass dadurch ein Stück Leben in den Pfarrgemeinden vor Ort verloren geht.

Ist dies möglicherweise Anlass genug für diejenigen, die sich vielleicht mit dem Austritt aus der Kirche befassen, diese Gelegenheit zu nützen um diesen Schritt zu vollziehen?
Wir hoffen nicht, aber erklärtes Ziel sollte es sein, bei der seit vielen Jahren konstant und stetig rückgängigen Zahl der Gottesdienstbesucher,  1990 waren es noch gut 26 Prozent, 2010 nur noch 16 Prozent, die Kirche attraktiver zu machen und wieder Gläubige zurück zu gewinnen. Es wird aber leider wohl so sein, dass man die Leute, die der Kirche sowieso schon kritisch gegenüber stehen, durch die momentan praktizierte Vorgehensweise und die damit einhergehende  Unsicherheit bzw. Unzufriedenheit nicht wieder in den Schoß der Mutter Kirche wird zurückholen können.

Kommen wir noch einmal zu den Wortgottesdiensten und den Ehrenamtlichen zurück.
Sehen Sie eine Chance, dadurch dem Priestermangel entgegenzuwirken?

Gerade in jüngster Vergangenheit haben sich viele Ehrenamtliche auch in unserem Dekanat  dazu ausbilden lassen und müssen jetzt leider erfahren, dass ihr diesbezügliches Engagement plötzlich nicht mehr gefragt ist. Bestenfalls noch unter der Woche, aber unter diesen Voraussetzungen wären sie wahrscheinlich nicht bereit gewesen, sich dieser Ausbildung zu stellen. Momentan werden die Pfarrer zwar durch den Einsatz manches Ruhestandsgeistlichen vor Ort Gott sei Dank noch unterstützt, aber diese werden ja auch nicht jünger! Die Wortgottesdienste mit ausgebildeten Laien böten wohl schon eine gute Möglichkeit, sowohl die Pfarrer zu entlasten, wie auch älteren und nicht mobilen Menschen das Wort Gottes in ihrer gewohnten Gemeinde zu hören, auch wenn im Gegensatz dazu in den Raum gestellt wird, dass eine Fahrstrecke von 10 Kilometern durchaus vertretbar wäre. Aber dazu gleich eine oft gestellte, meines Erachtens keinesfalls unberechtigte Frage: Warum sind in anderen Bistümern Wortgottesdienste  an Sonntagen erlaubt?

Welche Wünsche haben Sie im Bezug auf die weitere Entwicklung zur pastoralen Raumplanung?
Ich wünsche und hoffe sehnlichst, dass das eintritt, was unser Bischof auf Seite 3 der Broschüre 2025 abschließend  andeutet: „Wir wollen sie von nun an regelmäßig über die pastorale Raumplanung informieren, dazu einladen, miteinander nachzudenken, Ideen zu entwickeln, Erfahrungen auszutauschen, gegenseitiges Vertrauen aufbauen.“ Er sagt weiter: „Ich lade Sie dazu ein, mit mir gemeinsam den Blick nach vorne zu richten. Ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit sind mir dabei sehr wichtig“.  Wenn diese Aussagen so umgesetzt werden, wie sie dastehen, sehe ich es als positives Zeichen. Wir wollen lebendige Gemeinden bleiben und unsere Zukunft mitgestalten können, nur gemeinsam – nicht gegeneinander kann man dies erreichen.


Text · Bild: Sabina Riegger

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