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Nachbarschaftshilfe mal anders


Renate Egeter und ihr „Tante Emma Laden“

Füssen.  Persönlich, nah am Kunden – ein Slogan der heutzutage gern von großen Einkaufsketten benützt wird. Wie unpersönlich sie tatsächlich sind, wird einem erst so richtig bewusst, wenn man den Laden von Renate Egeter betritt. Seit 30 Jahren ist sie in der Hanfwerksiedlung das Lebensmittelgeschäft wo man alles für den täglichen Bedarf bekommt. Renate Egeter hat einen Tante Emma Laden. Es ist der zentrale Anlaufpunkt für die Großen und Kleinen, Alten und Schwachen und jenen, die zusehen müssen, wie sie den Monat überbrücken sollen, weil die Rente vorne und hinten nicht ausreicht. Die Armut hat Deutschland schon längst erreicht und mit ihr die täglichen Probleme, die damit verbunden sind.

Renate Egeter weiß von diesen Problemen. Die 68-jährige bekommt sie fast täglich mit. Mal sind es die Kinder, die sich zu fünft vielleicht nur drei Semmeln kaufen können oder die Rentner, die nach dem 20. des Monats nur noch Brot kaufen ohne Wurst und Käse. „Insbesondere die älteren Mitbürger würden nie den Schritt zur Tafel tun geschweige denn vom Staat Geld annehmen“, erzählt sie. „Sie haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet und waren von niemandem abhängig. Und jetzt auf einmal sollten sie betteln gehen?“ Renate Egeter versteht das. Seit 20 Jahren hat sie eine Kasse hinter ihrem Ladentisch. Es ist eine kleine, durchsichtige blaue Plastikschwein, die gefüllt ist mit Centstücken. „Manchmal ist es nicht viel, aber es reicht um den Bedürftigen einige Scheiben Käse und Wurst einzupacken und mit in den Einkaufsbeutel zu tun“. Viele ihrer Kunden wissen um die Kasse und lassen immer etwas mehr Geld zurück oder sagen ausdrücklich, das ist für die Kasse. „Es ist ein Einvernehmen ohne viel Worte“, drückt sie aus.

Manchmal gehen ihr die Schicksale mancher Familien sehr nahe. „Man überlegt dann auch mal zu Hause wie es mit Ihnen wohl weiter gehen wird.“ Catal Kaya und viele seiner Nachbarn sind mit Renate Egeter aufgewachsen. Sie ist die Frau Egeter, die Tante, eine Respektperson bei der sie nicht nur einkaufen sondern auch mal Rat suchen oder auch persönliches besprechen. Heute ist Catal Kaya 30 Jahre alt und hat seinen zweijährigen Sohn auf dem Arm. „Seit dem ich laufen kann, komme ich täglich hierher um einzukaufen. Früher waren es Süßigkeiten heute sind es Dinge für den täglichen Bedarf. Mein Sohn wird sicher auch zu Frau Egeter kommen.“ Der junge Mann mit türkischer Abstammung möchte auf den „Tante Emma“ Laden nicht verzichten. „Es ist fast wie eine Institution“, lächelt er Renate Egeter freundlich zu. Auch er weiß um die Besonderheit „seines“ Ladens und die Hilfe, die von dort ausgeht. Manche haben schon Schuhe aus der Kasse bezahlt bekommen oder auch Windeln für die Kinder. „Jeder der Hilfe braucht wird sie auch bekommen. Aber von dem Geld zahle ich keine Zigaretten. Das gehört zu meinen Prinzipien“, so die Füssenerin.

Renate Egeter will aber nicht viel aufheben um das machen was sie schon so viele Jahre tut. „Es sind die Kunden die das Geld da lassen, damit man denen hilft, die weniger als sie haben.“ Das musste sie den älteren Mitbürgern aus dem Viertel erst mal klar machen, dass eben das Geld nicht von ihr kommt sondern das es alles Spenden sind von ihren Kunden.

Almosen? Nein, das möchte keiner. Vielen wird erst dadurch bewusst auf welchem Existenzminimum sie leben. Nach vielleicht 40 Jahren Arbeit ist das eine Ohrfeige ins Gesicht. „Wofür habe ich all diese Jahre gearbeitet. Das ich eines Tages auf das Wohlwollen anderer angewiesen sein werde, hätte ich nie geglaubt. Einerseits bin ich froh darum das es solche Menschen gibt und andererseits macht es mich traurig und wütend zugleich“, erzählt die ältere Frau aus dem Viertel. Mit 83 Jahren lebt sie alleine. Früher hatte sie eine Rente von knapp über 800 D-Mark, heute sind es 423,- Euro. „Kennen Sie das Sprichwort zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben?“. Eine Antwort erwartet die 83-jährige nicht.

Text/Bilder:rie

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