
Heil- und Wild-Kräuter
Dass man im Oktober durchaus noch Kräuter ernten kann, sofern er „golden“ ist, wie es so schön heißt und es nicht zum schneien kommt – haben wir auch schon erlebt – ist ja klar. Ich habe da einige Möglichkeiten, diesmal auch mit ansprechenden Rezepten, die Ihnen helfen können, Ihr Vitamindepot vor dem Winter nochmals aufzuladen.
Beginnen möchte ich gerne mit einer sehr bekannten Heil- als auch Würzpflanze, dem Echten
Thymian (Thymus vulgaris).
Bei uns steht nur ein kleines Pflänzchen, aber es wird sehr geschätzt, gehegt und gepflegt, allerdings meistens für feine Gerichte. Die Verwendung in der Küche ist vielseitig, er schmeckt kräftig herzhaft, leicht herb und ein wenig majoranähnlich. Frischer Thymian ist zwar etwas würzschwächer als getrockneter, mir ist die gepflückte Variante trotzdem lieber. Er wird immer mitgekocht und würzt Suppen, Eierspeisen, Gemüsegerichte, gegrilltes Fleisch und Fisch und wird auch gerne für Füllungen bei fetteren Bratengerichten verwendet.
Unverzichtbar ist Thymian in der französischen Küche, hier stellt er neben Petersilie und Lorbeer einen wichtigen Bestandteil des „Bouquet garni“, sprich Kräutersträußchen dar und und darf in einem guten Ratatouille mit Tomaten, Auberginen, Zucchini und Paprika auf keinen Fall fehlen. Besonders schön ist auch sein Aroma zum Einlegen von Schafs- und Ziegenkäse, in Kräuteröl oder -essig und zu Wildgerichten. Die französische Thymiansuppe, „Soupe à la farigoulette“, soll, so sagen die Pariser, gegen Schüchternheit helfen. Na, wer weiß?
Natürlich ist Thymian auch eine ganz hervorragende Heilpflanze und in sehr vielen Präparaten enthalten, sei es u.a. in Säften, Lutschpastillen oder Tees. Hier wirkt er bei Katarrhen der oberen Atemwege, Husten, Bronchitis, Keuchhusten oder Reizhusten. Äußerlich wird er bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum als Gurgellösung eingesetzt, in Form von Waschungen bei juckenden Hauterkrankungen und als Bad zur Unterstützung der Behandlung von akuten und chronischen Erkrankungen der oberen Luftwege. Sehr viele Erkältungsmittel bauen darauf auf.
Am Schluss noch etwas „Geschichtliches“ über den Thymian. Sein Name leitet sich wohl ab vom Griechischen „thymiana“, zu Deutsch Räucherwerk bzw. Rauchopfer (thyein = opfern). Es handelt sich bei dieser Bezeichnung also um eine Anspielung auf den intensiven Duft des Krautes. Hierauf weist auch der gotische Begriff thymiana eben für Rauchopfer hin. Der Name leitet sich andererseits auch ab von dem griechischen Wort „thymos“, was soviel bedeutet, wie Mut und Kraft. Römische Legionäre nahmen vor der Schlacht Thymianbäder zur Stärkung, und die Soldaten des Mittelalters schmückte man für den Weg in den Kampf mit Thymiansträußchen.
Eine andere Erklärung interpretiert den griechischen Pflanzennamen als Lehnwort aus dem Altägyptischen, wo „tham“ eine für den Mumifizierungsprozess verwendete Pflanze bezeichnete. Unter dem latinisierten Namen „Herba thymiana“ lernten unsere Vorfahren dann dieses Heilkraut im 11. Jahrhundert kennen, das von Mönchen aus dem Mittelmeerraum über die nördlichen Alpen mitgebracht wurde.
Was nicht unerwähnt bleiben sollte, ist ein Verwandter des Thymians, der Quendel, auch Feld-Thymian (Thymus serpyllum) genannt. Der spielt bei der Heiligen Hildegard von Bingen eine große Rolle. Sie schreibt in ihren Schriften hierzu: „Wenn ein Mensch krankes Fleisch (Gewebe) hat, so dass sein Fleisch (Haut) wie räudig ausblüht, der nehme Quendel und esse es mit Fleisch oder Gemüse oft, und das Gewebe wird geheilt werden.“
Quendel ist in der Hildegard-Medizin das klassische Gewürz bei Hautkrankheiten aller (!) Art. Wichtig ist nur, dass er wirklich von Anfang an mitgekocht wird, nur so entfaltet er seine volle Wirkung am besten. Schmeckt übrigens hervorragend. Ein Geheimtipp ist in Ergänzung noch ein Salat aus roter Beete. Es gibt zusätzlich auch eine Quendel-Salbe, die dann äußerlich aufgetragen wird.
Eine sehr bewährte Heilpflanze, die allerdings in vielen Gärten, und das absolut zu Unrecht, als Unkraut verabscheut wird, ist die Brennnessel (Urtica dioica). So erregte sie wegen ihrer „brennenden“ Eigenschaften schon früh die Aufmerksamkeit der Menschen. Sie ist seit der Antike als Heilmittel und Zauberpflanze bekannt und in fast allen Kräuterbüchern beschrieben. Noch heute werden Blätter, Kraut und Wurzeln sowie daraus hergestellte pflanzliche Arzneimittel bei verschiedenen Anwendungsgebieten mit Erfolg eingesetzt.
Der Begriff „Nessel“ ist sehr alt und lässt sich in vielen westgermanischen Sprachen nachweisen. Wahrscheinlich besteht ein Zusammenhang mit dem Wort „Netz“, da die Menschen schon früh aus den Nesseln Gewebe herstellten. War am Anfang, wie man sich vorstellen kann, noch nicht so wirklich kuschelig! Sowohl die große Brennnessel, wie oben schon erwähnt, als auch die kleine Variante (Urtica urens) sind weltweit verbreitet.
Die Bezeichnung „Urtica“ bzw. „urens“ ist vom lateinischen ucere=brennen abgeleitet. Schon der Römer Plinius schrieb: „Merkwürdig ist, dass die Wolle der Nessel ohne irgendeinen Stachel selbst Schaden bringt und dass durch eine noch so leichte Berührung Jucken und einem Brandmale ähnliche Blasen entstehen…“. Kennen Sie das Märchen „Die 7 Schwäne“? Diese Erfahrung hat wahrscheinlich jeder schon einmal als Kind gemacht!
Der griechische Arzt Dioskurides aus dem 1. Jahrhundert empfahl die Brennnessel gegen vielerlei Beschwerden, z. B. gegen Geschwüre, brandige Wunden, Furunkel, Verrenkungen, Nasenbluten, Brustfell- und Lungenentzündung, Asthma und Hundebiss. Als Kuriosum in späterer Zeit sollte Männern mit Harnverhalt der nackte Hintern mit Brennnessel-Zweigen ausgepeitscht werden. Hier kommen wir der Sache schon etwas näher, denn die Wirkung im Nieren-Blasen-Bereich ist durchaus schon mal halbwegs plausibel, wenn auch diese Anwendung heute keinen Gebrauch mehr findet – Gott sei Dank für die Männer!
Wie wird denn die Brennnessel heutzutage verwendet? Unterstützend bei rheumatischen Beschwerden, sowohl innerlich als auch äußerlich, zur Durchspülungstherapie bei Entzündungen der ableitenden Harnwege, zur Behandlung und Vorbeugung bei Nierengrieß, um nur einiges zu nennen. Die Wurzeln werden hauptsächlich eingesetzt bei Problemen mit der Prostata. Hierzu gibt es sogar einige Fertigpräpate.
Etwas, das auch sehr empfehlenswert ist: ein Brennnessel-Haarwasser zur Massage der Kopfhaut. Die Heilige Hildegard von Bingen hatte noch eine sehr spezielle Anwendung: ihr „Gedächtnis-Öl“. Im Originaltext heißt es: „Wenn ein Mensch gegen seinen Willen vergesslich ist, der nehme Brennnessel und zerstoße sie bis zum Saftigwerden und setze dem eine mäßige Menge Olivenöl zu, und wenn er schlafen geht, soll er erst die Brust und dann beide Schläfen einsalben. Er soll das oft machen, und die Vergeßlichkeit nimmt in ihm ab. Denn die heftige Kalorigkeit der Brennnessel und des Olivenöls reizen die Gefäße von Brust und Schläfen, welche in ihrer Wachsamkeit etwas eingeschläfert sind.“
Interpretiert wird dieses Rezept heute folgendermaßen: Es gibt so ein gewisses Alter, in dem man merkt, oh, so manches kann ich nicht mehr so ganz gut behalten, seien es Namen oder ähnliches, wie auch immer. Und es ärgert einen. Jetzt ist es Zeit für das Gedächtnisöl. Zu einem späteren Zeitpunkt , sprich beginnender Demenz, würde es leider sowieso keinen Sinn bringen und sie höchstwahrscheinlich auch nicht aufhalten.
Zum Schluss hatte ich Ihnen ja noch etwas kulinarisches Versprochen. Meine Brennnesseln haben ein speziellen Platz, an dem sie ganz in Ruhe wachsen und gedeihen können. Zwischendrin schneide ich sie mal etwas ab, damit sie im Herbst nochmals frische neue Spitzen treiben. Das haben sie auch brav getan und selbst, wenn ein leichter Frost kommen sollte, ist das kein Problem: Mit den ersten Sonnenstrahlen steht sie wieder auf und reckt ihre knackigen Blätter der Sonne entgegen.
Die frischgrünen Blätter sind auch im Herbst noch eine Delikatesse und geradezu ein Bündel an Nährstoffen, seien es Vitamine, Mineralstoffe, Chlorophyll und sogar Eiweiß, wie bei keiner anderen Pflanze in der dunkleren Jahreszeit.
Zubereitung kalt: z.B. in Salat bzw. in der Salatsauce, fein zerkleinert in Butter oder Öl, in Quark und Aufstrichen. Als Feinkost: Pesto, Marinade für Schafskäse oder Ähnliches.
Zubereitung warm: Ungewöhnlich, aber sehr aromatisch ist sie als ganzes Blatt gebacken im Teigmantel, oder ohne, als Suppe, als „Spinat“, in allen Gemüsegerichten, als Füllung für Teigtaschen, in Feinkost wie ein Chutney zubereitet, in Fleischpasteten, für Brotwaren und Gebäck.
Also, Sie sehen, auch der Herbst bringt noch viel Gesundes,
Ihre Apothekerin
Simone Wagner



