Menschen

Ein Land im Umbruch

Tarek Soltani über sein Land Tunesien

Prem/Füssen. Tarek Soltani ist seit 2002 in Deutschland. Zum Glück, wie er sagt. „Deutschland ist ein schönes Land. Ich sage immer, ein Deutscher muss mal ins Ausland gehen und dort leben, dann würden Deutsche vieles anders schätzen. Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich durfte eine Ausbildung machen, habe die Sprache gelernt, mehr kann man nicht erwarten“, so der gelernte Koch. Tarek Soltani weiß, wovon er spricht. Nach den großen Unruhen in seinem Land Tunesien, macht er sich Sorgen. „Die Tunesier erfahren zum ersten Mal, wie es sein könnte in einer Demokratie zu leben.“

Bislang gab es in dem Maghreb-Staat keine Menschenrechte, es war eine Diktatur, beklagt das tunesische Volk. Alle fünf Jahre ließ sich der tunesische Präsident Ben Ali quasi alleine wählen. Alle fünf Jahre mit dem gleichen Ergebnis: 94 Prozent. Immer wieder, obwohl er 1987 selbst ankündigte, dass jeder Präsident in Tunesien maximal drei Perioden im Amt bleiben dürfe. Tarek Soltani ist zwar weit weg von seinem Land, doch die Geschehnisse verfolgt er täglich in den Zeitungen und dem Fernsehen. „Natürlich mache ich mir Gedanken und auch Sorgen. Was wird aus Tunesien jetzt werden?“ Soltani wünscht sich Demokratie und Meinungsfreiheit. „Es wäre für die Menschen und das Land fatal, wenn es anders kommen sollte.“ Der Koch, der seine Ausbildung in Deutschland machte und als Bester in Bad Wörishofen abschloss, will keine Unterdrückung mehr, auch keinen Religionsstaat. Davor haben die meisten Tunesier Angst. Sie befürchten ihre wichtigste Einnahmequelle, den Tourismus, dadurch zu verlieren. „Unser Land ist schön und unsere Leute sind gebildet. Wir wollen keinen Rückschritt, sondern Fortschritt“, liest man in vereinzelten Blogs. „Ich bin stolz, dass ich Moslem und Araber bin. Meine Frau ist evangelisch und das ist auch gut so. Warum soll ich jemanden zwingen, meine Religion anzunehmen? Sie sagt ja zu mir auch nicht: ‚Tarek, du musst evangelisch werden’. Wichtig sind Respekt, die Toleranz und freie Meinung. Das Wort ‚muss’ sollte es nicht geben. ‚Muss’ bedeutet oft Unterdrückung. Ich finde, dass es an der Zeit ist, Politik und Religion zu trennen.“ Dieser Meinung werden wohl viele sein.

Tunesien, so scheint es, ist auf dem besten Weg in die Freiheit. „Ein steiniger Weg wird es wohl werden, es ist noch nicht alles ausgestanden“, meint Soltani. Diesem Umbruch folgen mittlerweile auch andere arabische Länder. Sie fordern „Keine Unterdrückung mehr, Arbeit und Essen“ – Selbstverständlichkeiten, die in Europa schon lange zur Normalität gehören und in den Menschenrechten verankert sind.

Amnesty International konnte bislang erreichen, dass viele Tunesier aus den Gefängnissen entlassen wurden. „Sie waren eingesperrt, weil sie eine eigene Meinung hatten“, erzählt Soltani. Eine Journalistin musste nach Deutschland fliehen, sie arbeitete bei einer in Tunesien verbotenen Zeitung. Viele Tunesier kommen nun auch aus dem Exil wieder zurück. In einem Blog heißt es „Das tunesische Volk darf es nicht zulassen, diese gewonnene Demokratie wieder aufzugeben. Nicht alle Exil-Tunesier wollen das Beste für unser Land.“

Wer sich so weit aus dem Fenster gelehnt hat, wird nicht stürzen wollen – „hoffentlich lassen sich die Menschen nicht bestechen. Geld ist vergänglich, die Freiheit nicht“, meint Tarek Soltani.

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Text · Bild: Sabina Riegger

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