{"id":640,"date":"2011-10-31T13:49:24","date_gmt":"2011-10-31T13:49:24","guid":{"rendered":""},"modified":"2024-03-11T11:50:18","modified_gmt":"2024-03-11T10:50:18","slug":"pietro-minnelli-seit-46-jahren-in-fuessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2011\/10\/pietro-minnelli-seit-46-jahren-in-fuessen\/","title":{"rendered":"Pietro Minnelli \u2013 Seit 46 Jahren in F\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<h2>\u201eEs sollte nur f\u00fcr kurze Zeit sein\u201c<\/h2>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #800000;\"><em><strong>F\u00fcssen.<\/strong><\/em>\u00a0\u00a0 Es war der 11. April 1965, als Pietro Minnelli nach F\u00fcssen kam. Er wei\u00df nicht so genau, ob es ein Mittwoch oder ein Donnerstag war, aber was er wusste war, dass dieser Tag sein ganzes Leben ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Mit 18 Jahren fiel es ihm schwer, seine Freunde in Sciacca in Sizilien zu verlassen. Es sollte nicht f\u00fcr immer sein, nur f\u00fcr eine kurze Zeit, dann wollte er wieder zur\u00fcck nach Sizilien, wo es nicht so kalt wird.<\/span><\/p>\n<p>Das Wetter gefiel Pietro Minnelli ganz und gar nicht. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt nach Deutschland, nach F\u00fcssen, zu kommen. Doch seine Schwester wollte die 37 Stunden Reisezeit nicht alleine verbringen, also \u00fcberredete sie ihn mitzufahren, damit sie ihren Mann besuchen konnte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Sie war bereits 1960 in F\u00fcssen und arbeitete hier f\u00fcr zwei Jahre, bis sie ihren Mann, einen Sarden, kennenlernte und mit ihm zur\u00fcck nach Sizilien ging. Doch die schlechten Arbeitsbedingungen zwangen das junge Paar wieder zur\u00fcck nach F\u00fcssen. \u201eAls ich F\u00fcssen sah, dachte ich mir &#8211; was f\u00fcr eine sch\u00f6ne Stadt. Wenn ich schon nach Deutschland gehe, dann wollte ich wenigstens in einer Stadt leben, wo ich mich auch wohlf\u00fchlen konnte\u201c, erz\u00e4hlt der heute 64-j\u00e4hrige Pietro Minnelli. Verst\u00e4ndigungsprobleme gab es anfangs kaum. \u201eIch habe Gl\u00fcck gehabt, dass ich Pietro Zucca kannte. Er hatte die deutsche Schule in F\u00fcssen besucht und konnte mir alles \u00fcbersetzen. Abends habe ich dann die Tillmann Schule besucht, so dass ich ein wenig Deutsch sprechen konnte.\u00a0 Das war f\u00fcr mich sehr wichtig, ich wollte mit den anderen kommunizieren\u201c, blickt Minnelli zur\u00fcck. Viele Italiener gab es zu der Zeit in F\u00fcssen, die meisten arbeiteten in den Hanfwerken oder als Maurer, so wie Pietro Minnelli.<\/p>\n<p>Herr Minnelli, wie war Ihr erster Eindruck von Deutschland? Sch\u00f6n. F\u00fcssen hat mir gut gefallen.<\/p>\n<p>War f\u00fcr Sie klar, dass Sie wieder zur\u00fcck in Ihre Heimat gehen wollten? Oh ja. Doch es kam alles anders. Als ich wieder nach Italien zur\u00fcck wollte, kam die Gendarmerie und sagte mir, dass ich noch drei Monate Zeit h\u00e4tte und dann m\u00fcsste ich zum italienischen Milit\u00e4r, um meinen Dienst abzuleisten.<br \/>\nBlieben Sie dann dort? Nein, ich hatte ja einen Arbeitsvertrag. Jeder, der eine Arbeit in Deutschland hatte, musste keinen Dienst leisten. Man munkelte damals, dass die deutsche Regierung dem italienischen Staat diese \u201eMilit\u00e4rdienst-Ausf\u00e4lle\u201c zahlte.<\/p>\n<p>Was war ihr erster Eindruck von Deutschland? Ich komme aus einem Fischerdorf, in dem es viele Nationalit\u00e4ten gab \u2013 Tunesier, Portugiesen, Marokkaner &#8230; aber ich habe nie bemerkt, dass sie dort diskriminiert\u00a0 wurden. Als ich nach Deutschland kam, war ich etwas erschrocken \u2013 man beurteilte die Menschen, ohne sie zu kennen. Das war mir fremd.<\/p>\n<p>Haben Sie Ausl\u00e4nderfeindlichkeit selbst erfahren m\u00fcssen? Ja, zum Teil, aber es war wahrscheinlich auch die Unwissenheit der Menschen. Das war 1968\/69. Es gab ein gro\u00dfes Erdbeben in Sizilien. Wir holten unsere Eltern und die Schwester nach F\u00fcssen und suchten eine Wohnung. Aber es hie\u00df immer wieder \u2013 an Italiener vermieten wir nicht.<\/p>\n<p>Wo haben Sie anfangs gewohnt? In den Wohnungen beim Leinweber-Lager. Ich hatte ein Zimmer mit meinem Bruder, das 16 qm gro\u00df war und ein Waschbecken hatte. Auf einem Rechaud mit zwei Platten haben wir manchmal gekocht. Ein Bad gab es nicht, stattdessen sind wir zwei bis drei Mal die Woche zum \u201eGeiger\u201c in die Kemptener Stra\u00dfe gegangen. Dort konnten wir dann ausgiebig baden. Meine Schwester hatte in der Karlstra\u00dfe gewohnt. Sie hatte dort eine nette Wohnung, da habe ich mich sehr wohl gef\u00fchlt.<\/p>\n<p>1970 haben Sie zum Industriemechaniker umgeschult. Gab es einen Grund daf\u00fcr? Ja, ich habe mich entschlossen in Deutschland zu bleiben und ich konnte mir nicht vorstellen, bei der K\u00e4lte weiter als Maurer zu arbeiten. Also habe ich umgeschult. Dreieinhalb Jahre bin ich t\u00e4glich wegen der Ausbildung nach M\u00fcnchen gefahren. Danach habe ich 40 Jahre lang als Einsteller bei Sinterstahl, der heutigen PMG,\u00a0 gearbeitet.<\/p>\n<p>Hatten Sie es schwer, sich in F\u00fcssen zu integrieren? Nein, ganz und gar nicht. Ich war in einer sehr netten Clique. Wir haben viel gemeinsam unternommen und trafen uns regelm\u00e4\u00dfig im ersten Stock im \u201eCaf\u00e9 Mozart\u201c. Das war schon eine tolle Zeit, die m\u00f6chte ich nicht missen.<\/p>\n<p>Was ist Ihrer Meinung nach wichtig, um sich in einem fremden Land zu integrieren? Nicht darauf warten, dass irgendjemand einem etwas anbietet. Man muss schon selbst die Initiative ergreifen und es\u00a0 auch wollen. Es gab Italiener, die sich abgekapselt haben: Nach der Arbeit nach Hause gehen, essen, schlafen und das gleiche am n\u00e4chsten Tag wieder. Wichtig ist, dass man nicht schon vorab Menschen verurteilt, ohne sich wirklich ein Bild von ihnen gemacht zu haben.<\/p>\n<p>Haben Sie es bereut jemals nach Deutschland gekommen zu sein? Nein, \u00fcberhaupt nicht. Ich habe eine Familie aufgebaut. Leider ist meine Frau vor zwei Jahren verstorben. Meine Kinder und Enkelkinder leben hier, meine Geschwister, &#8230; eben ein gro\u00dfer Teil meiner Familie. Mein Leben spielt sich hier ab und ich f\u00fchle mich wohl dabei.<\/p>\n<p>Text: Sabina Riegger<br \/>\nBilder: Sabina Riegger (1), Privat<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs sollte nur f\u00fcr kurze Zeit sein\u201c F\u00fcssen.\u00a0\u00a0 Es war der 11. April 1965, als Pietro Minnelli nach F\u00fcssen kam. 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