
Klosterheilkunde
Ist sie heute noch aktuell?
Na, das kann ich definitiv mit einem klaren „ja!“ beantworten, denken Sie nur an die Heilige Hildegard von Bingen, deren Empfehlungen sich bis in unsere Zeit erhalten haben. Etliche Firmen haben sich sogar auf die Herstellung ihrer Rezepturen spezialisiert und vertreiben sie auch jetzt noch mit großem Erfolg.
Unter dem Begriff „Klostermedizin“ versteht man die Heilkunde etwa des 6. bis 12. Jahrhunderts, die bei uns im Abendland weitgehend von Mönchen ausgeübt wurde. Hauptsächlich wurden Rezepturen aus Heilpflanzen angewendet, heutzutage wird der Begriff der „Phytotherapie“ verwendet. Natürlich gab es schon wesentlich frühere antike Quellen, wie z. B. von Hippokrates, der seinen Namen dem berühmten ärztlichen Eid verliehen hat. Auch die alten Ägypter, Babylonier und andere Hochkulturen hatten schon ein sehr umfassendes medizinisches Wissen, das Gott sei Dank weitestgehend erhalten blieb.
Wenn man einen Zeitpunkt des Beginns unserer Klosterheilkunde fixieren möchte, ist es mit Sicherheit der des um 527 von Benedikt von Nursia gegründeten Klosters auf dem Monte Cassino. Eine der Ordensregeln lautete: die Krankenpflege gilt als wichtigste Aufgabe der Mönche in Zusammenhang mit der „Caritas“, dem Prinzip der Barmherzigkeit.
Jedes Kloster sollte dafür einen eigenen Raum einrichten und einen Mönch speziell als eine Art Arzt, den sog. Infirmar, ausbilden. Schon Papst Gregor der Große befand die Regeln des Benedikts als vorbildlich und erklärte sie daher für alle katholischen Orden für verbindlich. Gerade Monte Cassino erlangte sogar einen besonderen Ruf, nicht nur für medizinische, sondern auch für chirurgische Behandlungen. Als Kaiser Heinrich II. 1004 auf einem Italienfeldzug war und unter einem schmerzhaften Blasenstein litt, wurde er dort erfolgreich operiert.
Aber gehen wir nochmals in der Zeit etwas zurück: Kaiser Karl der Große (742-814) war bereits so von der klösterlichen Heilkunde beeindruckt, dass er ein Gesetz erließ, das das Anlegen von Kräutern sowohl in Klöstern als auch Städten vorschrieb. Die darin zu züchtenden Pflanzen wurden verbindlich angeordnet.
Aus dieser Zeit stammt auch das älteste erhaltene Arzneibuch in deutscher Sprache: das sog. „Lorscher Arzneibuch“ aus der Reichsabtei Lorsch bei Worms, das bereits sehr viele Rezepte enthielt. Auch der Abt Walafried Strabo (808-849) aus dem Kloster Reichenau am Bodensee verfasste zu dieser Zeit sein berühmtes Gartengedicht „Hortulus“, in dem viele dieser Pflanzen beschrieben sind. Anekdote am Rande: seinen Beinamen „Strabo“, auf lateinisch „der Schieler“ hatte er deswegen, da er angeblich furchtbar geschielt haben sollte! Das tat aber seinem heilkundlichen Wissen sicherlich keinen Abbruch….
Dass man in früheren Zeiten schon unheimlich weit war, beweist ein Text aus einem englischen Kräuterbuch des 10. Jahrhunderts, den man vor nicht allzu langer Zeit wieder gefunden hat und der als „Das beste Rezept“ tituliert wurde. Zwiebeln und Knoblauch wurden zerquetscht, mit Wein und Ochsengalle vermischt und das Ganze in einen Kupferkessel gegeben und darin neun Tage stehen gelassen.
Medizinhistoriker wollten unbedingt wissen, was es wohl mit dieser Mixtur auf sich habe. Sie probierten verschiedene Mischungsverhältnisse aus, denn im Mittelalter wurden die Mengenangaben leider nicht allzu genau formuliert. Es hat lange gedauert, bis es passte, aber dann gelang fast ein „Geniestreich“! Bei Tests mit dem gefürchteten „Krankenhauskeim“, dem multiresistenten Bakterium Staphylococcus aureus (MRSA), wurde im Laborversuch eine Vernichtungsquote von etwa 90 Prozent festgestellt!
Ihren Höhepunkt erreichte die Klostermedizin sicherlich unter der Heiligen Hildegard von Bingen. Das Besondere an ihrem höchst modernen gedanklichen Ansatz war u.a. die Einheit von Körper, Geist und Seele als Grundlage eines gesunden Menschen, heute bekannt unter dem Begriff der „Psychosomatik“. Ihre Heiligsprechung musste allerdings recht lange auf sich warten, denn sie erfolgte erst 2012!
Allerdings geriet die Klostermedizin ab dem zwölften Jahrhundert leider etwas in Vergessenheit, denn es ereignete sich Folgendes: Auf der Papstsynode von Clermont 1130 wurde, warum auch immer, ein Verbot des Studiums der Medizin für Chleriker und Mönche erlassen. Es kam aber noch schlimmer – das Konzil von Tours 1163 untersagte den Geistlichen und Mönchen strikt die Ausübung der Chirurgie, in der sie doch so gut waren.
Man denke nur an Heinrich II. und seinen Blasenstein! Mönche sollten sich definitiv nicht mehr mit menschlichem Blut beschäftigen. Gynäkologische Tätigkeiten waren ja sowieso tabu, um den Gefahren der Verführung entgegenzuwirken. Es gab ja glücklicherweise noch die Hebammen, die helfen konnten. Sie hatten damals auch schon ein erstaunliches Wissen.
So entwickelten sich zunehmend die weltlichen Fachbereiche, wie die des Baders, des Medikus oder des Chirurgen und auch etwas später des Apothekers. Aber was sehr hilfreich war, sind dankenswerterweise in den Klöstern überlieferte, verwertbare schriftliche Aufzeichnungen, nicht nur des Altertums, sondern auch mit deren eigenem Erfahrungsschatz. Sie sind erhalten geblieben, von ihnen kann man heute noch profitieren. Wohl dem, der damals lesen und schreiben konnte!
Diesmal war es sicher viel „Geschichtliches“, aber ich finde es schon interessant, wie sich unsere abendländliche Medizin so entwickelte. Aber natürlich möchte ich Ihnen noch gerne Rezepturen aus dieser Zeit nahe bringen, die nichts von ihrer Wirkung verloren haben.
Hier möchte ich gerne mit einem der bekanntesten Hildegard – Rezepte beginnen, den sog. „Stimmkräutern“, die einen sommers wie winters bei Heiserkeit und Halskratzen helfen können. Was schreibt sie hierzu:
„Wenn jemand an der Stimme und in der Kehle rauh ist und auch in der Brust Schmerzen leidet, der nehme Königskerze und Fenchel mit gleichem Gewicht und koche sie mit gutem Wein, seihe durch ein Tuch ab und trinke oft davon, und er wird seine Stimme erhalten, und die Brust heilt.“
Dieser auch als „Sängermittel“ sehr beliebte Trank ist gar nicht schwer herzustellen, man braucht nur Königskerzenblüten und Fenchelkraut zu gleichen Teilen, z.B. je 50 g.. Drei TL dieses Gemisches kocht man in ¼ L Wein, am besten weiß, zur Not geht auch Apfelsaft, wirkt allerdings nicht ganz so gut, fünf Minuten lang, siebt dann ab, vorzugsweise in eine Thermoskanne und trinkt hiervon schluckweise über den Tag verteilt, so alle zwei Stunden ein Likörglas.
Übrigens: Keine Sorge, durch das Kochen ist der größte Teil des Alkohols verflogen! Die Königskerze enthält viel Schleim, sie beruhigt dadurch die gereizte, entzündete Hals- und Rachenschleimhaut. Der Fenchel sorgt mit seinen Wirkstoffen ebenfalls für eine Entzündungshemmung und wirkt auch auswurffördernd. Hier haben wir also ein ganz besonders wirksames Mittel bei Heiserkeit aller Art und es hilft sogar bei einer leichten Mandelinfektion. Selbst bei absolutem Stimmverlust lindert es innerhalb von ein bis zwei Tagen prompt!
Die Klostermedizin ist natürlich ein unerschöpfliches Feld, da könnte ich noch Jahre darüber referieren, aber es gibt auch ganz feine, geschmackvolle Rezepte, u.a. für frische Sommergetränke. Wie wäre es mit einer Kräutermilch mit Sauerampfer? Für ein Glas brauchen Sie fünf Blätter Sauerampfer, 200 ml kalte Milch, einen TL Honig, ½ TL abgeriebene Schale einer unbehandelten Zitrone, ½ TL Zitronensaft, ½ TL Orangensaft. vier Sauerampferblätter grob zerhacken und mit der Milch, dem Honig, der Zitronenschale und dem -Zitronensaft sowie dem Orangensaft im Mixer pürieren. Die Kräutermilch in ein Glas füllen und mit dem restlichen Sauerampferblatt dekorieren.
Ein anderer super Kräuterdrink besteht aus vier EL gemischten Gartenkräutern wie Kerbel, Zitronenmelisse, Dill, Petersilie und Schnittlauch – hier können Sie natürlich auch das verwenden, was Ihr Garten bietet – rühren es unter einen ½ Becher Buttermilch, schmecken es mit etwas Zitronensaft, Salz, Pfeffer und Zucker ab und garnieren den Drink mit Beeren oder Früchten. Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!
Also, von wegen, Klostermedizin ist nicht mehr aktuell!
Ihre Apothekerin Simone Wagner



