Kolumne

Ein Blick und viele Worte

Ich liebe Worte und Sprachen, weil sie Gedanken und Gefühle jeglicher Art zum Leben erwecken. Ja, man sagt, dass ein Blick mehr als tausend Worte sagen kann. Das stimmt. Aber manchmal habe ich das Gefühl, mit Worten einem Ausdruck noch mehr Gewicht verleihen zu können.

Obwohl es oft schwieriger ist, die passenden Worte zu finden. Oder sich zu trauen, sie auszusprechen. Dann scheint ein Blick der einfachere Weg zu sein. Worte können verletzen. Sie können aber auch heilen, Dankbarkeit ausdrücken, Wertschätzung oder Zuneigung.

Ich glaube aber, dass all das davon abhängig ist, wer einem gegenüber steht. Wer zuhört. Wer hinsieht. Aufrichtige und innige Liebe braucht nicht immer viele Worte. Nonverbale Kommunikation ist ein schmaler Grat. Für den es viel Empathie und Einfühlungsvermögen braucht. Und ein Gespür dafür, wann es wichtig ist, zu sprechen, sich auszudrücken und sich mitzuteilen, für sich, und füreinander.

Vor einiger Zeit habe ich etwas gelesen, das ich nicht mehr vergessen habe und seither immer wieder umzusetzen versuche. Auch wenn es mich manchmal Überwindung kostet. Da stand in etwa sowas wie: Wenn du etwas Gutes, und sei es auch nur eine vermeintliche Kleinigkeit, an einem fremden Menschen wahrnimmst, etwas, das dich berührt und erreicht, dann sag ihm das.

Weil Worte ganze Welten verschieben können. Als ich das das erste Mal einem fremden Menschen gegenüber machte, hatten wir beide Tränen in den Augen. Der ältere Herr war offensichtlich schwer vom Leben gezeichnet. Aber gleichzeitig strahlte er eine Freundlichkeit und Wärme aus, wie ich sie selten zuvor sah. Als ich ihm etwas sagen wollte, war da plötzlich diese Verbindung zwischen uns. Er sah mich an, mit diesem Blick, der mehr aussagte, als es jedes Wort in diesem Moment gekonnt hätte.

Unsere physische Begegnung war zwar kurz, aber nicht die emotionale. Bis heute denke ich an ihn. Wie er da saß, auf seinem großen, grünen Rucksack und mich ansah, als wäre es die größte Überraschung gewesen, nicht unsichtbar zu sein. Für mich war er das nicht.

Wir redeten noch miteinander, bevor ich weitergehen musste. Als ich mich umdrehte und ging, überkam mich ein ergreifendes Gefühl, das mich überrannte.

Er meinte noch, ich hätte ihm heute sehr geholfen.
Aber das Schönste daran war, dass er mir auch half. Mehr als er vielleicht dachte. Und genau deswegen liebe ich die Sprache der Worte. Wegen ihrer Macht im Geschriebenen und Gesprochenen. Und vielleicht war es unter all den vielen Worten mitunter das bedeutendste, was ich bisher lesen konnte und deswegen nochmal sagen und weitergeben möchte:

Wenn du etwas Gutes, und sei es auch nur eine vermeintliche Kleinigkeit, an einem fremden Menschen wahrnimmst, etwas, das dich berührt und erreicht, dann sag ihm das.

Weil Worte ganze Welten verschieben können…

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