
Ein Jahrhundertealter Brauch mit Zukunft
Traditioneller Colomansritt am 11. Oktober – Bewerbung als UNESCO-Kulturerbe läuft
Jedes Jahr am zweiten Sonntag im Oktober verwandelt sich die beschauliche Gemeinde Schwangau in einen Ort lebendiger Tradition. Das Colomansfest zu Ehren des Heiligen Coloman, dem Schutzpatron der Tiere, zählt zu den bedeutendsten Feiertagen der Gemeinde und zieht alljährlich zahlreiche Besucher vor die Tore des Dorfes der Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau.
In diesem Jahr findet das traditionsreiche Fest am Sonntag, 11. Oktober, statt – verbunden mit dem Colomanstag am 13. Oktober. Der Höhepunkt des Festes ist der Colomansritt, an dem rund 200 Reiter teilnehmen. Dieser uralte Brauch könnte schon bald eine besondere Auszeichnung erhalten: Ein Antrag auf Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO wurde im Herbst 2025 offiziell eingereicht.
Ein Fest mit tiefen historischen Wurzeln
Die Geschichte des Colomansfestes reicht vermutlich bis ins 15. und 16. Jahrhundert zurück. Seinen Ursprung hat das Fest im Gedenken an den Heiligen Coloman, einen irischen Königssohn, der der Legende nach im Jahr 1012 auf seiner Pilgerreise ins Heilige Land genau an jenem Ort rastete, an dem heute die Wallfahrtskirche St. Coloman steht. Seither wird seinem Andenken in Schwangau in besonderer Weise gedacht – mit einem Festgottesdienst, einer feierlichen Pferdebenediktion und dem traditionellen Ritt um die Kirche.
Was Besucherinnen und Besucher am Festsonntag als prachtvolles Schauspiel erleben, ist das Ergebnis tagelanger Vorbereitung. Bereits eine Woche vor dem Fest beginnen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer damit: Geschirre werden auf Hochglanz poliert, Blumenschmuck für Mähne und Schweif der Pferde wird sorgfältig hergerichtet, und der festliche Landauer für die Geistlichkeit wird in seiner ganzen Pracht vorbereitet.
Am Samstag vor dem Festsonntag werden die Pferde gewaschen und gestriegelt, die Boxen geputzt und mit frischem Stroh versehen. Mähnen und Schweife werden gekämmt und kunstvoll geflochten, während gleichzeitig Dirndlschürzen, Blusen, Trachtenhemden gebügelt und Haferlschuhe poliert werden.
Am Festsonntag selbst stehen viele Teilnehmer bereits gegen drei oder vier Uhr morgens auf, um ihre Tiere zu schmücken. Bunte Schleifen, Blumen und Bänder – vielfach bereits am Vorabend vorbereitet – werden in aufwändiger Handarbeit in die Mähnen der Pferde geflochten. Das gesamte Dorf Schwangau trägt ebenfalls zum festlichen Rahmen bei: Die Häuser sind an diesem Tag traditionell mit Fahnen und Blumen geschmückt.
Der Festzug: Ordnung und Tradition
Um 9.30 Uhr formiert sich der Festzug am Rathaus von Schwangau. Der Ablauf ist dabei kein Zufall, sondern folgt einer alten Rittordnung, die in der offiziellen Satzung des Sankt Coloman-Vereins Schwangau festgeschrieben ist. An der Spitze des Zuges marschiert die Musikkapelle Schwangau, gefolgt von den Fahnenabordnungen der örtlichen Vereine. Dahinter fahren die prächtigen Kutschengespanne, die Geistlichkeit, Bürgermeister, Ehrengäste und Ministranten befördern. Den Abschluss des langen Festzuges bilden die rund 200 Reiterinnen und Reiter in traditioneller Tracht – viele von ihnen reiten ihre Pferde dabei ungesattelt.
An der Wallfahrtskirche St. Coloman angekommen, stellen sich Pferde und Kutschen auf der Wiese vor dem Gotteshaus im Halbkreis auf. Dort wird auf freiem Feld der Festgottesdienst zelebriert. Am Ende der Messe folgt eine feierliche Andacht, bei der der Pfarrer hoch zu Ross durch die Reihen der Reiter geführt wird. Mit der Colomansreliquie spendet er dann jedem einzelnen Tier den Segen – ein Moment von besonderer Feierlichkeit und tiefer Symbolik. Gleichzeitig wird um Gesundheit für Mensch und Tier gebetet.
Der eigentliche Höhepunkt des Tages ist der Colomansritt. Nach der Segnung umrunden die Reiter und Kutschen die Wallfahrtskirche zweimal in weitem Bogen. Rund um die Kirche laden verschiedene Verkaufsstände mit Getränken und Brotzeit zum geselligen Verweilen ein. Im Anschluss tritt der gesamte Festzug, erneut angeführt von der Musikkapelle Schwangau, den Weg zurück zum Rathaus an. Dort erwartet alle Reiterinnen und Reiter ein besonderer Dank: Sie erhalten kostenloses Essen und Getränke sowie kleine Gastgeschenke zur Erinnerung an diesen besonderen Tag.
Bewerbung als UNESCO-Kulturerbe – Entscheidung 2027 erwartet
Die tiefe historische und kulturelle Bedeutung des Colomansritts hat nun auch auf nationaler Ebene Anerkennung gefunden. Im Herbst 2025 wurde offiziell ein Antrag eingereicht, um den Colomansritt in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufzunehmen. Die Übergabe des Antrags erfolgte im Beisein von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der die Bewerbung der Gemeinde Schwangau und des St. Coloman-Vereins ausdrücklich unterstützte.
Da die Kulturministerkonferenz und die zuständigen UNESCO-Expertenkomitees solche Anträge nur in bestimmten Zyklen und nach strengen Kriterien prüfen, befindet sich das Verfahren derzeit im regulären Begutachtungsprozess. Mit einer finalen Entscheidung über die Aufnahme des Colomansritts ist voraussichtlich im Frühjahr 2027 zu rechnen.
Text: rie · Foto: Hubert Riegger



