{"id":41271,"date":"2025-10-31T21:04:04","date_gmt":"2025-10-31T20:04:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/?p=41271"},"modified":"2025-10-31T21:04:38","modified_gmt":"2025-10-31T20:04:38","slug":"eine-tolle-knolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2025\/10\/eine-tolle-knolle\/","title":{"rendered":"Eine tolle Knolle"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Sie werden sich wahrscheinlich fragen, wie ich auf dieses Thema komme. Ich habe f\u00fcr meine Verh\u00e4ltnisse das erste Mal im gro\u00dfen Stil Kartoffeln angebaut, nicht im Beet, daf\u00fcr gibt es leider keine M\u00f6glichkeit in unserem Garten, sondern in sog. Pflanzs\u00e4cken. Einfach ein paar Saatkartoffeln hinein, mit Erde bedecken und abwarten. Na, mehr als schiefgehen konnte es ja nicht! Ich hatte zwei Sorten, einmal eine violettfarbige und dann noch so kleine, Drillinge genannt, die mal \u00fcbrig geblieben waren und bereits auskeimten. Anfang September haben wir dann nachgeschaut, was wohl daraus geworden ist. Von der Ausbeute war ich echt begeistert! Lustigerweise sind aus den kleinen festkochenden gro\u00dfe mehlige geworden, warum auch immer. Davon essen wir heute noch!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kulturgeschichte der Kartoffel, die zu den Nachtschattengew\u00e4chsen geh\u00f6rt, wie auch die Tomaten, Auberginen oder Paprika, ist schon sehr alt. Sie stammt urspr\u00fcnglich aus dem S\u00fcdwesten S\u00fcdamerikas und lag bereits vor 8000 Jahren domestiziert vor. Wie man wohl auf die Idee gekommen ist, sie nicht roh, sondern gekocht zu genie\u00dfen, ist nicht bekannt. Sie hatte viele Namen, allerdings bei den Inkas hie\u00df sie \u201ePapa\u201c. Unter diesem Namen lernten die Spanier sie dann im 16. Jahrhundert kennen und brachten sie auf ihren Schiffen mit nach Europa. In Italien erhielt sie dann z.B. wegen ihrer \u00c4hnlichkeit mit Tr\u00fcffeln den Namen \u201eTarathopholi\u201c, bis sich dann in unserem Sprachgebrauch der Name Kartoffel entwickelte. Aber nach wie vor gibt es je nach Region einen eigenen Begriff, man denke nur an unser Nachbarland \u00d6sterreich \u2013 hier spricht man von Erd\u00e4pfeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Europ\u00e4ern die Kartoffel im wahrsten Sinne des Wortes \u201eschmackhaft\u201c zu machen, war gar nicht so einfach. Auf die Britischen Inseln soll sie ohne Umwege \u00fcber Spanien gekommen sein, ob durch Francis Drake oder Walter Raleigh ist nicht bekannt. Allerdings ist in Irland ihr Anbau ab 1606 nachgewiesen, und noch vor dem Ende des 17. Jahrhunderts hatte sie sich dort zu einem der Grundnahrungsmittel entwickelt. Das war alles prima, bis die gro\u00dfe Hungersnot aufgrund der Kartoffelf\u00e4ule viele Iren zum Auswandern zwang\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nun zu uns nach Deutschland: die bekannteste Geschichte ist sicherlich die dar\u00fcber, dass Friedrich II. gro\u00dfe M\u00fche hatte, den Anbau von Kartoffeln bei der Bev\u00f6lkerung durchzusetzen. Man musste die Menschen f\u00f6rmlich zu ihrem \u201eKartoffelgl\u00fcck\u201c pr\u00fcgeln. Durch einen Trick hat er es dann doch geschafft: er lie\u00df einen Kartoffelacker von Soldaten bewachen und verleitete somit die Bauern zum Stehlen der vermeintlich wertvollen Pflanzen. Am Anfang gab es allerdings noch Probleme: viele a\u00dfen die oberirdischen Fr\u00fcchte, die nicht ganz ungiftig sind und ziemliche Bauchschmerzen verursachen, bis es endlich klar war, die unterirdischen Knollen gekocht zu genie\u00dfen. Gar nicht so einfach, oder? <\/p>\n\n\n\n<p>Die Einf\u00fchrung der Kartoffel in Europa blieb allerdings nicht ohne Schattenseiten. Als Hauptern\u00e4hrungsquelle des Volkes verbesserte sie zwar die Ern\u00e4hrungsm\u00f6glichkeiten der Landbev\u00f6lkerung nach der Katastrophe des Drei\u00dfigj\u00e4hren Krieges und zahlreichen Seuchen zun\u00e4chst einmal stark, besonders in Irland. <\/p>\n\n\n\n<p>Als dann aber am Anfang des 19. Jahrhunderts aus Amerika auch Kartoffelkrankheiten eingeschleppt wurden, waren diese Monokulturen vollkommen schutzlos. Eine Missernte folgte der anderen und verursachte Hunger bei einem Gro\u00dfteil des Volkes. Viele Millionen Menschen verhungerten in Europa. Sehr hart traf es dann eben die Iren. Die gro\u00dfe Hungersnot zwischen 1845 und 1852 kostete etwa zwei Millionen Menschen ihr Leben. Wer es sich irgendwie leisten konnte, wanderte aus, meist in die USA. Bei uns in Deutschland wurden in den Nachkriegsjahren zahlreiche \u00f6ffentliche Gr\u00fcnanlagen umgenutzt, um Kartoffeln anzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sind Kartoffeln eigentlich gesund? Das kann ich definitiv mit einem \u201eja\u201c beantworten. Au\u00dfer, dass sie sehr gut s\u00e4ttigen, haben sie noch andere Vorteile. Sie enthalten praktisch kein Fett. Lange Zeit galten sie ja als Dickmacher der Nation \u2013 und das ganz zu Unrecht! In Wirklichkeit sind die Knollen sogar relativ kalorienarm, denn sie bestehen zu 80% aus Wasser. 100 g liefern gerade einmal 70 Kalorien und sind damit f\u00fcr einen Speiseplan zum Abnehmen geeignet. <\/p>\n\n\n\n<p>Am allerbesten ist es, wenn man sie nach dem Kochen abk\u00fchlen l\u00e4sst und erst am n\u00e4chsten Tag verarbeitet. Bis dahin hat sich eine resistente St\u00e4rke gebildet. Das sind kristallisierte St\u00e4rkebestandteile \u2013 eine Form der St\u00e4rke, die dem K\u00f6rper weniger Energie in Form von Kilokalorien liefert. Au\u00dferdem sinkt nun der sog. \u201eglyk\u00e4mische Index\u201c, und beim Verzehr steigt der Blutzuckerspiegel nur langsam an. Das h\u00e4lt l\u00e4nger satt. Nat\u00fcrlich gilt das nicht f\u00fcr stark verarbeitete Produkte wie Pommes frites, Chips oder Kroketten. Sie enthalten sehr viel Fett und h\u00e4ufig auch ung\u00fcnstige, unges\u00e4ttigte Fetts\u00e4uren.<\/p>\n\n\n\n<p>Soviel zum ern\u00e4hrungstechnischen Aspekt, aber es gibt auch viele andere gesundheitliche Vorteile. Au\u00dfer der St\u00e4rke enth\u00e4lt die Kartoffel noch Ballaststoffe, Eiwei\u00df, Vitamine, vor allem die der B- Gruppe, Vitamin C, Mineralstoffe und sekund\u00e4re Pflanzenstoffe. Durch das Kochen wird die St\u00e4rke eben verdaulich und liefert dem K\u00f6rper die n\u00f6tigen verwertbaren Kohlenhydrate. R\u00f6tliche und blaue Kartoffelsorten, von denen ich ja dieses Jahr das erste Mal welche angebaut habe, enthalten als Farbstoffe zus\u00e4tzlich Flavonoide und Anthocyane. <\/p>\n\n\n\n<p>Manche dieser sog. sekund\u00e4ren Pflanzenstoffe sind sogar in der Lage, Bakterien, Pilze oder Viren zu bek\u00e4mpfen. Sie k\u00f6nnen den Cholesterinspiegel senken, gegen Entz\u00fcndungen wirken und auch den Blutzuckerspiegel sowie die Immunreaktionen des K\u00f6rpers positiv beeinflussen. Geschmacklich werden sie als nussiger und w\u00fcrziger beschrieben als ihre gelben Verwandten. Das kann ich auf jeden Fall best\u00e4tigen, die Farbe ist halt ungewohnt. Aber das Experiment hat sich definitiv gelohnt!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nun kommen wir richtig in den medizinischen Bereich: 36% der Deutschen hatten schon einmal mit Sodbrennen zu k\u00e4mpfen. Viele greifen dann zu Antazida oder Protonenpumpenhemmern. Aber wussten Sie eigentlich, dass die gute alte Kartoffel hier auch helfen kann ? Sodbrennen kann auf zweierlei Weise entstehen: einmal, dadurch, dass die Klappe zwischen Magen und Speiser\u00f6hre nicht richtig schlie\u00dft und so ein R\u00fcckfluss zustande kommt oder durch die physiologische Variante, die beispielsweise nach einer sehr fetten Mahlzeit entsteht. <\/p>\n\n\n\n<p>Zus\u00e4tzlich leidet man an unangenehmem Aufsto\u00dfen und einem Druckgef\u00fchl hinter dem Brustbein. Bei h\u00e4ufigen Beschwerden k\u00f6nnen sogar Zahnschmelzsch\u00e4den und Reizhusten als Begleitsymptome beobachtet werden. Chemische Medikamente helfen nat\u00fcrlich schon, sind aber eigentlich nichts f\u00fcr eine Langzeittherapie.<\/p>\n\n\n\n<p>Alternative: Kartoffelsaft! Je nach Intensit\u00e4t der Beschwerden begleitend oder auch alleine. Die weit untersch\u00e4tzte Knolle wirkt s\u00e4ureregulierend, bildet durch den hohen Schleimstoffanteil einen Schutzfilm auf den Schleimh\u00e4uten im Magen-Darm-Bereich, hat einen hohen Ballaststoffanteil sowie eine hervorragende Mineralstoffdichte. Alles Eigenschaften, die bei Sodbrennen deutlich zur Milderung der Beschwerden beitragen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>An eine weitere spezielle, sensible Zielgruppe ist hier auch zu denken: die Schwangeren, die ja oft unter Sodbrennen zu leiden haben. Sie w\u00fcnschen sich nat\u00fcrlich eine Alternative zu den gebr\u00e4uchlichen Medikamenten, das ist ja verst\u00e4ndlich. Kartoffelsaft hat weder Neben-noch Wechselwirkungen oder eine Symptomverschlimmerung zur Folge. Das ist doch prima!<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Pilotstudie von 2006 hat einmal die Wirkung untersucht: Nach einw\u00f6chiger Einnahme von 100 ml Kartoffelsaft pro Tag verbesserten sich bei Patienten mit Sodbrennen zu etwa zwei Dritteln die Beschwerden sehr, sehr deutlich. Und das Ganze ohne Nebenwirkungen! Kartoffelsaft m\u00fcssen Sie sich nat\u00fcrlich nicht selber herstellen, den gibt es bereits fertig zu kaufen. Sie essen die feine Knolle lieber gekocht, in welcher Variation auch immer\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss ein Tipp zur Lagerung: es gibt sie ja meist in Folie oder Netzen verpackt, oft in Mengen, die ein kleiner Haushalt gar nicht so schnell aufbrauchen kann. Kartoffeln m\u00f6gen es generell k\u00fchl, feucht und dunkel, aber der K\u00fchlschrank ist definitiv nicht der richtige Ort. Dort ist es zu trocken, die Kartoffeln keimen schnell aus und verlieren so wertvolle Inhaltsstoffe. Besser ist die Speisekammer oder der Keller. Bei mir ist es die Garage, da ist es dunkel und k\u00fchl. Sch\u00f6n nebeneinander legen ist auch wichtig und falls welche faulig oder von Sch\u00e4dlingen befallen sind, sofort aussortieren, denn sonst stecken sie die anderen an.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei mir geht es n\u00e4chstes Jahr weiter, vielleicht noch im gr\u00f6\u00dferen Stil, im Sinne von \u201eDie d\u00fcmmsten Bauern haben die gr\u00f6\u00dften Kartoffeln\u201c. Ich f\u00fchle mich da in keinem Sinne beleidigt, ich glaube, wer diesen Spruch erfunden hat, war nur neidisch auf seinen Nachbarn\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Apothekerin<br>Simone Wagner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie werden sich wahrscheinlich fragen, wie ich auf dieses Thema komme. Ich habe f\u00fcr meine Verh\u00e4ltnisse das erste Mal im gro\u00dfen Stil Kartoffeln angebaut, nicht im Beet, daf\u00fcr gibt es leider keine M\u00f6glichkeit in unserem Garten, sondern in sog. Pflanzs\u00e4cken. Einfach ein paar Saatkartoffeln hinein, mit Erde bedecken und abwarten. 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