{"id":44097,"date":"2026-10-30T14:33:33","date_gmt":"2026-10-30T13:33:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/?p=44097"},"modified":"2026-10-30T14:33:34","modified_gmt":"2026-10-30T13:33:34","slug":"im-schatten-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2026\/10\/im-schatten-der-zeit\/","title":{"rendered":"Im Schatten der Zeit"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Allerheiligen-Spaziergang \u00fcber den Alten Friedhof in F\u00fcssen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn im Sp\u00e4therbst der Nebel tr\u00e4ge \u00fcber den Lech zieht und das erste Frostrot in den Bl\u00e4ttern der alten Kastanien brennt, ver\u00e4ndert sich das Ostallg\u00e4u. Die Tage werden k\u00fcrzer, die Natur zieht sich zur\u00fcck \u2013 und mit ihr die Gedanken der Menschen. Es ist die Zeit des Erinnerns. Wer zu Allerheiligen einen Ort sucht, an dem Regionalgeschichte lebendig wird und der Frieden greifbar ist, findet ihn mitten in F\u00fcssen. Versteckt hinter der trutzigen mittelalterlichen Stadtmauer liegt der historische Sebastiansfriedhof. Ein magischer Ort, an dem verwitterter Stein von gro\u00dfen Tr\u00e4umen, vergessenen Handwerken und der Ewigkeit erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer das kunstvolle Sebastianstor an der Klosterstra\u00dfe durchschreitet, l\u00e4sst das gesch\u00e4ftige Treiben der F\u00fcssener Altstadt mit einem Schritt hinter sich. Es ist, als w\u00fcrde man in eine andere Epoche eintauchen. Nur wenige Schritte entfernt rauscht der Verkehr, doch hier drinnen regiert das Schweigen \u2013 ein warmes, tr\u00f6stliches Schweigen. Der&nbsp;Alte Friedhof, umrahmt von historischen Artilleriet\u00fcrmen und dem h\u00f6lzernen Wehrgang, ist kein gew\u00f6hnlicher Ort der Trauer. Er ist ein kulturhistorisches Schatzk\u00e4stchen unter freiem Himmel.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Friedhof aus der Not geboren<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wiege dieser Ruhest\u00e4tte steht im Jahr\u00a01528\u00a0und verdankt ihre Existenz einem h\u00f6chst pragmatischen, wenn auch schaurigen Umstand: Bis dahin bestatteten die F\u00fcssener ihre Toten dicht gedr\u00e4ngt rund um das nahegelegene Kloster St. Mang. Weil der Boden dort jedoch derart feucht und \u00fcbernutzt war, verwesten die Leichen nicht mehr richtig. Ein neuer Platz musste her. Die Wahl fiel auf das Gel\u00e4nde s\u00fcdlich der Sebastianskirche, die um 1500 urspr\u00fcnglich als einfache Pestkapelle direkt an der Stadtmauer errichtet worden war. Sp\u00e4ter, im fr\u00fchen 18. Jahrhundert, erweiterte der ber\u00fchmte Baumeister Johann Georg Fischer die Kapelle zu der prachtvollen barocken Friedhofskirche, die noch heute stolz \u00fcber den Gr\u00e4bern wacht. Fast genau 400 Jahre lang erf\u00fcllte der Friedhof treu seinen Dienst, bis 1934 das vorl\u00e4ufige Aus kam: Die Ruhest\u00e4tte wurde geschlossen, die Natur holte sich die Mauern zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aus dem Dornr\u00f6schenschlaf erweckt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass man heute \u00fcberhaupt noch \u00fcber diesen geschichtstr\u00e4chtigen Boden wandeln kann, ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Nach der Schlie\u00dfung drohte das Areal komplett zu verfallen und zu verwildern. Doch die F\u00fcssener wollten ihr historisches Juwel nicht aufgeben. In den 1980er-Jahren schlossen sich Denkmalsch\u00fctzer, die katholische Kirchenstiftung und engagierte B\u00fcrger zusammen, um die Anlage vor dem Bagger zu retten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein ganz entscheidender Motor bei dieser Rettungsaktion war die&nbsp;Kolpingsfamilie F\u00fcssen. Mit unz\u00e4hligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden, Tatkraft und handwerklichem Geschick half der Verein dabei, die zugewachsenen Pfade freizulegen, verfallene Grabsteine zu sichern und das Areal wieder in einen w\u00fcrdevollen Zustand zu versetzen. Dank dieses unerm\u00fcdlichen B\u00fcrgerengagements konnte der Friedhof im Jahr 1988 feierlich wiederer\u00f6ffnet werden. Heute stehen rund&nbsp;414 historische Gr\u00e4ber&nbsp;unter Schutz \u2013 und der Friedhof wird wieder behutsam f\u00fcr Bestattungen genutzt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wo Allg\u00e4uer Fl\u00f6\u00dfer neben k\u00f6niglichen Baumeistern ruhen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im weichen, goldenen Herbstlicht des Voralpenlandes scheinen die bemoosten Inschriften fast zu leuchten. Sie erz\u00e4hlen von den Menschen, die das Ostallg\u00e4u zu dem machten, was es heute ist. Hier ruhen sie Seite an Seite: Einfache Allg\u00e4uer Fl\u00f6\u00dfer, deren H\u00e4nde vom eiskalten Flusswasser gezeichnet waren, angesehene Handelsherren und ein Mann, dessen Visionen bis heute Millionen von Menschen aus aller Welt in die Region in und um F\u00fcssen locken:\u00a0Domenico Quaglio.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der ber\u00fchmte Maler und Architekt, der im Auftrag von K\u00f6nig Maximilian II. das nahegelegene Schloss Hohenschwangau in ein weltbekanntes, neugotisches M\u00e4rchen verwandelte, fand genau hier seine letzte Zuflucht. Er starb mitten w\u00e4hrend der anstrengenden Bauarbeiten im Jahr 1837 in F\u00fcssen. Sein aufwendig verziertes Grabmal gleich neben dem Eingang zieht bis heute die Blicke auf sich. Weiter hinten im Areal, abgetrennt durch eine kleine Einfriedung, befindet sich der schlichte Klosterfriedhof, auf dem die M\u00f6nche des angrenzenden Franziskanerklosters begraben liegen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Ort f\u00fcr die Gegenwart<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der Sebastiansfriedhof schaut nicht nur zur\u00fcck. Dass er ein tief im Heute verankerter Ort des Trostes ist, beweist eine ganz besondere St\u00e4tte direkt an der Innenseite der alten Stadtmauer: das\u00a0Sternenkindergrab. Diese liebevoll gestaltete Ruhest\u00e4tte f\u00fcr still- und totgeborene Kinder schenkt betroffenen Eltern aus der Region einen gesch\u00fctzten Raum f\u00fcr ihre Trauer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn am Nachmittag des 1. Novembers zu Allerheiligen die D\u00e4mmerung hereinbricht, verwandelt sich der Alte Friedhof in ein unvergessliches&nbsp;Meer aus hunderten Lichtern. Der Schein der Kerzen bricht sich an den jahrhundertealten, schmiedeeisernen Kreuzen, und die alten Steinmauern werfen lange, warme Schatten. Wer in diesen Tagen hier spazieren geht, sp\u00fcrt: Die Menschen, die das Allg\u00e4u einst pr\u00e4gten, sind nicht vergessen. Sie ruhen in Frieden \u2013 mitten im Herzen von F\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Text: FA\/pm \u00b7 Foto: Hubert Riegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Allerheiligen-Spaziergang \u00fcber den Alten Friedhof in F\u00fcssen Wenn im Sp\u00e4therbst der Nebel tr\u00e4ge \u00fcber den Lech zieht und das erste Frostrot in den Bl\u00e4ttern der alten Kastanien brennt, ver\u00e4ndert sich das Ostallg\u00e4u. Die Tage werden k\u00fcrzer, die Natur zieht sich zur\u00fcck \u2013 und mit ihr die Gedanken der Menschen. 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