
Wo Glaube und Wissenschaft sich begegnen
Ein persönliches Gespräch mit dem Füssener Medizinethiker Prof. Dr. Dr. Fuat Oduncu über Sterbehilfe, künstliche Intelligenz und den Wert des Lebens
Medizinethik und Glauben sind ein weites Feld. Wie wichtig ist die KI in der Ethik, wie geht ein Mediziner mit Sterbehilfe um und wie verhält sich die Forschung zur Medizinethik? Diese Fragen stellte „Füssen aktuell“ dem renommierten Arzt und Philosophen Prof. Dr. Dr. Fuat Oduncu, der Onkologe, Palliativmediziner und Medizinethiker ist.
Als Chefarzt am Helios Klinikum München West und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München gehört er zu den führenden Experten auf den Gebieten Hämatologie, Onkologie, Palliativmedizin und medizinische Ethik. Der in Füssen aufgewachsene Mediziner vereint in seiner Person wissenschaftliche Exzellenz mit humanitärem Engagement: Mit über 200 wissenschaftlichen Publikationen hat er die Krebsforschung und Palliativmedizin maßgeblich geprägt.
Sein Engagement reicht weit über die Klinik hinaus: Als Präsident der Erich-Frank-Gesellschaft fördert er den akademischen Austausch zwischen Deutschland und der Türkei. 2017 gründete er die World Medical Association of Suryoye, um die medizinische Versorgung aramäisch-assyrischer Gemeinden im Nahen Osten zu verbessern. Als gefragter Experte nimmt er regelmäßig zu aktuellen medizinethischen und gesundheitspolitischen Themen Stellung.
Professor Oduncu, Sie sind Onkologe, Palliativmediziner, Medizinethiker und Philosoph – und Sie gehören als Aramäer-Assyrer der syrisch-orthodoxen Kirche an. Wie prägt Ihr christlicher Glaube Ihre Arbeit als Arzt und Ethiker? Gibt es Situationen, in denen Glaube und Wissenschaft für Sie in Spannung zueinander stehen?
„Das ist eine sehr persönliche Frage, die mein Innerstes anspricht. Mein christlicher Glaube geht Hand in Hand mit meinem Dienst am Nächsten als Arzt. Im Kern geht es bei beidem um das Gute: Gutes denken, Gutes wollen und Gutes tun für den mir anvertrauten Patienten als meinen Mitmenschen. Ich lebe und unterrichte die Hauptprinzipien der Medizinethik als Teil der praktischen Philosophie: Menschenwürde (dignitas), Gutes tun (salus aegroti suprema lex), Nichtschaden (nihil nocere), Achtung der Patientenautonomie (voluntas aegroti) und Gerechtigkeit (iustitia).
Diese Prinzipien lenken und leiten mein ärztliches Tun, um dem Wohl und Willen des Patienten bestmöglich gerecht zu werden. Sie bilden das Fundament für eine medizinethische Reflexion und Rechtfertigung meiner ärztlichen Tätigkeit. Bei diesen Prinzipien handelt es sich gleichzeitig auch um christliche Werte, die mir als überzeugter Christ Halt und Orientierung im Leben geben.“
Nach Ihrer intensiven Forschung zu den Themen Sterbebegleitung, Sterbehilfe und Palliativmedizin stellt sich aus medizinethischer UND aus christlicher Sicht die Frage: Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Sterbebegleitung und Sterbehilfe? Und: Verfügen wir über unser Leben – oder gehört es Gott? In Deutschland ist seit 2020 geschäftsmäßige Sterbehilfe straffrei.
„Sterbebegleitung und Sterbehilfe müssen klar unterschieden werden, da sie oft synonym oder falsch verstanden werden. Sterbebegleitung bedeutet palliativmedizinische, ganzheitliche Betreuung des Patienten ohne aktive Verkürzung oder Verlängerung der Lebenszeit: Behandlung von Schmerzen, Atemnot und anderen quälenden Beschwerden sowie Sorgen und Nöten auf körperlicher, psychischer, sozialer und spiritueller Ebene.
Bei der Sterbehilfe unterscheidet man verschiedene Formen: passive Sterbehilfe (Sterben durch Unterlassen oder Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen), aktive direkte Sterbehilfe (Tötung auf Verlangen), indirekte Sterbehilfe (Inkaufnahme vorzeitigen Versterbens als unbeabsichtigte Nebenwirkung einer medizinisch gebotenen Maßnahme) sowie die Beihilfe zur Selbsttötung (assistierter Suizid). Maßnahmen der passiven und indirekten Sterbehilfe umfassen die Sterbebegleitung und sind ethisch legitim und geboten.
Die aktive direkte Sterbehilfe ist dagegen rechtlich und ethisch illegitim. Die Beihilfe zum Suizid ist rechtlich zulässig und wird hierzulande in zunehmendem Maße praktiziert, aber ethisch problematisch. Als Arzt, Medizinethiker und Christ lehne ich den ärztlich assistierten Suizid ab, weil diese Form der Sterbehilfe dem ärztlichen Ethos widerspricht und keine wirkliche Hilfe für den Patienten darstellt. Wenn ein Patient um Beihilfe zum Suizid oder gar Tötung auf Verlangen bittet, dann haben Medizin und Gesellschaft gleichermaßen versagt.
Zahlreiche Studien und Umfragen belegen, dass Patienten primär nicht wegen Schmerzen oder anderer quälender Zustände vorzeitig ihr Leben beenden wollen, sondern aus Angst vor sozialer Vereinsamung, aus Angst, anderen zur Last zu fallen und unter dem immensen gesellschaftlichen Druck, endlich von der rechtlich legitimierten Selbsttötung Gebrauch zu machen.
Als Arzt und noch mehr als Gesellschaft muss ich mich doch fragen: Warum will der Patient vorzeitig aus dem Leben scheiden? Der Patient will nicht grundsätzlich nicht mehr leben, sondern er will nicht so weiterleben. Also müssen wir an dem ‚so‘ drehen und dieses so verändern, dass der Patient sein Leben und sein Leid wieder bejahen kann. Daher wäre es fatal und falsch, etwa dem verzweifelten Wunsch eines Patienten nach vorzeitiger Lebensbeendigung zu entsprechen. Denn: Der Patient will ja im Grunde frei sein von seinem Leid oder der Angst vor dem Leiden.
Mit einer Patiententötung durch Suizidbeihilfe befreien wir nicht den Patienten, sondern wir beseitigen den Patienten, und es bleibt nichts mehr von ihm übrig, das dieses von ihm so ersehnte ‚frei sein von‘ erleben könnte. Daher kann man mit dem Philosophen Robert Spaemann festhalten: ‚Es gibt kein gutes Töten!‘ Wenn sich heute viele Menschen nur deshalb einen begleiteten Suizid wünschen, weil sie die Missstände in Pflege- und Altenheimen fürchten, dann haben wir hier als Gesellschaft ein großes Problem.
In meiner mehr als 30-jährigen Tätigkeit als Arzt, Onkologe und Palliativmediziner ist mir noch kein einziger Patient begegnet, dessen Leiden wir durch eine ganzheitliche Betrachtung und Behandlung nicht ausreichend gelindert oder beseitigt hätten, dass das Thema der Hilfe zur Selbsttötung eine Rolle gespielt hätte.
Am Ende steht für mich die Frage: Wie können wir Sterben und Tod als eine gemeingesellschaftliche Aufgabe betrachten, um die medizinischen, pflegerischen, gesellschaftlichen und staatlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass wir es als Gesellschaft hinbekommen, dass jeder Mensch hierzulande in Würde, angstfrei und ohnequälende Beschwerden sterben kann und darf und nicht selbst Hand anlegen muss?
Sterben und Tod sind in der Gesellschaft immer noch negativ beladen. Hier hilft eine Rückbesinnung auf die im Mittelalter gelebte ‚Ars moriendi‘: Die Kunst des guten Sterbens durch aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und Annahme des eigenen Todes, um so das geschenkte Leben in Erfüllung und Verantwortung zu leben. Ein geflügeltes Wort lautete ‚Media vita in morte sumus‘ (Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben). Ein solches Bewusstsein kann helfen, für unsere sterbenden Mitmenschen eine stabile Brücke des Vertrauens und der Geborgenheit zu bieten, um ihnen die notwendige Zuversicht beim Übergang vom Diesseits zum Jenseits zu ermöglichen.
Eine so verstandene ‚Sterbekultur‘ kann den Rahmen schaffen, dass jeder einzelne Patient den Schrecken vor dem Tod verliert und ein personenbezogenes Sterben in Würde erfährt. ‚Der Tod ist nichts Schreckliches. Nur die schreckliche Vorstellung macht ihn furchtbar‘, sagte der antike Philosoph Epiktet.
In der Realität sterben heute aufgrund veränderter Familienstrukturen und damit einhergehender Individualisierung mehr als 80% der Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Aber in Umfragen wünschen sich mehr als 90% der Menschen ein Sterben im vertrauten Zuhause mit Begleitung durch die nächsten Angehörigen. Sterben und Tod finden zunehmend als entpersonalisierter, institutionalisierter Prozess statt. Sterbende empfinden dies als Fremdbestimmung, Verlust ihrer Autonomie und Würde, als soziale Isolation. Das ist ein toxischer Nährboden für die Befürworter von aktiver Sterbehilfe und assistiertem Suizid. Gerade sie bemühen den Grundsatz der Autonomie für eine Idealisierung der ‚Freiheit zum Tod‘. Aber genau diese idealisierte, vermeintlich selbstbestimmte Freiheit zum Tod führt zunehmend zu einer Bedrohung des Lebens und pervertiert letztendlich zu einer ‚Unfreiheit zum Leben‘.“
Als Onkologe und Palliativmediziner begleiten Sie Menschen mit schweren Krebserkrankungen – manche bis zum Tod. Wann ist der Punkt erreicht, an dem Sie als Arzt sagen: „Wir können medizinisch nichts mehr tun“? Und wie vereinbaren Sie das mit dem ärztlichen Auftrag zu heilen? Hilft Ihnen dabei Ihr Glaube?
„‚Wir können medizinisch nichts mehr tun‘ gibt’s nicht. Denn: Wenn medizinisch nichts mehr zu machen ist, gibt es noch viel zu tun. Wenn wir den Krebs nicht mehr heilen können, hören wir nicht automatisch auf, den Patienten zu behandeln. Wir besprechen eine Therapiezieländerung: Wir können den Krebs nicht aufhalten oder heilen. Aber wir können die Symptome, die der Krebs verursacht (Schmerzen, Atemnot, Wasseransammlungen in Lunge und Bauch, Infektionen, etc.), gut behandeln und uns um die weitere häusliche, pflegerische Versorgung und Unterbringung kümmern.
Es sind unangenehme, schwierige, aber notwendige Fragen, wenn mich mein unheilbar kranker, sterbender Patient frägt: ‚Kann man da gar nichts mehr machen?‘, ‚Werde ich sterben?‘, ‚Wie lange habe ich noch?‘, ‚Werde ich noch Weihnachten erleben?‘ Es ist wichtig und bereits der erste Schritt der Behandlung, für den Patienten einen ‚geschützten Ort zu schaffen‘ (ich setze mich zum Patienten und berühre vielleicht seine Hand, schaue ihn auf Augenhöhe an, lasse ihn reden und ausreden, höre zu, schalte mein Diensthandy und Piepser aus und signalisiere: Ich bin jetzt voll und ganz für dich da), dass er sich traut, alles zu fragen. Nur so kann ich verstehen, was ihn wirklich quält und was für ihn wichtig ist. Ich definiere mit ihm gemeinsam erreichbare Ziele, die wir gemeinsam im Team für ihn erreichen können.
Es ist wichtig, dass der Patient vertraut und sich fallen lassen kann mit dem festen Glauben, dass er sich immer aufgehoben fühlen darf. Der Erhalt der Lebensqualität tritt an die Stelle der Heilung. Auch wenn die verbliebene Lebenszeit noch so kurz ist, kann sie mit Lebensqualität, Würde und Sinn gefüllt und gestaltet werden.
Früher, als ich ganz neu auf der Krebsstation anfing zu arbeiten, habe ich es immer als medizinisches, aber auch als persönliches Versagen empfunden, wenn wir Patienten nicht heilen bzw. retten konnten. Heute empfinde ich Dankbarkeit und Demut, wenn ich Patienten, die sich mir anvertrauen, behandeln und bis zum Tod begleiten darf, in dem festen Wissen und Glauben, dass ich immer und zu jedem Zeitpunkt etwas tun, helfen und für meine Patienten da sein kann. Ich verstehe meinen ärztlichen Auftrag so: Heilen, wo immer es möglich ist, lindern und trösten immer. Mein Glaube an Jesus Christus tut mir gut dabei.“
Sie arbeiten täglich mit schwerkranken Menschen. Viele fragen sich in ihrer Verzweiflung: „Warum lässt Gott das zu?“ Wie antworten Sie darauf? Und: Haben Sie in Ihrer Arbeit je etwas erlebt, das Sie medizinisch nicht erklären konnten – ein „Wunder“?
„Das habe ich mich früher als junger Arzt auch gefragt, warum lässt Gott das zu? Warum lässt Gott überhaupt Leid, Krieg und das Böse zu? Mit dem Alter wird man ruhiger, reifer und demütiger. Heute weiß ich, Gott verursacht nicht Krankheit und Leid und er lässt es in diesem Sinne auch nicht zu. Gott – in der konkreten Menschwerdung Jesu Christi – kann man nicht auf konkrete irdische Geschehnisse herunterbrechen und für Fehlentwicklungen verantwortlich machen. Gott erlöst uns auch nicht von unserer Krankheit und unserem Leiden.
Aber ich weiß, Jesus leidet mit meinen Patienten und mit mir. So verstehe ich das große Wort der ‚Erlösung‘ nicht dahingehend, dass Jesus uns von etwas erlöst, sondern durch sein Mitleiden erlöst. Es ist seine unerschöpfliche und unbegrenzte Anteilnahme und Mitleidenschaft, seine bedingungslose Compassion, weil Jesus gut ist, zu jeder Zeit. Daher sind Sterben und Tod nicht das letzte, sondern nur das vorletzte, das erst nach dem Tod seine Vollendung bei und durch Jesus erfährt. Darauf zu vertrauen und zu hoffen hält mich fest in meinem Leben und nimmt mir die Angst vor meinem eigenen Sterben und Tod.
Wunder erlebe ich jeden Tag, wenn ich sehe, wie Menschen ihr schweres Leid hinnehmen und noch erfüllter leben. Und manchmal nimmt die tödliche Krankheit einen anderen Verlauf an, den wir so nicht erwartet hatten. Dann ist die Freude auf allen Seiten besonders groß. Der nüchterne Mediziner würde es Spontanheilung nennen. Aber warum nicht Wunder? Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, das wir mit unserem begrenzten Verstand nicht erfassen können. Vielleicht ist es auch gut so. Aber macht uns Menschen nicht gerade auch die Tatsache aus, dass wir weit mehr jenseits von Verstand und Vernunft denken können? Denn wie sagte Albert Einstein: „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“
Seit einigen Jahren forschen Sie an innovativen Krebstherapien – an sogenannten Triplebodies, die Krebszellen gezielt erkennen und zerstören können. Gleichzeitig haben Sie zu ethischen Fragen der Embryonen- und Stammzellforschung publiziert. Wo verlaufen für Sie als Christ und als Wissenschaftler die ethischen Grenzen der Forschung? Darf man alles, was man kann?
„Die Medizin als Wissenschaft ist neutral und weist lediglich die Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie auf, also was machbar ist, liefert aber per se keine ethische Reflexion, warum etwas gemacht werden soll oder nicht. Das heißt, die Medizin kann aus sich heraus als Wissenschaft die zentrale ethische Frage ‚Darf man alles, was man kann?‘ nicht beantworten. Dieser normative Anspruch (was darf man, was nicht, was ist gesollt und was nicht) bedarf einer ethischen Reflexion mit Hilfe der Disziplin der Philosophie. Hierbei geht es oft um ethisch reflektierte Güterabwägungen. Fortschritt in der Medizin und Generierung von Wissen ist gut und notwendig. Allerdings muss dieser Fortschritt immer von einer medizin-ethischen bzw. wissenschaftsethischen Diskussion begleitet werden.
Das Maß allen Fortschritts ist die Achtung der Menschenwürde, die medizinisches und menschliches Handeln leitet und legitimiert. Es ist auch der Grundsatz der Menschenwürde, der den sozial-ethischen Handlungsrahmen innerhalb und außerhalb der Medizin vorgibt. ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘, heißt es im Artikel 1 des Grundgesetzes. Das heißt jeder Mensch ist ein zu achtendes Subjekt und kein Objekt und mit den Worten von Immanuel Kant ein letzter ‚Zweck an sich‘ (Selbstzwecklichkeit) und darf nicht für andere Zwecke instrumentalisiert werden. Nach dem Verfassungsrechtler Günter Dürig ist nämlich die Menschenwürde dann verletzt, „wenn der konkrete Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, zur vertretbaren Größe, herabgewürdigt wird“.
Die Priorisierung und Rationierung in der Medizin ist ein Thema, über das Sie auch geforscht haben. Während Corona wurde das dramatisch aktuell. Nach welchen Kriterien entscheidet man ethisch vertretbar, wer das letzte Intensivbett bekommt? Ist ein junges Leben mehr wert als ein altes? Und was sagt Ihr christlicher Glaube dazu – vor Gott sind doch alle Menschen gleich wertvoll?
„Bei Priorisierung und Rationierung geht es um Verteilungsgerechtigkeit: Wer bekommt die Gesundheitsleistung, wer nicht? Jeder Mensch hat hierzulande einen Teilhabeanspruch an medizinischen Ressourcen, basierend auf den Prinzipien der Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität – abgeleitet aus der Menschenwürde. Daraus folgt: Diskriminierung in Bezug auf Alter, Geschlecht, Religion oder Herkunft ist verboten. Jedes Leben ist gleich wertvoll – diese ‚Lebenswertindifferenz‘ verbietet es, zwischen mehr oder weniger lebenswertem Leben zu unterscheiden. Einziges Verteilungskriterium darf die medizinische Bedürftigkeit sein: Schweregrad, Gefährlichkeit der Erkrankung und Dringlichkeit der Behandlung. Dieser Grundsatz bestätigt meinen christlichen Glauben: Vor Gott sind alle Menschen gleich wertvoll.“
Künstliche Intelligenz (KI) hält Einzug in die Medizin. KI könnte künftig Therapien optimieren, Verläufe vorhersagen oder sogar ärztliche Entscheidungen unterstützen. Wo sehen Sie Chancen und wo absolute Grenzen von KI in der Medizin?
„Künstliche Intelligenz durchdringt seit langem schon alle Bereiche der Medizin und ist längst Thema in der Medizinethik. Wie bei jedem anderen Instrument und Werkzeug hängt dessen Bewertung von seiner Verwendung ab, ob es für sinnvolle Zwecke oder zum Schaden der Menschheit eingesetzt wird. Auch ein Messer kann als große Hilfe im Haushalt oder aber als Waffe eingesetzt werden. Das heißt, KI ist per se nicht schon schlecht. Anwendung findet KI vor allem in der Radiologie, Pathologie, Dermatologie, Chirurgie und Verwaltung. Sie bietet ein enormes Potential zur Verbesserung in Früherkennung, Diagnostik und Therapie. Gerade in meinem Bereich, der Krebsmedizin, setzen wir KI-Systeme für eine personalisierte Krebsmedizin (Erstellung individueller Behandlungspläne) ein. Die heutigen KI-Systeme liefern in zunehmendem Maße wertvolle, effektive und effiziente Werkzeuge zur Unterstützung der Ärzte, die am Ende die Entscheidungen in Diagnostik und Therapie treffen.
Ganz entscheidend ist aus ethischer Sicht, dass das mächtige Potential der KI nicht übermächtig wird und uns Ärzte überfordert und am Ende uns selbst steuert. Daher ist eine kontinuierliche kritische Reflexion der KI mittels ethischer Leitlinien und rechtlicher Rahmenbedingungen geboten und notwendig, um sicherzustellen, dass KI verantwortungsvoll und zweckmäßig eingesetzt wird. Nur dann können wir das unerschöpfliche Potential der KI und ihre zukünftige Entwicklung zum Wohle unserer Patienten einsetzen und nutzen. Zu diesem Zweck hat die Bundesärztekammer 2025 ein entsprechendes Positionspapier ‚Von ärztlicher Kunst mit Künstlicher Intelligenz‘ veröffentlicht, das zusammen mit der Stellungnahme der Ethikkommission bei der Bundesärztekammer für eine ‚Entscheidungsunterstützung ärztlicher Tätigkeit durch Künstliche Intelligenz‘ aus dem Jahr 2021 ausführlich auf Chancen, Möglichkeiten, Risiken und Grenzen der KI eingeht.
Wir müssen in der Medizin die KI im klinischen Alltag so einsetzen, dass sie das vertrauensvolle Arzt-Patient-Verhältnis nicht stört oder gefährdet. Einfühlungsvermögen, Empathie und Fürsorge kann KI nicht übernehmen und ersetzen. Die personale Interaktion zwischen Arzt und Patient ist viel mehr als Algorithmen.“
Sie haben bereits so viel erreicht – in der Forschung, in der Lehre, in der Entwicklungshilfe. Sie tragen das Bundesverdienstkreuz und wurden erst kürzlich mit dem Bayerischen Verfassungsorden ausgezeichnet. Was treibt Sie an? Und: Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken – was war die wichtigste Lektion, die Sie als Arzt, als Ethiker und als gläubiger Mensch gelernt haben?
„Was mich antreibt, ist eine gute Einstellung zum Leben zu haben, stets das Gute zu wollen und zu tun, ohne dafür etwas zu erwarten. Khalil Gibran formulierte es so: „Es ist gut zu geben, auf eine Bitte hin, doch besser ist es, ungebeten zu geben, auf Verständnis für des anderen Not“ (Der Prophet). Was mich anspricht, ist das Antlitz des anderen, das mich in seiner Verletzlichkeit, Sterblichkeit, Bedürftigkeit berührt, irritiert und zum Handeln veranlasst.
Um mit den Worten des Ethikers Emmanuel Lévinas zu sprechen: Die Begegnung mit meinem Nächsten von-Angesicht-zu-Angesicht (face-à-face) lässt Verantwortung entstehen. Es ist keine bloß physische Begegnung mit dem Antlitz des anderen (le visage d’autrui), sondern vielmehr eine ethische Begegnung, nicht nur zu sehen, sondern auch die darin enthaltene Gebrechlichkeit, Bruchstückhaftigkeit und Unvollkommenheit zu erkennen.
Genau daraus habe ich meine wichtigste Lektion für mein Leben gelernt, wie sie auf wunderbare Weise im Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt wird. Vor ihm sehen ein Priester und Levit einen hilflosen, kranken, halbtoten Mann auf der Straße liegen und gehen weiter. Aber der Samariter geht an diesem Mann nicht einfach vorbei, weil er richtig sieht, mit dem Herzen. Dadurch erkennt er die Not und handelt. Meine Lektion fürs Leben ist, tiefer, dahinter zu sehen und mich dadurch vom Antlitz des Nächsten anrühren zu lassen, wie es beim kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry zum Ausdruck kommt: ‚Man sieht nur mit dem Herzen gut.‘
Wir Menschen sind inkomplette, unfertige, bedürftige, vulnerable ‚Mängelwesen‘ (Arnold Gehlen), abhängige ‚Nesthocker‘ (Adolf Portmann), genuin ‚dialog-bezogen‘ (Walter Kerber) und ‚sozial-personhaft‘ (Robert Spaemann). Diese konstitutive Weisheit des Menschen führt mich zu meiner nächsten Lektion bei Franz von Assisi: ‚Glücklich ist der Mensch, der seinen Nächsten trägt in seiner ganzen Gebrechlichkeit, wie er sich wünscht, von jenen getragen zu werden‘. Diese Erkenntnis tut gut, dass auch ich annehmen darf und mich in meiner ganzen Unvollkommenheit fallen lassen kann, denn ich fühle mich mit Dietrich Bonhoeffer ‚von guten Mächten wunderbar geborgen‘ und erwarte ‚getrost, was kommen mag‘.
Genau um diese Barmherzigkeit als unerschütterliches Fundament der Geborgenheit geht es auch beim aramäischen Begriff ‚Rahme‘ (Barmherzigkeit-Liebe-Vergebung), wie sie uns Jesus als Mitmensch in ihrer ganzen Vollkommenheit vorgelebt hat. Das macht mein Leben trotz seiner unüberwindbaren Bruchstückhaftigkeit, Bedürftigkeit und Unvollkommenheit rund und lebenswert. Auf diese Weise können wir alle ein menschlich gutes, sinnerfülltes und gelingendes Leben leben, wie es Aristoteles mit ‚Eudaimonia‘ in seiner Nikomachischen Ethik beschreibt.
Manchmal verzweifle ich am aktuellen Zerfall der Weltordnung und fühle mich so klein, mutlos, hilflos, überfordert und ohnmächtig. Dann versuche ich mich etwas aus meiner Ohnmacht freizuschwimmen, indem ich Gott anrufe: ‚Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, aber vor allem die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden‘. (Reinhold Niebuhr) Was bleibt nun nach dem Tod? Im Korinther (13,13) lesen wir: ‚Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.‘ Nichts anderes als eben diese Menschen- und Nächstenliebe ist es, die mir Sinn und Halt im Leben, Tod und danach gibt. Daher erfüllt es mich mit größter Freude, eines Tages auf meinen Lieblingsmenschen – Jesus – zu treffen.“
Text: Sabina Riegger · Foto: privat



