
Die Wiese
Vor einigen Wochen lief ich auf einem Weg zwischen Blumenfeldern entlang, als mir ein schmächtiger Herr mit Sonnenhut entgegenkam. Er erinnerte mich an einen Herren des wohlhabenden britischen Adels aus dem frühen 19. Jahrhundert. Er sah aus wie jemand, der bei einer Tasse Schwarztee über wichtige Themen tagen würde.
Der gepflasterte Weg war eng, sodass wir uns unweigerlich näherten. Aber das kam mir gelegen. Ich war neugierig auf den sympathischen Mann mit dem sanften Lächeln im Gesicht, der Bügelfalte in der Hose und den verschränkten Armen auf dem Rücken. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sprach ihn an: „Ist das auch Ihr erster Besuch hier im botanischen Garten?”
Er lachte, nahm seinen Hut ab und meinte, er sei vor über 30 Jahren das erste Mal hier gewesen, als er die ersten Samen und Setzlinge pflanzte, um seinen großen Traum eines eigenen „Grünen Paradieses” wahr zu machen. Er erzählte mir, dass er über all die Jahre immer mehr Land zukaufen konnte, bis sein Park letztlich bei 30 tausend Quadratmetern seine finale Erfüllung fand.
Mittlerweile saßen wir auf einer kleinen Holzbank inmitten von Blumen, Sträuchern und Bäumen. Er erzählte mir, dass er irgendwann seinen Park auch für die Außenwelt öffnen wollte, um allen die Möglichkeit zu geben, hier Ruhe und Freude und vielleicht sogar Inspiration zu finden.
Ich war ihm dankbar dafür. Ich konnte deswegen hier sein, in seinem Garten, der einer der schönsten war, die ich je gesehen hatte. Er lud mich ein, solange hier zu bleiben, wie ich wollte. Eigentlich sollte der Park bald schließen. Ich ließ mir Zeit und lief den Weg weiter Richtung der Beschilderung: „Zen Garten“. Gleich hinter einer Abbiegung war da diese riesige, rund angelegte Wiese, die so sattgrün war, wie ich es mir nur in Irland vorstellen konnte.
Ich zog meine Schuhe aus und lief barfuß weiter. Auf einer Anhöhe stand ein kleiner Holzpavillon. Ein Mann saß dort und telefonierte lautstark. Offenbar ging es um Bankgeschäfte. Es schien wichtig zu sein. Er stieg die Stufen auf die Wiese hinunter und lief in einem kleinen Radius hin und her.
Im ersten Moment war ich genervt von ihm. Ich wollte hier Ruhe finden, oder zumindest wollte ich keine Diskussionen anderer mithören. Mein Tag war anstrengend, der Kopf war voll, die Gedanken zu laut. Und da war er. Ein Mann, der getrieben wie ein nachtaktiver Hamster seine monotone Runden drehte.
Keine Ahnung warum, aber ich hatte auf einmal das Bedürfnis, mich einfach auf die Wiese zu legen und mich auszustrecken. Ich kam mir kindisch vor. Aber nur bis ich den warmen Boden unter mir fühlen konnte. Es war, als hätte ich die Handbremse bis zum Hals hoch angezogen. Die wenigen Wolken zogen langsam über den blauen Himmel und jedes Geräusch um mich herum schien verstummt zu sein. So, als hätte sich alles beruhigt. Und dann kam da dieses Gefühl von unendlichem Glück in mir hoch.
Ich hörte den Kerl nicht mehr reden, aber trotzdem dachte ich an ihn. Vielleicht war er hier, weil er hier seine Ruhe hatte, seine Vollbremsung einlegen konnte oder zumindest ein Gleichgewicht herstellen konnte zwischen dem Hier und dem Jetzt am anderen Ende der Leitung. Wilhelm, der ältere Herr, brachte 30 Jahre seines Lebens damit zu, sich seinen Traum zu erfüllen.
Ich lag auf dieser Wiese in seinem Park und war glücklich und frei. Als ich aufstand und weiterging, sah ich den Mann auf der Wiese liegen. Das war- und egal wie pathetisch es jetzt klingen mag- einer dieser Momente im Leben, in denen mir einmal mehr bewusst wurde, dass wir alle irgendwie im selben Boot sitzen. Nur jeder mit anderem Gepäck, anderen Voraussetzungen und Herangehensweisen.
Ich machte mich los, um Wilhelm zu suchen:
Ich wollte ihm einfach danke sagen…
„Wir hier auf der Erde brauchen unbedingt mehr Gärtner, die an morgen glauben. Ein Morgen für uns alle!”



