{"id":884,"date":"2013-02-01T13:40:04","date_gmt":"2013-02-01T13:40:04","guid":{"rendered":""},"modified":"2024-03-11T11:52:07","modified_gmt":"2024-03-11T10:52:07","slug":"ein-kleiner-ausritt-in-die-vergangenheit-mit-franz-keller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2013\/02\/ein-kleiner-ausritt-in-die-vergangenheit-mit-franz-keller\/","title":{"rendered":"Ein kleiner Ausritt in die Vergangenheit mit Franz Keller"},"content":{"rendered":"<h2>Vom Schalengga und andere Geschichten<\/h2>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #800000;\">Kappel, ein kleiner Ortsteil von Pfronten mit etwa 300 Einwohnern, darunter sogar ein paar Einwanderer. F\u00fcr Viele eher nichtssagend, f\u00fcr Andere weit aus mehr als nur eine kleine Ortschaft. Zu sehen sind manche Stra\u00dfen, noch zu eng f\u00fcr gro\u00dfe Neuw\u00e4gen, einige H\u00e4user dreimal so alt wie ihre Besitzer und Bewohner, noch im selben Haus sesshaft wie der Urgro\u00dfvater. Wir durften einen Nachmittag bei Franz Keller verbringen. Ein Urgestein Kappels, mit, f\u00fcr Urpfrontner typisch eigenem Hausnamen (der \u201eSiasse Hans\u201c) und \u00fcber Jahrhunderte lang nachweisbarem Stammbaum, um uns \u00fcber das j\u00e4hrlich stattfindende \u201eSchalenggenrennen\u201c in Pfronten-Kappel, zu unterhalten. Doch der jahrelange Mitveranstalter, \u201eHistoriker Kappels\u201c und Hobbyfotograf konnte uns neben den wirklich tiefen Wurzeln dieser Faschingsveranstaltung weitaus mehr erz\u00e4hlen, als wir zun\u00e4chst eigentlich erwartet haben. <\/span><\/p>\n<p>Seit 1976 findet das Schalenggenrennen, mit ein paar seltenen Ausf\u00e4llen, j\u00e4hrlich am Faschingssamstag, statt. \u00dcber 200 verkleidete Teilnehmer treten in Teams an, um den 1.000 Meter langen Hang vor Kappel auf einem \u00fcber 15 Kilogramm schweren h\u00f6lzernen H\u00f6rnerschlitten, dem \u201eSchalengga\u201c, hinunterzurasen. Der Original-Schlitten, wie fr\u00fcher, beladen mit Holz oder Heu, ist hierbei ein Muss. Spektakul\u00e4re Szenen, aber vor allem die manchmal wildererartig verkleideten Fahrer auf ihren Gro\u00dfschlitten, ganz ohne Lenkhilfen und Bremsen, sichern hundertfache Zuschauerzahlen. Doch woher kommt diese ausgefallene Faschingsgaudi? Und wozu dienten die Schalengga eigentlich urspr\u00fcnglich? Franz Keller konnte uns mit seinen 80 Jahren an Erfahrung weiterhelfen und wir lie\u00dfen ihn ein wenig in der Vergangenheit schwelgen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Die tiefen Wurzeln eines Schlittens<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem die \u00e4lteren Bewohner Kappels verbinden mit dem massiven Schlitten eher gef\u00e4hrliche Arbeit, die mit Fasching eigentlich nichts mehr zu tun hat. Fr\u00fcher dienten die Schalengga n\u00e4mlich zum Transport von Bergheu und Brennholz aus dem Berg ins Tal. Zuvor wurde es von den Bauern im Sommer geschnitten oder ges\u00e4gt, anschlie\u00dfend getrocknet und gelagert, damit man die wertvollen und f\u00fcr den Winter lebensnotwendigen Rohstoffe auf schnellstem Wege nach unten bringen konnte. Nat\u00fcrlich war die Fahrt nicht ungef\u00e4hrlich und der eine Winter schon mal schneereicher und k\u00e4lter als der andere, aber da die Pfade f\u00fcr Maultiere zu steil waren, blieb der Schalengga die einzig schnellste L\u00f6sung. \u201eWir schafften am Tag etwa drei bis vier Runden der 1.000 Meter langen Steigung und mussten die schwere Last bei unbest\u00e4ndigem Wetter schon mal etappenweise hinunterfahren. Die k\u00f6rperliche Anstrengung war deswegen nat\u00fcrlich hoch\u201c, erinnert sich Franz Keller, der mit 15 Jahren das erste Mal mitschalenggen durfte. Auf unsere Frage, ob es noch weitere Fotos g\u00e4be, die er uns w\u00e4hrend des Gespr\u00e4ches immer wieder zeigt, muss er schmunzeln: \u201eH\u00e4tte ich gewusst, dass das Schalenggenfahren oder anderes aus dem Dorfleben, das es heute nicht mehr gibt, jetzt eine Rarit\u00e4t ist und die Leute heute so sehr interessiert, h\u00e4tte ich nat\u00fcrlich mehr fotografiert.\u201c<\/p>\n<p>Dennoch gr\u00e4bt der Historiker in seinen Ordnern und Schr\u00e4nken, um uns das St\u00fcck eines Marmorfindlings in der N\u00e4he Pfrontens gefunden, zu zeigen oder er offenbart uns das einzige, nat\u00fcrlich selbstgeschossene Foto, das den Hinweis auf einen Mor\u00e4nenh\u00fcgel gibt und von interessierten Geologen nachbearbeitet wurde. Je mehr wir erfuhren, umso mehr erhellten sich seine ergrauten Gesichtsz\u00fcge, w\u00e4hrend er uns freudenstrahlend von fr\u00fcher erz\u00e4hlte. Schlie\u00dflich betrieb Franz Keller auch noch Ahnenforschung, worauf sich herausstellte, dass er verwandt mit Joseph Keller ist. Ein Kappeler Kirchenmaler des Sp\u00e4tbarocks, Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Der Pension\u00e4r folgte des Malers Spuren von Pfronten \u00fcber das Tannheimer Tal bis in die Schweiz und dokumentierte flei\u00dfig die Wand- und Deckengem\u00e4lde, die in einem Fachbuch f\u00fcr Kunstgeschichte namens \u201eHerbst des Barocks\u201c von Professor Andreas Tacke zu bestaunen sind.<br \/>\nDie Zeit verging immer schneller und wir schweiften mit Bravour von der eigentlich Thematik ab. N\u00e4mlich wie das Schallenggenfahren sich nach so vielen Jahren zu einer Faschingsveranstaltung entwickeln konnte?<\/p>\n<p><strong>Wie es weiterging<\/strong><\/p>\n<p>Ab den Siebziger Jahren wurden Fahrwege breit genug f\u00fcr Traktoren errichtet, weswegen die Schalenggen zun\u00e4chst keine Verwendung mehr haben sollten. Doch nach einem fl\u00fcssigen Stammtischabend, 1976 in der \u201eK\u00e4sk\u00fcche\u201c, kamen eine handvoll M\u00e4nner, darunter auch Franz Keller, auf die Idee, daraus ein Spa\u00dfrennen zu machen und testeten die alte Bahn am n\u00e4chsten Morgen mit ersichtlich viel Gaudi und ohne der m\u00fchseligen Last im Gep\u00e4ck, aus. Im darauffolgenden Jahr, an einem Faschingsdienstag, war es dann soweit: das \u201e1. Allg\u00e4uer Schalengg\u00b4e Rennen\u201c in Pfronten-Kappel, mit \u00fcber 70 Teilnehmern und zahlreichen Schaulustigen hatte seine Premiere. In den n\u00e4chsten Jahren stiegen die Zahlen der Fahrer und Besucher rasant an und eine bessere Organisation und Planung war n\u00f6tig, weshalb 1982 ein Verein gegr\u00fcndet wurde, der bis heute existiert und in dem Franz Keller langj\u00e4hriger Rennleiter war.<\/p>\n<p>Das Schalenggenrennen ist auch heute noch ein wichtiger Teil Kappels, aber als wir die ganzen Fotos des Pension\u00e4rs sehen d\u00fcrfen, die teilweise bis vor Ausbruch\u00a0 des Zweiten Weltkriegs aufgenommen wurden, belastet uns noch eine Frage: Was hat sich gro\u00df ver\u00e4ndert im Vergleich zu fr\u00fcher? \u201eVor vielen Jahren stand hier mal ein kleines Freibad, das von den Anwohnern \u201eEisb\u00e4renbad\u201c getauft wurde, Turnger\u00e4te f\u00fcr die lokalen Sportvereine; wir hatten viele Musiker, einen Chor, Kirchenabende, ein Skilift, 33 Milchlieferanten und eine eigene Bahnstation f\u00fcr den Zug. Wir funktionierten als gegenseitige Selbstversorger. Was ich aber wirklich bem\u00e4ngele ist, dass heute zwischen den Bewohnern alles ein wenig isolierter ist, man sieht sie teilweise Monate nicht. Die Menschen wollen ihre Ruhe und sind nicht mehr so kontaktfreudig oder neugierig wie es fr\u00fcher typisch war. Wie damals, als man beim B\u00e4cker oder auch blo\u00df auf dem Weg in die Arbeit schnell Jemanden traf, zusammen kam und sich in ein Gespr\u00e4ch verwickeln lie\u00df\u201c, erz\u00e4hlt der Kappeler.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz war f\u00fcr Franz Keller das bald wieder stattfindende Rennen schon immer ein gro\u00dfes \u201eMiteinand\u201c und ein Dia- beziehungsweise Filmeabend mit alten Aufzeichnungen steht auch schon in Planung, weswegen das Dorfleben auch in Kappel so schnell nicht aussterben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Text: Felix Schmid \u00b7<br \/>\nBilder: Franz Keller, Sabina Riegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Schalengga und andere Geschichten Kappel, ein kleiner Ortsteil von Pfronten mit etwa 300 Einwohnern, darunter sogar ein paar Einwanderer. F\u00fcr Viele eher nichtssagend, f\u00fcr Andere weit aus mehr als nur eine kleine Ortschaft. 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