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Und es gibt sie doch –

die lieben Schwiegermütter

Füssen. Sie ist der Hausdrache, das Schwiegermonster, die Hexe, das Biest, die Meckerziege oder der Giftzahn: lieblose Bezeichnungen für eine Frau, die man eigentlich ins Herz schließen müsste. Eigentlich. Seit Jahrhunderten eilt der Schwiegermutter der Ruf der Biestigkeit und Gemeinheit voraus, egal ob in Deutschland, Island, Russland oder Indien. Das negative Klischee dieser vermeintlich gemeinen Frau, die für ihren Sohn und seine Familie nur das Beste will, zieht sich durch alle Kulturen. Karikaturen und Schwiegermütter-Witze zeugen von dieser festen Überzeugung: „Was ist der Unterschied zwischen einem Rottweiler und einer Schwiegermutter? Der Rottweiler lässt manchmal wieder los.“ Und Lenin blaffte einst: „Die Höchststrafe für Bigamie sind zwei Schwiegermütter.“ Wer ein typisches Gegenbeispiel sucht, findet es in der Füssener Familie Probst.

Bianca Probst gehört nicht zu jenen Frauen, die eine Selbsthilfegruppe brauchen. Ganz im Gegenteil, sie ist mit ihrer Schwiegermutter glücklich. Es sind Respekt und Toleranz, die beide verbindet. „Man muss offen miteinander umgehen und jeden so lassen wir er ist“, so die junge Frau. Obwohl beide Steinböcke sind und auch emotional sein können, ist es in ihrem Büro sehr harmonisch. „Jeder macht seine Arbeit und am Besten so, wie er sie kann“, erklärt Schwiegermutter Christa Probst. Nicht alle Schwiegertöchter hören es gerne, wenn sie mit ihrer Schwiegermutter verglichen werden. Für Bianca Probst ist das vollkommen in Ordnung. „Wir sind uns ähnlich und auch wieder nicht.“ Beide Frauen sind gläubig, sehr familienverbunden und doch leben sie ihren Alltag ganz verschieden. „Bianca kommt aus einer sehr strukturierten Familie. Bei uns hingegen war alles eher etwas turbulent und sehr offen. Meine Kinder brachten immer viele Freunde mit nach Hause. Wir sind in allem sehr flexibel“, schildert Christa Probst die Familienverhältnisse. Dass Bianca sich erst einmal an die Strukturen ihrer „neuen“ Familie gewöhnen musste, gibt sie ganz offen zu. „Das Schöne bei uns ist jedoch, dass niemand versucht, den anderen zu verbiegen“, meint die junge Frau lächelnd. Wenn Bianca Probst erzählt, hat man manchmal das Gefühl einer Südländerin gegenüber zu sitzen. Ihre Mimik und Gestik sprechen Bände, während ihre Hände die Wörter formen und die Sätze unterstreichen, so als ob sie das Gesagte dadurch noch besser zur Geltung bringen könnten. Für die Schwiegermutter ist das nichts Ungewöhnliches. Es ist etwas Vertrautes, was beide verbindet. „Wir haben die gleiche Wellenlänge“, sagt Christa Probst. „Aber immer mit einer respektvollen Distanz“, fügt Schwiegertochter Bianca hinzu. Sich einmischen in die Erziehung oder in der Ehe des jungen Paares, das ist etwas, was sich Christa Probst gar nicht vorstellen kann. „Ich kann vielleicht einen Rat geben, aber das ist auch schon alles.“

Liebe verbindet

Was Christa und Bianca verbindet, sind auch die Berufe ihrer Männer. Sie sind Steinmetz und Bildhauer, ein kreativer Beruf, der viel Freiraum und Sensibilität verlangt. Dank ihrer ruhigen und einfühlsamen Art sind sie das Pendant zu ihren Ehemännern. „Der Umgang mit den Menschen ist spannend und gleichzeitig auch interessant und schön. Uns ist es wichtig, den Menschen etwas mitzugeben“, erklärt Bianca Probst. Die Mutter eines kleinen Sohnes findet es schön, die Frau eines Steinmetzes zu sein und ihn auf seinem Weg zu begleitet. Ihr Büro, in dem sie mit ihrer Schwiegermutter gemeinsam arbeitet, strahlt eine ruhige und warme Atmosphäre aus. Also kein Zickenalarm? „Nein, keineswegs. Das Rezept dafür ist einfach nur Toleranz, indem man den Menschen so lässt, wie er ist“, gibt Christa Probst zu verstehen. Wahrscheinlich sind es die beiden Frauen, die Kreuze, der Holzofen, die Tasse Tee, die sie ihren Gästen anbieten oder auch der Friedhof, auf dem das Häuschen steht, dass man sich wohlfühlt in dieser vertrauten und doch fremden Umgebung.

 

Text · Bild: Sabina Riegger

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