{"id":43855,"date":"2026-10-01T14:37:20","date_gmt":"2026-10-01T12:37:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/?p=43855"},"modified":"2026-10-01T14:37:24","modified_gmt":"2026-10-01T12:37:24","slug":"youssef-und-dzenan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2026\/10\/youssef-und-dzenan\/","title":{"rendered":"Youssef und D\u017eenan"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war schon sp\u00e4ter Nachmittag, als das Flugzeug in Marokko landete. Drau\u00dfen vor dem Flughafen Marrakesch-Menara standen viele Taxen und Transfer-Anbieter, die auf Reisende wie uns warteten. M\u00e4nner mit Warnwesten und Sonnenbrillen hielten Schilder mit Namen in die Luft, um sich f\u00fcr die ankommenden G\u00e4ste sichtbar zu machen. Es war laut und hei\u00df. Die Luft roch erdig nach Sand, Staub und Benzin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inmitten einer Traube von Menschen liefen wir aus dem Geb\u00e4ude. Es schien, als w\u00fcsste jeder au\u00dfer uns, wohin er laufen sollte. Die anderen steuerten entweder Schilder mit ihrem Familiennamen oder die mit dem Namen ihres Riads an. Andere liefen zielstrebig auf ein Taxi zu und stiegen ein. Die trockene Hitze machte mir sehr zu schaffen. Ich sah an mir runter. Mein Kind schlief ruhig im Tragetuch, das ich mir schon am Morgen um den Oberk\u00f6rper gebunden hatte. Ich war aufgeregt, mein Herz klopfte wie wild. Es war eine Mischung aus Aufregung, M\u00fcdigkeit und \u00dcberforderung. Ich hatte Sorge, meine Aufregung w\u00fcrde mir gleich aus der Brust h\u00fcpfen, an der mein Baby doch so seelenruhig lag und schlief. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den Parkfl\u00e4chen standen noch \u00fcbrig gebliebene Taxen und Kleinbusse zwischen den Kakteen und Pflanzen. Ich setzte meinen Rucksack wieder auf, lief auf einen hellen Dacia zu und verhandelte mit dem Fahrer den Preis. Das Ziel war die Medina. Oder jedenfalls deren n\u00e4here Umgebung. Der Fahrer, ein Mann mittleren Alters, sprach gut Englisch. Er sah sehr freundlich aus. Er war gepflegt und roch nach einem schweren M\u00e4nnerduft, der mich an Weihnachten erinnerte. Seine Z\u00e4hne strahlten heller als sein geb\u00fcgeltes, wei\u00dfes Kurzarmhemd. Ich war froh, an Youssefs Taxi zu stehen. Ich hatte sofort ein gutes Gef\u00fchl bei ihm und so stiegen meine Familie und ich ein. Die Klimaanlage lief und wir fuhren los. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Youssef drehte die Musik leiser und wir unterhielten uns. Je weiter wir uns vom Flughafen entfernten, desto chaotischer wurde der Verkehr. Gro\u00dfe Reisebusse fuhren an uns vorbei. Auch Kutschen, \u00fcberladene Motorr\u00e4der und alte, in die Jahre gekommene Gel\u00e4ndewagen, quetschen sich durch die Stra\u00dfen. Andauernd wurde gehupt und mir schien, als w\u00fcrde das Warnblinklicht zu Kommunikationszwecken zwischen allen Beteiligten dienen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einer Hand hielt ich mich fest und mit der anderen Hand den Kopf meines Babys. Youssef hatte weder eine Babyschale noch einen Kindersitz im Auto. Auch sonst niemand, wie er beteuerte. Ich hatte Angst, ein Pferd w\u00fcrde uns rammen, oder die ungesicherte Fracht auf dem Mitsubishi-Pritschenwagen vor uns w\u00fcrde bei der n\u00e4chsten Bremsung ungesichert durch Youssefs Frontscheibe donnern. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er betrachtete mich durch den R\u00fcckspiegel und l\u00e4chelte mir zu: \u201eDon\u2018t worry, ok?!\u201d Ich wollte ihm glauben. Es war, als w\u00e4re ich Statistin in einem Roadmovie. Hinter den verdunkelten Fensterscheiben des Taxis lag eine andere Welt. Beinahe surreal. Wild und bunt, chaotisch und doch irgendwie geordnet. Ich sah dem Treiben zu. Ich wollte alles \u00fcber diese Welt da drau\u00dfen erfahren und aufsaugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich nahm die Musik wieder wahr, die von vorne zu mir auf die R\u00fcckbank schallte. Und es war, als w\u00fcrde sich alles langsam legen. Die Aufregung und die Anspannung. Ich hatte keine Angst mehr. Ich war angekommen. Ich sp\u00fcrte, wie mein Kind wach wurde und sich bewegte. Ich sah runter. Seine gro\u00dfen, dunklen Augen sahen mich an. Es l\u00e4chelte und mein Herz h\u00fcpfte. Es lag da, in diesem grauen Tuch an meinen K\u00f6rper gebunden, und sah mich an. Es schien, als gen\u00fcgte ihm das. Die Kinder vertrauten uns, ohne zu wissen, wo wir waren, oder wohin die Reise gehen w\u00fcrde. Unser gro\u00dfes Kind war aufgeregt und voller Tatendrang. Es wollte am liebsten sofort anhalten und sich ins Get\u00fcmmel st\u00fcrzen. Die Arme meines Mannes hielten ihn davon ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Moment verstand ich, wie wertvoll und wichtig es ist, loszulassen und vertrauen zu k\u00f6nnen. Ich wollte das auch k\u00f6nnen. Und so gab ich mich hin. Wir kamen an einer trubeligen Stra\u00dfe zwischen der Stadtmauer und der Medina an. Ich sah in die enge Gasse, durch die wir gleich gehen mussten. Es roch nach einer Mischung aus Leder und Zimt, nach frischem Brot und Abgasen. Youssef lief uns noch nach und steckte uns seine Nummer zu. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er wurde zu unserem Begleiter w\u00e4hrend dieser Reise. Eine Reise, die inzwischen neun Jahre zur\u00fcckliegt, aber f\u00fcr immer unvergesslich bleibt. In ein Taxi zu steigen, ist f\u00fcr mich eine gr\u00f6\u00dfere Sache als wohl f\u00fcr die meisten anderen Leute. Ich muss meine Angst \u00fcberwinden und die Kontrolle abgeben. Aber ohne Vertrauen bleibt man doch stehen, w\u00e4hrend das Leben vorbeizieht, oder? Und das will ich nicht. Also stehe ich gerade wieder vor einem Taxi. Und gleich steigen wir gemeinsam zu D\u017eenan ins Auto. Hier in Bosnien\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war schon sp\u00e4ter Nachmittag, als das Flugzeug in Marokko landete. Drau\u00dfen vor dem Flughafen Marrakesch-Menara standen viele Taxen und Transfer-Anbieter, die auf Reisende wie uns warteten. M\u00e4nner mit Warnwesten und Sonnenbrillen hielten Schilder mit Namen in die Luft, um sich f\u00fcr die ankommenden G\u00e4ste sichtbar zu machen. Es war laut und hei\u00df. 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