{"id":29447,"date":"2022-09-30T21:18:46","date_gmt":"2022-09-30T19:18:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/?p=29447"},"modified":"2022-09-30T21:57:16","modified_gmt":"2022-09-30T19:57:16","slug":"unsichtbare-koenig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2022\/09\/unsichtbare-koenig\/","title":{"rendered":"Der unsichtbare K\u00f6nig"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Thron eines K\u00f6nigreichs ist niemals unbesetzt. Just im Todesmoment eines Monarchen, besteigt dessen legitimer Nachfolger den Thron. Nach dem Tod Ludwigs II. von Bayern erhielt sein drei Jahre j\u00fcngerer Bruder Otto den Titel \u201eK\u00f6nig\u201c. Von diesem Augenblick bis zu seinem Tod im Jahr 1916 \u2013 drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter &#8211; stand er als K\u00f6nig Otto I. von Bayern an der Spitze des Staates.<\/p>\n\n\n\n<p>Otto litt unter einer \u201eparanoid-halluzinatorischen Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis\u201c wie in einem Gutachten zu lesen ist. Sein Zustand verschlechterte sich so sehr, dass man ihn 1878 unter Vormundschaft stellte. Zwei Kuratoren regelten von nun an sein Leben und seine Gesch\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nig Otto lebte, von der \u00d6ffentlichkeit abgeschirmt, vor den Toren M\u00fcnchens im Schloss F\u00fcrstenried. Jedoch nicht ganz freiwillig. Sein Bruder Ludwig II. hatte ihn 1877 dort unterbringen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ottos Konterfei zierte die bayerischen M\u00fcnzen, sein Portr\u00e4t hing in allen offiziellen Geb\u00e4uden, die Soldaten und Staatsbeamten des K\u00f6nigreichs wurden auf ihn vereidigt. Eigentlich wurde alles wie seit Gr\u00fcndung des K\u00f6nigreichs \u00fcblich durchgef\u00fchrt. Das Procedere folgte einem bestimmten Protokoll, das sich auch bei Ottos Thronbesteigung wiederholte. Mit einer kleinen Ausnahme: Otto regierte keinen einzigen Tag, nahm als K\u00f6nig keinen einzigen \u00f6ffentlichen Auftritt wahr und erf\u00fcllte auch sonst keine einzige k\u00f6nigliche Aufgabe. Sein Volk bekam ihn w\u00e4hrend seiner K\u00f6nigszeit nicht zu Gesicht. K\u00f6nig Otto I. von Bayern war da \u2013 aber auch nicht. Der Grund hierf\u00fcr war kein Geheimnis. Otto war krank &#8211; psychisch krank. Detaillierte Informationen zu seinem Gesundheitszustand wurden damals allerdings nicht ver\u00f6ffentlicht, was sich \u00fcber die Jahre zu einem wahren N\u00e4hrboden f\u00fcr Spekulationen und Geschichten entwickelte, die in den unterschiedlichsten Zeitungen erschienen. K\u00f6nig Otto lebte, von der \u00d6ffentlichkeit abgeschirmt, vor den Toren M\u00fcnchens im Schloss F\u00fcrstenried. Jedoch nicht ganz freiwillig. Sein Bruder Ludwig II. hatte ihn 1877 dort unterbringen lassen und schrieb an Otto: \u201e<em>(\u2026) sehe ich mich veranlasst anzuordnen, dass Eure K\u00f6nigliche Hoheit mit deren Begleitung, den \u00c4rzten und der Hofhaltung, nach Schloss F\u00fcrstenried \u00fcbersiedeln. Ich hege von ganzem Herzen den Wunsch, es m\u00f6ge Eure K\u00f6nigliche Hoheit Befinden recht bald die Wahl eines anderen Aufenthaltes erm\u00f6glichen (\u2026)<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was tats\u00e4chlich hinter den Mauern des Schlosses geschah, wussten damals nur wenige. Der \u201eHohe Kranke\u201c stand unter st\u00e4ndiger Aufsicht von \u00c4rzten und Pflegepersonal und bewohnte ein Appartement des Hauptgeb\u00e4udes. Seine Wohnung bestand aus einem Salon, einem Schlafzimmer, einem Speisezimmer, einem Badezimmer sowie dem \u201eWei\u00dfen Saal\u201c. Die W\u00e4nde der standesgem\u00e4\u00df eingerichteten R\u00e4umlichkeiten zierten Gem\u00e4lde von Hohenschwangau oder Berchtesgaden, die ihn wohl an gl\u00fcckliche Kindertage erinnern sollten. Doch diese k\u00f6nigliche Wohnung unterschied sich ma\u00dfgeblich von anderen Appartements. Die inneren T\u00fcrklinken wurden entfernt und Guckl\u00f6cher in den Zimmert\u00fcren garantierten die st\u00e4ndige \u00dcberwachung und Kontrolle des k\u00f6niglichen Patienten. Otto litt unter einer \u201eparanoid-halluzinatorischen Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis\u201c wie in einem Gutachten zu lesen ist. Sein Zustand verschlechterte sich so sehr, dass man ihn 1878 unter Vormundschaft stellte. Zwei Kuratoren regelten von nun an sein Leben und seine Gesch\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p>Psychomotorische Erregungszust\u00e4nde, Gespr\u00e4che mit halluzinierten Personen und Wahnideen waren Ottos st\u00e4ndige Begleiter. Einer der behandelnden \u00c4rzte vermerkte noch kurz vor Ottos Proklamation zum K\u00f6nig in seinem Bericht: \u201e(<em>\u2026) Die vielen Sinnest\u00e4uschungen, besonders kindlicher Natur, hatten zur Folge, dass der Hohe Kranke oft recht \u00fcbel gelaunt war und dann in Wort und Tat dieser Gereiztheit seinen Ausdruck verlieh. Dies zeigte sich vornehmlich bei den Gelegenheiten, bei welchen Seine K\u00f6nigliche Hoheit die Hilfe der Pfleger notwendig hatte, wie beim An- und Auskleiden. So waren H\u00f6chstdieselben an 9 Tagen der Berichtszeit gegen ihre Umgebung gewaltt\u00e4tig, an einem Tage in so hohem Grade, dass trotz wiederholter Beruhigung Seine K\u00f6nigliche Hoheit nicht angekleidet werden konnte (\u2026)<\/em>\u201c.Wache Momente, in denen er sich und seine Umgebung klar und geistesgegenw\u00e4rtig wahrnahm, wurden mit den Jahren immer seltener. Sein Zustand wandelte sich von Unruhe, Angst und Wahn zu l\u00e4hmender Lethargie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachricht \u00fcber den Tod seines Bruders Ludwig II. erhielt Otto durch die bestellten Kuratoren. \u201e<em>(\u2026) Die Herren meldeten dem Prinzen Otto vor allem das Hinscheiden seines Bruders, des K\u00f6nigs Ludwig, welche Nachricht dieser ruhig aufnahm, ohne hier\u00fcber irgendeine \u00c4u\u00dferung zu tun. Die Kavaliere hatten den Eindruck, dass selbst diese ersch\u00fctternde Botschaft keinerlei Gem\u00fctsregung bei dem Kranken erweckte. (\u2026)<\/em> Erst als die Herren ihn als K\u00f6nig begr\u00fc\u00dften und ihn mit den Worten \u201eEure Majest\u00e4t!\u201c ansprachen, l\u00e4chelte K\u00f6nig Otto und es dr\u00fcckte sich in seinen Z\u00fcgen, die sich pl\u00f6tzlich aufhellten, die Freude \u00fcber diesen neuen Titel aus. Er wiederholte zuerst halblaut und dann mit erhobener Stimme die Worte: \u201e<em>Majest\u00e4t! Majest\u00e4t!<\/em>\u201c und als nach dem Abgehen der Kavaliere der alte Kammerdiener kam, rief ihm K\u00f6nig Otto zu: \u201e<em>Jetzt musst Du mich Majest\u00e4t nennen! (\u2026)<\/em>\u201c . Und so vergingen die Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der K\u00f6nig sein tristes Dasein in F\u00fcrstenried fristete, \u00fcberschlugen sich die politischen Ereignisse in Bayern und in der Welt. Der Sohn und Nachfolger des Prinzregenten Luitpold, Ottos Cousin Ludwig lie\u00df sich 1913 vom Prinzregenten zum K\u00f6nig proklamieren, obwohl K\u00f6nig Otto noch lebte. Eine Tatsache, die Bayern f\u00fcr einige Jahre den Zustand eines doppelten K\u00f6nigtums bescherte. Bereits ein Jahr sp\u00e4ter begann der Erste Weltkrieg. Von alledem bekam K\u00f6nig Otto nichts oder nur sehr wenig mit. Die Zeiten, in denen er ausgedehnte Selbstgespr\u00e4che f\u00fchrte und sich in Rage redete, geh\u00f6rten ebenso bald der Vergangenheit an, wie der ein oder andere Spaziergang, den er im Schlossgarten unternommen hatte. \u201eDie Gem\u00fctsstimmung schwankt seit Jahren nicht mehr zwischen Depression und Exaltation, sondern zwischen gleichg\u00fcltiger Ruhe, stupor\u00f6sen Zust\u00e4nden und rasch vor\u00fcbergehenden heiteren und zornigen Gem\u00fctsaffekten\u201c, ist in einem Gutachten aus den letzten Lebensjahren Ottos zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein k\u00f6rperlicher Zustand, der \u00fcber die vergangenen drei\u00dfig Jahre immer stabil geblieben war, verschlechterte sich rasant im Herbst des Jahres 1916. Am 11. Oktober schwand seine Kraft so schnell, dass der K\u00f6nig die letzte \u00d6lung erhielt. Den n\u00e4chsten Morgen erlebte er nicht mehr. Am selben Abend um 20.50 Uhr verstarb K\u00f6nig Otto I. von Bayern. \u201eSanft und kaum merklich\u201c war er \u201ehin\u00fcbergeschlummert\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Text: Vanessa Richter<br>Foto: Wikipedia<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Thron eines K\u00f6nigreichs ist niemals unbesetzt. Just im Todesmoment eines Monarchen, besteigt dessen legitimer Nachfolger den Thron. Nach dem Tod Ludwigs II. von Bayern erhielt sein drei Jahre j\u00fcngerer Bruder Otto den Titel \u201eK\u00f6nig\u201c. Von diesem Augenblick bis zu seinem Tod im Jahr 1916 \u2013 drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter &#8211; stand er als K\u00f6nig Otto &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":513,"featured_media":29345,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"webmentions_disabled_pings":false,"webmentions_disabled":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[2067,94],"tags":[2408],"class_list":["post-29447","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","category-leben","tag-instagram"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/FA_10_22_Otto.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-22 14:44:43","action":"delete","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/513"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29447"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29447\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29345"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}