{"id":43908,"date":"2026-10-01T14:43:07","date_gmt":"2026-10-01T12:43:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/?p=43908"},"modified":"2026-10-01T14:43:08","modified_gmt":"2026-10-01T12:43:08","slug":"50-jahre-zwei-sprachen-zwei-heimaten-eine-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2026\/10\/50-jahre-zwei-sprachen-zwei-heimaten-eine-geschichte\/","title":{"rendered":"50 Jahre. Zwei Sprachen. Zwei Heimaten. Eine Geschichte."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es beginnt mit einer Zeitungsanzeige. Eine junge Frau m\u00f6chte ihren Ford Capri verkaufen \u2013 gr\u00fcn lackiert, wei\u00dfe Streifen, schwarzes Dach. Ein junger Mann aus Nordmazedonien meldet sich. Ihm gef\u00e4llt das Auto, aber noch viel mehr die Frau. Er verliebt sich in sie. War es \u201eLiebe auf den ersten Blick&#8220;? Dimitri Donevski \u00fcberlegt kurz. \u201eJa, kann man so sagen.&#8220; Marie Donevski nickt und l\u00e4chelt so, wie man l\u00e4chelt, wenn man eine Antwort schon 50 Jahre lang kennt. \u201eBis heute hat er das Auto bei mir nicht abbezahlt. Daf\u00fcr habe ich einen Mann f\u00fcrs Leben bekommen&#8220;, lacht sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 18. Oktober feiern die beiden in F\u00fcssen ihre goldene Hochzeit. 50 Jahre. Ein halbes Jahrhundert. Und wenn man den beiden zuh\u00f6rt, dann versteht man schnell: Das ist keine Geschichte \u00fcber Gl\u00fcck. Das ist eine Geschichte \u00fcber Mut, Arbeit, Heimweh und eine Liebe, die aus zwei Menschen in der Fremde ein Zuhause gemacht hat, wie es Dimitri Donevski ausdr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcssen, Anfang der 1970er Jahre. Marie Donevski kam 1968 aus der Tschechoslowakei. Nicht freiwillig \u2013 die sowjetischen Panzer machten die Entscheidung f\u00fcr sie einfach. Ihr Onkel, ein bekannter Eishockey-Trainer beim EV F\u00fcssen und zu dieser Zeit eine stadtbekannte Pers\u00f6nlichkeit, holte sie nach Bayern. Sie kam ohne Deutschkenntnisse, ohne Plan, ohne viel mehr als den Willen, irgendwie anzukommen. Einen Sprachkurs besuchte sie nie. Trotzdem lernte sie so schnell Deutsch, dass sie schon bald f\u00fcr andere tschechische Fl\u00fcchtlinge \u00fcbersetzte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dimitri Donevski reiste 1969 zum ersten Mal als Austauschsch\u00fcler nach Deutschland \u2013 mit 19 Jahren, neugierig und voller Pl\u00e4ne. Er hatte eine Ausbildung als Landwirt gemacht und kam auf die Insel Mainau, wo er weiter viel \u00fcber Landwirtschaft lernte. 1971 kam er wieder nach Deutschland, diesmal um zu bleiben. Er arbeitete auf Baustellen, sp\u00e4ter als LKW-Fahrer bei einem F\u00fcssener Baustoffhandel, wo er sich als au\u00dfergew\u00f6hnliches Verkaufstalent erwies.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Heiraten mit 360 G\u00e4sten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hochzeit findet 1974 statt. Erst standesamtlich in F\u00fcssen, dann mit einem gro\u00dfen Fest in Nordmazedonien. \u201eWir haben drei Tage mit 360 G\u00e4sten gefeiert&#8220;, erz\u00e4hlt Dimitri Donevski nicht ohne Stolz. Er ist der erste in seinem Dorf, der eine Frau aus dem Ausland geheiratet hat: blond und gro\u00df, anders als die Frauen vor Ort. \u201eJeder wollte sie sehen. Es war verr\u00fcckt&#8220;, erinnert er sich an die Zeit zur\u00fcck. Sie mussten ihre beiden Kulturen erst einmal auf einen Nenner bringen. Dazu geh\u00f6rte auch die Sprache. Dimitri spricht mazedonisch, Marie tschechisch. Zuhause sprechen sie oft deutsch miteinander \u2013 eine gemeinsame Sprache, die sie verbindet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Leben f\u00fcr die Arbeit \u2013 und f\u00fcr andere<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die Frage, was sie 50 Jahre zusammengehalten hat, antworten die beiden nicht mit gro\u00dfen Worten: Flei\u00df und Zuverl\u00e4ssigkeit und ihre gemeinsame Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Marie Donevski arbeitete jahrelang als Nachtschwester im Krankenhaus F\u00fcssen und tags\u00fcber in einem Pflegeheim. Zwischendurch waren sie auch selbstst\u00e4ndig \u2013 zuletzt mit einem Caf\u00e9 in F\u00fcssen West. Mit der Selbstst\u00e4ndigkeit hatten sie weniger Erfolg. \u201eWenn man selbstst\u00e4ndig ist, dann sollte man auch im Gesch\u00e4ft sein. Das waren wir nicht, weil wir unsere anderen Jobs noch hatten&#8220;, erkl\u00e4rt Marie Donevski. Traurig ist sie nicht dar\u00fcber. Es ist ein Kapitel ihres Berufslebens gewesen, eine Herausforderung, die sie so meisterten, wie es nur m\u00f6glich war. \u201eWir haben viel daraus gelernt&#8220;, so das Ehepaar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dimitri fuhr 38 Jahre lang Bus \u2013 zun\u00e4chst f\u00fcr private Unternehmen, dann f\u00fcr die Post, schlie\u00dflich f\u00fcr die RVA. Seine Fahrg\u00e4ste liebten ihn und nannten ihn \u201eAmigo&#8220;. \u201eDas schmeichelt mir heute noch&#8220;, gibt er zu. Wer m\u00f6chte bittesch\u00f6n nicht als Freund bezeichnet werden? F\u00fcr einen Menschen vom Balkan ist das eine Ehre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nebenbei war Dimitri Donevski aktiver Fu\u00dfballspieler und arbeitete sich als Schiedsrichter bis in die 2. Bundesliga hoch, bis ein Knieschaden alles beendete. Vor vier Jahren erlitt er einen Herzinfarkt. Fahrg\u00e4ste darf er seitdem keine mehr bef\u00f6rdern. Aber vom Betriebshof wegbleiben kann er trotzdem nicht. Er arbeitet im Hintergrund. \u201eIch kann nicht aufh\u00f6ren&#8220;, sagt er. \u201eArbeit ist mein Leben.&#8220; Das glaubt man ihm sofort.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Familie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Dimitris Familie in Mazedonien gab das Paar im Laufe der Jahre immense Summen aus \u2013 f\u00fcr kranke Geschwister, f\u00fcr Operationen, f\u00fcr Hochzeiten. Wohnungen wurden verkauft, Ersparnisse aufgel\u00f6st. Vieles davon kam nie zur\u00fcck. \u201eSie dachten, in Deutschland ist alles einfacher und man verdient viel Geld und muss nichts daf\u00fcr tun.&#8220; Dimitri sagt das ohne Bitterkeit. Einfach so. Als w\u00e4re es die selbstverst\u00e4ndlichste Sache der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute noch haben sie ein Haus in Nordmazedonien, etwa 80 Kilometer \u00f6stlich von Skopje entfernt. Es ist ein sch\u00f6nes Haus mit einem gro\u00dfen Grundst\u00fcck und viel Wald. \u201eWenn es hier Probleme geben sollte, h\u00e4tten wir dort einen Zufluchtsort&#8220;, so Dimitri, der vor drei Jahren einen Antrag auf die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft stellte. Er wartet immer noch auf dessen Anerkennung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Tschechien \u2013 Maries Heimat \u2013 will Dimitri nicht. \u201eDabei w\u00e4ren wir von meiner Familie herzlich willkommen. Sie m\u00f6gen Dimitri sehr&#8220;, erz\u00e4hlt Marie Donevski. Ein zweites Mal eine Heimat verlieren, das will Dimitri nicht. \u201eEr hat ja Recht. Wir haben hier unsere Freunde, unser Leben und unsere verw\u00f6hnte Katze. Irgendwie geht alles&#8220;, so die 75-J\u00e4hrige.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob sie wohl noch die damalige Zeitungsanzeige aufgehoben hat? \u201eNein, das habe ich nicht. Ich wusste ja nicht, dass ich, anstatt das Auto zu verkaufen, einen Mann bekomme&#8220;, und lacht aus vollem Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Text \u00b7 Foto: Sabina Riegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es beginnt mit einer Zeitungsanzeige. Eine junge Frau m\u00f6chte ihren Ford Capri verkaufen \u2013 gr\u00fcn lackiert, wei\u00dfe Streifen, schwarzes Dach. Ein junger Mann aus Nordmazedonien meldet sich. Ihm gef\u00e4llt das Auto, aber noch viel mehr die Frau. Er verliebt sich in sie. War es \u201eLiebe auf den ersten Blick&#8220;? 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