Menschen

Hochbegabung mit Hindernissen

Wenn der IQ zum Problem wird

Hochbegabung ist ein Fluch und Segen zugleich. Es sind unbeachtete kleine Genies, die es in der Schule nicht leicht haben. Jeder erwartet kleine Einsteins, die in jedem Fach eine Eins haben und womöglich ein Musikinstrument perfekt beherrschen. Doch weit gefehlt. Diese Kinder sind meist sehr sensibel, kreativ und intuitiv und haben oft Schwierigkeiten, sich dem „Normalen“ anzupassen. Viele Hochbegabte werden nicht als solche erkannt. Häufig wird die Diagnose erst gestellt, nachdem soziale oder psychische Probleme aufgetreten sind. Es hört sich paradox an, wenn Eltern sagen, dass die Hochbegabung die schönste Behinderung ist.

 

Kein Wunder, schließlich spiegelt diese Aussage nichts anderes als die schwierigen Umstände, die sie täglich bewältigen müssen. Nämlich Unverständnis im Bekannten- und Freundeskreis, nicht zu sprechen von den Schwierigkeiten in der Schule. Doch ab wann gilt ein Kind als hochbegabt? Im Allgemeinen spricht man von Hochbegabung, wenn das Kind einen Intelligenzquotienten von über 130 vorzuweisen hat.

Michael – ein Beispiel
Der 19-jährige Michael kennt das Leid eines hochbegabten Kindes. Seine Karriere endete zunächst auf der Hauptschule im M-Zweig. Als zweijähriges Kind bildete er schon ganze Sätze, erkannte Zusammenhänge und fragte seinen Eltern Löcher in den Bauch. Als er in der fünften Klasse war, interessierten ihn Politik und Gesellschaft mehr als draußen zu spielen. Michael entdeckte seine Persönlichkeit sehr schnell und forderte seine Umgebung. Der Kindergarten attestierte seinen Eltern, dass sich ihr Kind nicht sozial einfügen kann. Der Grund: Das Kind interessierte sich für ein anderes Spiel als das von der Erzieherin vorgeschlagene. Michael wollte nicht im Sandkasten spielen.

Fatale Fehleinschätzung

Später in der Schule fiel Michael auf, weil er ständig sein Wissen hinausschrie. Er wurde grundsätzlich nicht im Unterricht beachtet. Michaels Leistungen fielen rapide ab. Er war ein mittelmäßiger Schüler, der Probleme in Mathematik hatte. Das Resultat: Michael wiederholte dieselbe Klasse zweimal. Der soziale und schulische Abstieg war somit vorprogrammiert. Kein Lehrer sah die Hochbegabung des Kindes. Im Gegenteil: Von Dummkopf bis „das ich nicht lache, wo bist Du hochbegabt?“ hörte Michael immer wieder von seinen Lehrern. Jetzt macht der junge Mann, der einen Intelligenzquotienten von 141 hat, sein Abitur. Er lernt es gerade, sich so zu akzeptieren wie er ist. Und vor allem, wieder soziale Kontakte zu knüpfen. Auch für seine Eltern war das alles ein schmerzhafter Lernprozess. Michael hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ist kaum kompromissbreit.

Selbsthilfegruppe unterstützt
Marlene Mayer kennt die Geschichte von Michael und anderen Hochbegabten Kindern. Sie hat die regionale Elterngruppe der DGhK (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V.) Unterallgäu und die Selbsthilfegruppe Intellegimus mit Frau Hartmann ins Leben gerufen. Die Leiterin betont: Michael ist mit seiner Geschichte nicht allein. „In den Schulen wird ein frontaler Unterricht gelehrt anstelle eines aktiven. Hochbegabte Kinder langweilen sich, spielen entweder den Pausenclown, stören den Unterricht, oder ziehen sich zurück“, erzählt die fünffache Mutter, die drei hochbegabte Kinder hat.

Gefahr der Außenseiterrolle
Dass nicht jedes hochbegabte Kind Auffälligkeiten haben muss, erklärt die Expertin so: „Jedes Kind verarbeitet Situationen anders. Es hängt vom Alter ab und natürlich auch von seinem Umfeld, leider auch von dem sozialen Status der Eltern. Meistens finden sich hochbegabte Kinder selbst nicht anders. Es sind oft die anderen Kinder denen es auffällt und ihnen dann auch Fragen stellen“. Das „Anderssein“ in bestimmten Bereichen kann sie zu Außenseitern machen. Manche Kinder versuchen, sich zu verstellen, sich anzupassen, ihre Begabungen zu verstecken. Doch dies kann auf Dauer nicht klappen.

Nicht nur in Akademikerfamilien
Nicht selten werden die Kinder traurig und mutlos. Darum ist es außerordentlich wichtig, dass die Kinder akzeptiert werden, ihre besondere Begabung gefördert und gefordert wird.
Mit Hilfe eines guten Psychologen, der sich in der Thematik Hochbegabung auskennt, können Eltern ihre Kinder testen lassen. Es gibt auch so genannte Teilbegabungen. Und wer denkt, dass Hochbegabung nur in akademischen Familien vorkommt, der irrt. „Hochbegabung gibt es in allen Schichten“, erklärt Marlene Mayer.

Wie geht es den Eltern mit der Hochbegabung ihrer Kinder?

„Eltern hochbegabter Kinder stoßen immer wieder auf Vorurteile. Ihnen wird unterstellt, sie hätten das Kind „dressiert“ oder würden es überschätzen. Eltern hochbegabter Kinder seien ehrgeizig und würden es nicht Kind sein lassen.“ Familien mit hochbegabten Kindern fühlen sich oft wie Geparde im Lande der Löwen Es ist eine schwierige Aufgabe, ein hochbegabtes Kind in der heutigen Zeit zu erziehen, seinen speziellen Bedürfnissen gerecht zu werden, es nicht zu isolieren und doch im Bedarfsfall zu schützen, beschreibt Marlene Mayer die Probleme der Eltern.

 

Eine weitere Schwierigkeit, die nicht unerheblich ist, ergibt sich in der Schule und dem Kindergarten. Hier müssen sich die Eltern oft rechtfertigen warum ihr Kind hochbegabt ist. „Eltern hochbegabter Kinder sollten unbedingt ihrer Intuition vertrauen. Das Kind, das gute Leistungen in der Schule zeigt, erhält dafür gute Noten und gilt als besonders talentiert. Es wird durch eine besondere Schulbildung gefördert werden. Das Kind das keine guten Leistungen zeigt, unberücksichtigt was sein inneres intellektuelles Entwicklungsniveau ist, bleibt ziemlich wahrscheinlich unentdeckt und seine intellektuellen Bedürfnisse werden nicht befriedigt werden.  

Notfalls Interessen durchsetzen
Weigern sich Erzieher und Lehrer trotz mehrmaliger Gespräche weiterhin zu kooperieren, was leider gar nicht so selten vorkommt, sollte die Möglichkeit eines Schul- bzw. Kindergartenwechsels in Betracht gezogen werden“, argumentiert Marlene Mayer. Den wenigsten Mitmenschen ist klar, dass der Umgang mit einem hochbegabten Kind anstrengend sein kann. Die Kinder sprechen oft wie Erwachsene. Sie sind sehr verständig. Sie müssen gefördert und geistig ausgelastet werden, damit sie sich gut entwickeln können. Andererseits sind sie doch Kinder mit all den Bedürfnissen, die Gleichaltrige auch haben. Das macht die Erziehung schwierig.

Hochbegabung, mehr als IQ und Noten
Ein Tipp von Marlene Mayer: „Wichtig ist, dass die Hochbegabung so früh wie möglich erkannt wird, damit hochbegabte Kinder ein entsprechendes Umfeld bekommen. Das ist wichtig, damit sie sich zu dem entwickeln können, zu dem sie bestimmt sind. Eltern sollten bei schlechten Zensuren eine Hochbegabung nicht ausschließen oder belächeln, genauso nicht bei guten Noten das Kind für hochbegabt halten.

Wichtig ist eine Intelligenzdiagnostik, die nur von Psychologen, die in der Thematik Hochbegabung speziell ausgebildet sind, durchgeführt werden sollte. Denn Hochbegabung ist mehr als ein hoher Intelligenzquotient. Man kann die Hochbegabung als eine Wechselwirkung zwischen hoher Intelligenz und einer Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen wie Willenskraft, Kreativität, Motivation und Zielstrebigkeit definieren. Leider ist der Lehrstoff an vielen Schulen nur auf das durchschnittlich begabte Kind abgestimmt. Das kann für viele hochbegabte Kinder, wie im Fall Michael, zum Dilemma werden.

Mehr Informationen erteilt Marlene Mayer gerne persönlich:
Telefon: 08269 – 96 08 85
marlene.mayer@intellegimus.de
www.intellegimus.de
www.dghk.de
(Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e. V.)

Literatur-Tipp
Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V.
Im Labyrinth:
Hochbegabte Kinder
in Schule und Gesellschaft
LIT-Verlag, Münster
ISBN 3-8258-5205-9

Die Beiträge verschiedener Autoren aus Wissenschaft, Schule und Beratungspraxis sollen Betroffenen, Eltern, Erziehern, Lehrern und allen Interessierten helfen, die verschiedenen Facetten von Hochbegabung wahrzunehmen und zu verstehen. Außerdem werden Möglichkeiten für eine erfolgreiche Förderung hochbegabter Kinder im Schulalltag dargestellt.

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