{"id":37772,"date":"2024-10-31T01:30:51","date_gmt":"2024-10-31T00:30:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/?p=37772"},"modified":"2024-10-31T01:31:01","modified_gmt":"2024-10-31T00:31:01","slug":"ich-bin-zufrieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2024\/10\/ich-bin-zufrieden\/","title":{"rendered":"\u201eIch bin zufrieden!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Es ist Dienstagnachmittag, ein wolkenverhangener Oktobertag, und ich bin auf dem Weg zum Franziskanerkloster, um mit Bruder Johannes zu sprechen, der seit 25 Jahren im Kloster lebt. Bis vor Kurzem kannte ich noch nicht einmal den Unterschied zwischen Bruder und Pater. Ein Bruder (lat.: frater) ist ein M\u00f6nch, der keine Priesterweihe empfangen hat, wohingegen ein M\u00f6nch, der die Priesterweihe erhalten hat, mit Pater angesprochen wird. \u00a0<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde von Pater Michael herzlich begr\u00fc\u00dft. Nicht so von Bruder Johannes, der uns von der hintersten T\u00fcr des Klosterganges mit folgenden Worten empf\u00e4ngt: \u201eK\u00f6nnen wir jetzt endlich beginnen, damit wir fertig werden?\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Wir betreten einen Besprechungsraum und Bruder Johannes fragt, mit ernster Miene, noch w\u00e4hrend wir Platz nehmen: \u201eDarf ich Dialekt sprechen oder m\u00fcssen wir hochdeutsch reden?\u201c Ich atme tief durch, grinse ihn breit an und sage: \u201eJa bitte, bitte Dialekt, dann muss ich mich nicht so anstrengen und kann reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist\u201c. Das entlockt dem mir inzwischen gegen\u00fcbersitzenden M\u00f6nch nun doch ein L\u00e4cheln und das Eis ist gebrochen. Was folgt ist ein interessantes Gespr\u00e4ch. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst stellt er in seiner bescheidenen Art klar: \u201eDas 25-j\u00e4hrige Ortsjubil\u00e4um ist nicht mein Verdienst\u201c. Damit hat er indirekt auch Recht. Die M\u00f6nche des Franziskanerordens sind generell nicht \u00fcber lange Jahre an einen Ort gebunden, sondern werden immer dorthin \u201eversetzt\u201c, wo sie eben gebraucht werden.\u00a0 <\/p>\n\n\n\n<p>Bruder Johannes ist in Neumarkt in der Oberpfalz geboren, verbrachte dort auch seine Kindertage und die Schulzeit. Nach seiner Ausbildung zum B\u00e4cker hat er sein Noviziat (die Zeit seiner geistigen Ausbildung) in Bad T\u00f6lz verbracht und war, bevor er nach F\u00fcssen kam, f\u00fcr sieben Jahre im fr\u00e4nkischen G\u00f6\u00dfweinstein. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf meine Frage, warum er sich f\u00fcr den Franziskaner-Orden entschieden hat, obwohl sich nur 30 Kilometer von seinem Heimatort ein Benediktinerkloster befindet, antwortet er mit einem Blitzen in den Augen: \u201eWeil ich nicht singen kann. Die Benediktiner singen fast das ganze Chorgebet. Das hat nicht funktioniert und deswegen habe ich nach etwas anderem Ausschau gehalten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 37 Jahren ist der gelernte B\u00e4cker daf\u00fcr zust\u00e4ndig, sich und seine Mitbr\u00fcder zu versorgen. Als er vor 25 Jahren nach F\u00fcssen kam, waren dort, wie heute auch, f\u00fcnf M\u00f6nche zu Hause. 2005 sind dann, durch Schlie\u00dfungen anderer Kl\u00f6ster, einige M\u00f6nche dazugekommen und F\u00fcssen wurde zu einer Ruhestandsgemeinschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Bruder Johannes steht \u201et\u00e4glich um vier Uhr sechzig\u201c, wie er mit einem schelmischen Grinsen erkl\u00e4rt, auf. Nachdem er das Fr\u00fchst\u00fcck zubereitet und im Refektorium (dem Speisesaal des Klosters) aufgetischt hat, treffen sich um halb sieben die M\u00f6nche, um das erste Gebet des Tages, die Laudes, zu beten. Mittags wird gekocht. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gibt es nur \u201eab und zu\u201c etwas Warmes. W\u00fcnsche bez\u00fcglich der Speisen gibt es nicht, au\u00dfer am Namenstag, der in der katholischen Kirche durchaus gefeiert wird. \u201eWir bekommen oft Lebensmittel geschenkt oder ich muss das verarbeiten, was im Garten gerade reif ist\u201c. Wenn sich einer der Br\u00fcder beim Essen versp\u00e4tet oder beim Arzt ist, \u201ebassd ma des scho nimma\u201c, sagt er in seinem Oberpf\u00e4lzer Dialekt, weil dann das Essen viel zu lang auf dem Ofen steht oder kalt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Montag, Mittwoch und Freitag sind im Kloster die fleischlosen Tage. Bruder Johannes kauft alle Lebensmittel selbst ein. Durch die zentrale Lage des Klosters kann er viele Besorgungen zu Fu\u00df erledigen, f\u00fcr alles andere nimmt er das Auto.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es manchmal auch in einer geistlichen Gemeinschaft zu Diskrepanzen kommen kann, ist nicht ungew\u00f6hnlich. In so einem gro\u00dfen Haus wie dem Kloster kann man sich aus dem Wege gehen oder wie es Bruder Johannes nennt: Ausweichen. \u201eUnd wenn es dauernd kracht, dann muss man sich versetzen lassen, aber so etwas kommt nur sehr selten vor. Ich habe es noch nie erlebt\u201c, erz\u00e4hlt der Ordensmann, der das Kochen als&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>spannend, kreativ und auch meditativ betrachtet. \u201eDas funktioniert aber nur, wenn man in Ruhe seiner Arbeit nachgehen kann und ungest\u00f6rt ist, andernfalls \u201ekrieagst an Vogel\u201c, sagt er. \u201eUnter dem Kochen bete ich oft den Rosenkranz, das habe ich von den alten Br\u00fcdern gelernt.\u201c Bruder Johannes hat kein Handy und daf\u00fcr hat er sich bewusst entschieden. Ihm reicht das Festnetztelefon im Kloster. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eViele Menschen machen sich selbst einen Stress, weil sie immer nach mehr streben und immer erreichbar sein wollen\u201c, erz\u00e4hlt er. Ein Leben in Wohlstand oder irgendein materielles Gut ben\u00f6tigt Bruder Johannes nicht. \u201eWenn ich etwas brauche, dann bekomme ich es. Ich bin mit dem, was ich habe, zufrieden.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Freizeit f\u00e4hrt er gerne Rad oder geht schwimmen. Allerdings beschr\u00e4nkt sich seine freie Zeit auf den Urlaub. Ansonsten hat er eine Sieben-Tage-Woche. Und wenn er mal krank wird? \u201eIch war noch nie krank. Und das ist ein riesiges Geschenk\u201c. Sein Vater war mit 50 Jahren schon arbeitsunf\u00e4hig und daher wei\u00df er dieses Geschenk Gottes umso mehr zu sch\u00e4tzen, genauso wie die Menschen, denen er t\u00e4glich begegnet. Er bezeichnet sie als eine Bereicherung in seinem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann machen wir uns auf den Weg, um den perfekten Platz f\u00fcr ein Foto zu suchen. Bruder Johannes steht nicht gerne im Mittelpunkt und ist deswegen nicht allzu begeistert, ein Foto machen zu m\u00fcssen. Dennoch geht er durch das Kloster mit und wir suchen die besten Pl\u00e4tze f\u00fcr das perfekte Foto. Am Schluss l\u00e4sst er sogar noch ein F\u00fcnkchen Eitelkeit zu, indem er beim Betrachten der Fotos den Kommentar \u201eDa schau ich schlank aus. Macht das der Hintergrund?\u201c \u00e4u\u00dfert. Und als ich vermute, dass es am Habit, dem Ordenskleid der Franziskaner, liegt, erg\u00e4nzt er: \u201eSchwarz macht schlank.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Lieblingsplatz im Kloster ist die Kapelle im Dachgeschoss. Es ist ein\u00a0 wunderbarer Raum. Bruder Johannes erz\u00e4hlt, dass er sich immer auf die Gebetszeiten freut und beschreibt, dass ihm die durch die Gebete getaktete Tagesstruktur Sicherheit gibt und dem Tag einen ganz anderen Wert. \u201eOhne diese feste Struktur werde ich nerv\u00f6s\u201c, so Bruder Johannes. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss fahren wir &#8211; ganz modern &#8211; mit dem Lift wieder nach unten. Der Aufzug ist neben der zentralen Lage des Klosters ein Grund daf\u00fcr, warum das F\u00fcssener Franziskanerkloster als Altersruhesitz f\u00fcr die M\u00f6nche dient. Zum Abschied bekomme ich dann noch ein selbstgemachtes Apfelgelee aus \u00c4pfeln des Klostergartens geschenkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Verabschieden an der T\u00fcre treffen wir wieder Pater Michael, der mich fragt, ob ich den Bruder Johannes nun endlich bekehrt habe. Bruder Johannes kl\u00e4rt mich sofort auf: \u201eDer is imma a bissl neugierig.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich dann auch noch erfahre, dass Pater Michael n\u00e4chstes Jahr 80 Jahre wird, frage ich, wie die beiden das machen, so jung auszusehen? \u201eDer K\u00fcchendampf strafft die Haut,\u201c sagt Bruder Johannes und l\u00e4chelt mich an. Was f\u00fcr ein erfrischender Humor!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Text \u00b7 Foto: Tanja Kunz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Dienstagnachmittag, ein wolkenverhangener Oktobertag, und ich bin auf dem Weg zum Franziskanerkloster, um mit Bruder Johannes zu sprechen, der seit 25 Jahren im Kloster lebt. Bis vor Kurzem kannte ich noch nicht einmal den Unterschied zwischen Bruder und Pater. 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