{"id":43697,"date":"2026-08-29T22:13:11","date_gmt":"2026-08-29T20:13:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/?p=43697"},"modified":"2026-08-29T22:13:12","modified_gmt":"2026-08-29T20:13:12","slug":"frei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2026\/08\/frei\/","title":{"rendered":"Frei"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fr\u00fcher gab es dieses Magazin, das ich mir jeden Monat kaufte, um die letzten Seiten in Ruhe lesen zu k\u00f6nnen. Der Rest des Inhalts interessierte mich ehrlich gesagt nicht wirklich. Der Autor, ein Mann in seinen besten Jahren, schrieb \u00fcber das allt\u00e4gliche Leben in einer Gro\u00dfstadt. Ich mochte sehr, was ich von ihm las. Obwohl jede Geschichte irgendwie vorhersehbar war, war ich gleichzeitig fasziniert davon, wie er zwischen Satire, Ironie und Witz eine Geschichte erz\u00e4hlte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber manchmal fragte ich mich, was ihn in \u201eWirklichkeit\u201d besch\u00e4ftigte. An was dachte er? Was ging ihm durch seinen Kopf? Ich konnte mir unm\u00f6glich vorstellen, dass das alles war: die seichten und belanglosen Anekdoten und Geschichten \u00fcber Caf\u00e9s und Urlaube, \u00fcber scheinbare Freunde und unscheinbare Familienmitglieder. Ich bewunderte seine Art, des Erz\u00e4hlens und wollte einfach mehr von ihm lesen. Mehr als die gef\u00fchlt konstruierten Geschichten \u00fcber neue Trendgetr\u00e4nke in der hippen Gro\u00dfstadt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, schon klar, das war seine Sprache, sein Stil, seine Art Leser:innen in den Bann zu ziehen, mit den vermeintlich kleinen Dingen des Alltags. Aber ich las auch zwischen den Zeilen. Und ganz offensichtlich, schrieb da ein kluger und wortwitziger, offener Mann, der mich zum Nachdenken brachte. Und zwar dar\u00fcber, ob all die Ereignisse wirklich stattfanden, oder ob es seine Art der Rebellion war, bewusst nichts anzusprechen, das auch nur ansatzweise von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung war. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber viele Jahre sammelte ich seine Texte und ich erinnere mich daran, wie ich als Teenagerin dachte, in ihm ein Vorbild gefunden zu haben. Ich wollte seine Sprache sprechen und es mit ihm aufnehmen, als das weibliche Pendant aus der l\u00e4ndlichen Kleinstadt. Aber ich konnte mich nicht in diese Form biegen. Es f\u00fchlte sich nicht richtig an. Weil das nicht ich war. Sondern er. Und so wollte ich nicht sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Erkenntnis w\u00fchlte mich auf, denn offenbar war ich noch auf der Suche nach mir, bis ich dann dachte mich in einem w\u00fctenden Beitrag \u00fcber einen verurteilten Bundestagsabgeordneten gefunden zu haben, den ich damals f\u00fcr ein renommiertes Nachrichtenportal schrieb. Aber das war auch nicht ich. Aber das hier, in diesen Zeilen, das bin ich. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann habe ich nicht mehr gesucht. Und mich gerade deswegen gefunden. Oft w\u00fcnschte ich mir, ich k\u00f6nnte all meine Gedanken niederschreiben, denn in meiner romantischen Vorstellung gibt es nichts Bedeutenderes als Worte, die Menschen ber\u00fchren, bewegen und vielleicht sogar heilen k\u00f6nnen. Und wenn auch nur ein kleines bisschen. Ich will mir nicht anma\u00dfen, das \u00fcber meine Worte zu behaupten. Aber das w\u00fcnsche ich mir. Und tr\u00e4umen sollte man. Ich konstruiere nichts. Ich erz\u00e4hle einfach.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so passiert es dann, dass ich in den vergangenen Zeilen nicht \u00fcber das schrieb, was ich eigentlich im Sinn hatte. Ich wollte \u00fcber die mentale Gesundheit schreiben und dar\u00fcber, wie wichtig es ist, dieses stigmatisierte Tabuthema nicht abzutun. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wollte auf psychisch erkrankte Frauen und Kinder aufmerksam machen und auf den verheerenden Mangel an Therapiepl\u00e4tzen, auf das stille Leid vieler Menschen da drau\u00dfen, weil es mir wichtig ist. Und auch weil sie unsichtbar ist, die psychische Gesundheit unseres Gegen\u00fcbers. Wir sehen nicht alles und auch nicht immer, wie gut oder schlecht es manchen Menschen mental geht, blo\u00df weil sie nach au\u00dfen hin zu funktionieren scheinen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stattdessen habe ich von diesem Autor erz\u00e4hlt. Ich k\u00f6nnte alles l\u00f6schen und neu schreiben. Aber geht es beim Schreiben nicht um Authentizit\u00e4t und Aufrichtigkeit? F\u00fcr mich schon. Ich denke wieder an den Autor und daran, wie schnell man sich verliert, in den eigenen Gedanken, in jenen, die frei sind. Und vermutlich ist es genau das, was uns einzigartig macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher gab es dieses Magazin, das ich mir jeden Monat kaufte, um die letzten Seiten in Ruhe lesen zu k\u00f6nnen. Der Rest des Inhalts interessierte mich ehrlich gesagt nicht wirklich. Der Autor, ein Mann in seinen besten Jahren, schrieb \u00fcber das allt\u00e4gliche Leben in einer Gro\u00dfstadt. Ich mochte sehr, was ich von ihm las. 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