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Der ungewollte Stillstand

Wenn plötzlich Alle in einem Boot sitzen

Nicht nur die Menschen infizieren sich mit dem Corona-Virus, auch die Wirtschaft ist lahmgelegt. „Alle sitzen in einem Boot und wir müssen aufpassen, dass wir nicht kentern, sonst ertrinken wir. Ich bin überzeugt, dass vielleicht jetzt so mancher anders über die Wirtschaftsflüchtlinge denkt“, beschreibt ein Hotelier aus Füssen die emotionale Lage. Existenzängste bedrohen nicht nur die Industrie, sondern auch die Freischaffenden, Gewerbe, Ein-Mann-Betriebe, Einzelhandel und natürlich die Tourismusbranche. Die Bundesregierung rechnet nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit etwa 2,1 Millionen Kurzarbeitern in der Corona-Krise. Auch in Füssen ist die Stimmung alles andere als optimistisch.


“Man freut sich über die Verbundenheit, das motiviert”

Klaus Keller

Klaus Keller
Intersport Keller

Seit fast 90 Jahren gibt es das Sportgeschäft in Füssen. Abarbeiten von Aufgaben, die liegen geblieben sind, heißt es in den letzten Tagen. „Wir haben unser Geschäft geschlossen, wie alle Anderen auch“, erzählt Seniorchef Klaus Keller. Telefonisch sind sie erreichbar und die Leute nehmen es an, erzählt er. „Man freut sich über jeden Auftrag und über die Verbundenheit. Es wird nicht den Umsatz ersetzen, denn die Rechnungen kommen trotzdem. Auf das Jahr gesehen rechne ich mit 30 bis 40 Prozent Einbußen“, so Keller. Das Sportgeschäft mit zehn Mitarbeitern versucht die Kosten zu reduzieren, um die Liquidität aufrecht erhalten zu können. „Kurzarbeit hatten wir noch nie. Seit meiner Zeit zumindest nicht. Es ist ein gewaltiger Einbruch für alle“, beschreibt Klaus Keller die Situation.


Manuela Krüger-Ebner
Wäscherei Krüger

„Zur Zeit bin ich eine Ein-Mann Firma. Wir haben Gott sei Dank schnell reagiert“, erzählt Manuela Krüger-Ebner. In einer Betriebsversammlung erläuterte sie ihrem Team die Situation. „Es war keine einfache Aufgabe. Die Mitarbeiter hatten Verständnis. Darüber bin ich froh und hoffe, dass ich sie alle wieder einstellen kann“, so die Geschäftsfrau. Die sieben Mitarbeiter hat sie gekündigt mit dem Versprechen sie nach der Krise sofort wieder einzustellen. 95 Prozent ihrer Kunden sind Hotel- und Gastronomiebetriebe. Ärzte und Altenheime machen etwa drei Prozent ihres Umsatzes aus. „Viele Wäschereien aus der Gegend fahren Füssen nicht mehr an, weil es für sie nicht mehr rentabel ist“, so die Inhaberin. Für ihren Betrieb ist das von Vorteil, weil sie so die Arztpraxen bedienen kann. Denn ihre Waschmittel richten sich nach den Richtlinien vom Robert Koch Institut. Ein großer Vorteil in den heutigen Zeiten. „Vielleicht lernen wir etwas Positives aus der Corona-Krise, nämlich dass wir uns mehr auf die einheimische Wirtschaft einlassen“, hofft Manuela Krüger-Ebner. Drei bis vier Monate kann sie noch als Ein-Frau-Betrieb überbrücken, schließlich hat sie den Beruf gelernt und kennt die Abläufe. „Am Anfang habe ich mir sehr große Sorgen gemacht und hatte Existenzängste. Das schlimme ist, dass wir jetzt eine kleine Eigentumswohnung in Form einer Mangel gekauft haben. Nun steht sie unberührt da, weil sie keine Mangelware annehmen darf. „Wir dürfen nur desinfiziert gewaschene Wäsche annehmen. Es geht um den Schutz und der wäre dann nicht gegeben“, erklärt sie. Ihre Wäscherei ist täglich, außer am Wochenende, von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Sie reinigt und wäscht und bietet zudem einen Lieferservice an. Damit sie den Betrieb erhalten kann, hat sie staatliche Zuschüsse beantragt.

“Vielleicht lernen wir etwas Positives aus der Corona-Krise, nämlich dass wir uns mehr auf die einheimische Wirtschaft einlassen”

Manuela Krüger-Ebner

“Fall sich die Lage auf diesem äußersten Niveau halten sollte, müssen wir handeln. Aber momentan wollen wir nicht darüber nachdenken”

Richard Riexinger

Richard Riexinger
Zetka Stanz- und Biegetechnik

70 Prozent der Mitarbeiter hat das Unternehmen mit 147 Beschäftigen für die Kurzarbeit angemeldet. Zwei Mitarbeiter befinden sich im Home-Office, während die 17 Auszubildenden abwechselnd in den Betrieb kommen, um so die Abstandsänderungen einzuhalten. „Unsere Büros sind so umgebaut, dass die Mitarbeiter weit genug auseinander sind, so wie in unserer Konstruktionsabteilung und dem Werkzeugbau. Hier wird voll gearbeitet. Da ist die Auftragslage sehr gut“, so Geschäftsführer Richard Riexinger. Um alle Schutzmaßnahmen auszuschöpfen hat das Unternehmen ein Schichtsystem eingeführt. Diese außerordentliche Anforderung ist letztendlich für den persönlichen Schutz der Mitarbeiter gedacht. „Temporär merken wir einen kurzfristigen Einbruch, es kann sich um zwei oder drei Wochen handeln, oder zwei bis drei Monate, bis es wieder anläuft. Falls sich die Lage auf diesem äußersten Niveau halten sollte, muss man dann natürlich anders handeln. Aber momentan wollen wir darüber gar nicht nachdenken“, so Riexinger.


Rainer Jörg
Gastronom „Beim Olivenbauer“

Vielen Gastronomen macht die Corona-Krise zu schaffen. Viele investieren jedes Jahr in Ihre Betriebe, so dass zum Schluss nicht sehr viel auf der hohen Kante übrig bleibt. Rainer Jörg beschäftigt 100 Mitarbeiter in seinen Restaurants.

Der Wertacher Geschäftsmann hat für die meisten von ihnen Kurzarbeit angemeldet. „Wir sind gut aufgestellt, bei uns besteht die Gefahr nicht, dass wir in die Insolvenz gehen müssen. Wir ziehen zu 99% alle durch. Ich lasse sie nicht hängen. Viele sind seit Jahren in unseren Betrieben beschäftigt und haben alles gegeben. Jetzt können wir unseren Beitrag leisten. Bei uns wird es keine Kündigungen geben“, so Jörg. Gute Aussichten, wenigstens für den Einen oder Anderen.

“Wir sind gut aufgestellt, bei uns besteht die Gefahr nicht, dass wir in die Insolvenz gehen müssen.”

Rainer Jörg

Text: Sabina Riegger · Fotos: rie/privat

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