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Die Krise muss man als Chance begreifen

Helmut WieseneggErstmals in der Geschichte von Reutte wurde das Budget für das kommende Jahr weit vor der gesetzlichen Beschlussfrist vom Gemeinderat genehmigt. Wie Bürgermeister Wiesenegg bekannt gab, enthält der Voranschlag 2009 im Ordentlichen und Außerordentlichen Haushalt die Rekordsumme von rund 27 Millionen Euro, zusätzlich senkt die Marktgemeinde Reutte die Verschuldung und erhöht zugleich ihre Rücklagen. Mit diesem enormen Budget soll im Besonderen auch auf die Wirtschaft und die Arbeitsplätze in kommenden Rezessionsjahren Rücksicht genommen werden. Bürgermeister Wiesenegg spricht hier offen über Erfolge, Projekte und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Tirol und seinem Nachbar.
Füssen aktuell: Mit welchen Gedanken blicken Sie auf das Jahr 2008 zurück?
Bürgermeister Wiesenegg: Wenn man heute in den Medien international die Nachrichten verfolgt und sieht, wo überall auf der Welt kriegerische Auseinandersetzungen stattfinden und Krankheiten Menschen bedrohen, glaube ich, dass wir uns in Österreich grundsätzlich glücklich schätzen können. Wir leben noch auf einer kleinen Insel „der Seeligen“.
Die Zukunftssorgen unserer Bürger sind sicherlich berechtigt, aber die Politik und insbesondere wir, als Kommune, haben alle Maßnahmen gesetzt um das Jahr 2009 zu einem guten Jahr zu machen, auch wenn die Zeichen auf Sturm stehen.
Füssen aktuell: Ausgelöst durch das Zusammenbrechen des US-Immobilien- und Finanzmarktes ist weltweit eine Krisenstimmung entstanden. Welche Vorkehrungen werden in Reutte getroffen?
Bürgermeister Wiesenegg: Ich gehen davon aus, dass unsere Unternehmungen mit großer Sorgfalt und Verantwortung eventuelle Einbrüche in ihren Auftragsbüchern nicht mit dem Freisetzen von Mitarbeitern beantworten, sondern behutsam versuchen, wie auch wir in der Politik, das Jahr 2009 zu meistern. Wir alle können nichts dafür, dass sich eine Finanzkrise aufgebaut hat, die sich darin gipfelt, dass uns die Arbeitslosigkeit Angst macht und sozialen Sprengstoff beinhaltet. Schon im Jahr 2008 hatte die Marktgemeinde Reutte mit Sichtweise auf die konjunkturelle Entwicklung das Budget auf 23 Mio. festgelegt. Für das kommende Jahr wurde das Budget in Gesamthöhe von 27 Mio. beschlossen. Allein daraus erkennt man deutlich, dass das Handeln in der Krise für einen Bürgermeister vordringlich ist. Die Marktgemeinde Reutte ist dank ihrer eigenen Unternehmen und hervorragender Mitarbeiter in der glücklichen Lage, jährlich zusätzlich weitere 15 Mio. Euro für Investitionen bereitzustellen. Wir können Initiativen von internationalem Zuschnitt setzen, wovon nicht nur die Marktgemeinde Reutte profitiert, sondern der ganze Bezirk, das Land Tirol und natürlich auch unsere Nachbarn im Allgäu.
Füssen aktuell: Welche Baumaßnahmen sind für das kommenden Jahr geplant?
Bürgermeister Wiesenegg: Unser gemeinsames Ziel ist es, das Erlebnisbad Ehrenberg zu realisieren. Der Bau gehört zu einem der wichtigsten infrastrukturellen Vorhaben von Reutte. Dass dieses Bauvorhaben nicht unter besonders günstigen Vorzeichen stand und steht, wissen viele. Der Bürgermeister hatte ein handelsrechtliches Chaos übernommen, das es zu ordnen galt. Es ist gelungen ein Projekt von 13,5 Mio. auf die Beine zu stellen. Eine Investition in dieser Größenordnung genießt mein besonderes Augenmerk. Die Investition muss sich in weiterer Folge rechnen oder zumindest eine Nullnummer ergeben. Grundsätzlich wurde vom mir eine Vorgabe gemacht. Der vorgegebene Termin „Dezember 2009“ ist vom Projektleiter fixiert. Daran halten wir vorerst fest. Wenn es zu einer Verschiebung kommen sollte, dann kann es daran liegen, dass nun, durch die Geologie und das gefundene Heilwasservorkommen gesetzliche Auflagen und Fristen bestehen, die einzuhalten sind.
Füssen aktuell: Das ist aber nicht alles?
Bürgermeister Wiesenegg: Eine weitere große infrastrukturelle Maßnahme, die wir zusammen mit den Partnern realisieren müssen, ist die Sanierung bzw. der Ausbau der Reuttener Seilbahnen, wo ebenfalls eine Investitionssumme von 11 Mio. Euro notwendig ist. Dazu kommen weitere Projekte innerhalb der Marktgemeinde Reutte, die mit einer Größenordnung von rund 5 Mio. Euro zu Buche schlagen. In Reutte haben wir bereits „Betreutes Wohnen“ umgesetzt. Nun werden im Zuge einer großen Wohnanlage mit 68 Wohnungen, zirka 20 Wohnungen als betreutes Wohnen integriert. Diese Wohneinheiten stehen im engen Kontakt mit unserem Seniorenzentrum. Eine weitere vorgezogene Baumaßnahme ist der Umbau des Seniorenzentrums selbst, mit einer Investitionssumme von 3,5 Mio. Mit dem neuen zukunftsweisenden Konzept „Eden“ wird ein Betreuungssystem eingeführt, wobei wir überzeugt sind, dass es der häuslichen Betreuung am ehesten entspricht.
Füssen aktuell: Welche Aspekte sind für Sie im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit dem Allgäu im nächsten Jahr wichtig?
Bürgermeister Wiesenegg: Durch die Gründung der Reutte Holding AG Betriebsgesellschaft wurde die Basis für einen globalen wirtschaftlichen Erfolg gelegt. Das ist für unsere Partner in Füssen und im gesamten bayerischen Raum ein sehr wichtiger Aspekt. Wir wissen, verlässliche Partner, wie die Kommunen des Allgäus und unsere Kunden zu schätzen und werden unsere gebündelte Kraft dafür einsetzen, damit der wirtschaftliche Kontext auch die nächsten hundert Jahre funktioniert. Mit den Bürgermeisterkollegen unserer Versorgungsgemeinden in Bayern besteht dazu bestes Einvernehmen, für das ich herzlich danke.
Ein anderes Thema ist der öffentliche Nahverkehr. Die Naturparkregion Reutte hat im Dezember den öffentlichen Nahverkehr aus der Taufe gehoben. Der Stundentakt funktioniert. Jetzt ist es notwendig über die Grenze zu schauen und auch die Nachbargemeinden einzuladen. Gleichzeitig möchte ich jetzt bereits zur Bezirksmesse im kommenden Mai einladen.
Füssen aktuell: Wo trifft man sich?
Bürgermeister Wiesenegg: Die Messe findet zum ersten Mal auf dem historischen Boden in der Ehrenberger Klause statt. Alle Aussteller und Gäste vom Außerfern und Allgäu sind herzlich willkommen.
Füssen aktuell: Im Hauptort vom Bezirk Reutte scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Gibt es denn etwas, worüber Sie sich ärgern?
Bürgermeister Wiesenegg: Das immer im Blickpunkt des Bürgermeisters kontrollierte Handeln, findet nicht immer Freunde, vor allem, wenn man die Gemeinde voran bringen will. So bin ich es gewöhnt, dass ich hart kritisiert werde. Nehmen wir das Besispiel Müllgebühren. Wir Reuttener haben heute die günstigsten Müllgebühren in ganz Tirol. Die Gebühren sind jetzt pro Tonne Müll um rund 13,24 Prozent günstiger als bisher. Nur ist es manchmal schon etwas eigenartig wenn genau jene Leute, die am heftigsten diskutiert haben und bei der Abstimmung dagegen waren, dann als erste bei jedem Festakt in der ersten Reihe stehen. Oder ein anderes Beispiel. Nach dem Verbändegesetz ist die Marktgemeinde Reutte überall Hauptzahler. Jene Gemeinden, die zum überwiegenden Teil die Infrastruktur finanziell bestreiten, sollten auch bei der Mitbestimmung mehr einbezogen werden. Es dürfen nicht die Gemeinden indirekt bestraft werden, die sich initiativ für die Schaffung von Arbeitsplätzen und Ansiedlung von Wirtschaftsbetrieben einsetzen, damit Finanzkraft entsteht. Denn die Finanzkraft ist dann die Fußangel. Die Gemeinde, die eine hohe Finanzkraft besitzt, bekommt vom Land zwangsläufig weniger Zuwendung als die anderen. Mit allem Verständnis für die anderen Gemeinden, dies ist der komplett falsche Weg.
Füssen aktuell: Was fällt Ihnen spontan zu dieser Frage ein: Über welche Auszeichnung der Marktgemeinde Reutte haben Sie sich bisher am meisten gefreut?
Bürgermeister Wiesenegg: Eigentlich über alle. Wobei ich über eine Auszeichnung besonders stolz bin. Es ist eine Auszeichnung, die der Künstler Gidi Birkner geschaffen hat.
Als erste Gemeinde Österreichs hat die Marktgemeinde Reutte vom Bundessozialamt die Auszeichnung „Besonderes soziales Engagement für die Integration von Menschen mit Behinderungen“ erhalten. Wir sehen unsere gesellschaftliche Verpflichtung und tun etwas, denn das ist wichtig. Wir beschäftigen viele Menschen mit Behinderung. Das hat sich bewährt und zwar in allen in allen Bereichen, ob in der Verwaltung, am Bauhof oder speziell in der Gärtnerei.
Füssen aktuell: Mit welchen Wünschen starten Sie in das neue Jahr?
Bürgermeister Wiesenegg: Mein größter Wunsch wäre, wenn weltweit wieder sozialer Friede einkehrt, wobei entscheidend ist, dass alle Menschen Arbeit und Brot haben. Ich wünsche mir auch, dass sich endlich einmal alle Gedanken machen, wie man dem Hunger, zum Beispiel in Afrika, begegnet. Täglich verhungern Menschen, während wir auf der Butterseite des Lebens stehen. Wenn man das Problem löst, würde es gleichzeitig auch viele Probleme bei uns lösen und vielen Krankheiten Anhalt gebieten, die sich zwangsläufig in Europa verbreiten. Ich wünsche und hoffe, dass durch die Finanzkrise die Verantwortlichen nachdenklich werden und daraus lernen.
Füssen aktuell: Was ist Ihr Wunsch speziell für Reutte?
Bürgermeister Wiesenegg: Für Reutte wünsche ich mir, dass die Aufwärtsbewegung weiterhin gewährleistet ist und auch die gute Zusammenarbeit der beiden großen politischen Parteien, die allen zugute kommt. Durch die rasante Aufwärtsentwicklung, besonders in den letzten zehn Jahren, finden immer mehr Nachbarn aus Deutschland bei uns Heimat. Früher war die Situation umgekehrt, darüber freue ich mich als Bürgermeister, denn das bestätigt meine Arbeit. Ich wünsche mir, dass sich die positive Tendenz auch im Bayerischen Raum und im benachbarten Allgäu weiterentwickelt, damit wir gemeinsam davon profitieren können.
Füssen aktuell: Und was ist Ihr ganz persönlicher Wunsch für das neue Jahr?
Bürgermeister Wiesenegg: Für meine Familie und auch für mich, wünsche ich mir nichts mehr als Gesundheit.
Text/Bild:ha

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