{"id":22968,"date":"2020-08-28T08:06:17","date_gmt":"2020-08-28T06:06:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/?p=22968"},"modified":"2020-08-28T11:42:35","modified_gmt":"2020-08-28T09:42:35","slug":"mexico-lebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2020\/08\/mexico-lebt\/","title":{"rendered":"In Mexico lebt man im Jetzt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>F\u00fcr manche mag Mexico kein Land sein, wo man leben m\u00f6chte. Nicht, weil es dort nicht landschaftlich sch\u00f6n ist. Es ist die hohe Rate an Verbrechen, die abschrecken kann. Nicht so Simone Ehrentreich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Mexiko sind nach vorl\u00e4ufigen Zahlen im vergangenen Jahr 35.588 Menschen Opfer von Morden geworden. Das teilte das Amt f\u00fcr \u00f6ffentliche Sicherheit im Januar dieses Jahres in seiner Kriminalit\u00e4tsstatistik f\u00fcr 2019 mit. Darunter sind 1006 Frauen, die Opfer von sogenannten Femiziden &#8211; also wegen ihres Geschlechts umgebracht wurden. 56 Prozent des mexikanischen Staatsgebietes gelten offiziell als gef\u00e4hrlich f\u00fcr Frauen. Wie schlimm sich diese Zahlen auch anh\u00f6ren, Mexico ist ein interessantes Land und nicht \u00fcberall ist es so gef\u00e4hrlich, wie es manche vermuten. \u201eMan wei\u00df, wo man hingehen kann und wo es besser ist, einen Bogen zu machen\u201c, sagt auch Simone Ehrentreich. Sie lebt seit 6,5 Jahren in Mexico City.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sie das erste Mal nach Mexico kam, war das 2009. In Puebla, einer 1,6 Millionen gro\u00dfen Stadt, machte sie ihr Auslandssemester und lernte dort die Kultur und die Menschen n\u00e4her kennen. In Augsburg studierte sie Romanistik mit den F\u00e4chern Franz\u00f6sische- und Spanische Literaturwissenschaften und europ\u00e4ischer Ethnologie. Es war klar, wenn sie mit dem Studium fertig ist, dass sie dann wieder nach Mexico gehen wird. Dabei war anfangs Mexico gar nicht ihr Ziel. Vielmehr Ecuador oder irgendein anderes Lateinamerikanisches Land. \u201eDass ich mich dennoch f\u00fcr ein Auslandssemester in Mexico entschloss, habe ich einer Liebesgeschichte zu verdanken. Ich habe in Frankreich einen Typen kennen gelernt, der aus Kalifornien war. Und ich dachte mir, ok, Mexico ist nicht so weit weg, dann kann ich ihn ja mal besuchen. Mit der Beziehung war es dann schon aus, bevor ich \u00fcberhaupt mein Auslandssemester begann\u201c, lacht sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute arbeitet sie als Reiseleiterin und f\u00fchrt die Gruppen durch das ganze Land. Ein Semester lang studierte sie die Geschichte des Landes, bevor sie die Erlaubnis bekam, Reisef\u00fchrungen zu machen. Die Frage, ob ihr die Arbeit Spa\u00df macht, erkl\u00e4rt sie so:\u201cEs kann anstrengend sein, weil man sich immer auf neue Leute einlassen muss. Aber ich habe gelernt, wieweit ich mich da einlassen will. Nat\u00fcrlich, wenn jemand dabei ist, wo man sich gut versteht, dann kann auch ein engerer Kontakt daraus werden. Ich glaube ich sehne mich, vielmehr als fr\u00fcher, nach freundschaftlichen Beziehungen, die enger sind. Ich bin m\u00fcde geworden, neue Menschen kennenzulernen. Es sind ja oft die gleichen Fragen und jeder, der so einen Job macht, wei\u00df, dass es manchmal nerven kann.\u201c Simone Ehrentreich ist ein besonderer Mensch, nachdenklich, beobachtend und ehrlich. Die Mexikaner haben es ihr angetan. \u201eEs sind besondere Menschen, sehr herzlich und hilfsbereit\u201c. Dass es in manchen Gegenden in Mexico City gef\u00e4hrlich sein kann, wei\u00df sie. \u201eEs gibt Wohnviertel, die man meiden sollte. Und mit der Zeit lernt man auch, wie man sich bewegen und anziehen soll. Ein Mini-Rock ist eine Einladung. Andererseits wei\u00df man auch, wo und wann man einen Mini anziehen kann. Dieses Gef\u00fchl kommt irgendwann und es geht in Fleisch und Blut \u00fcber. Wenn ich unterwegs bin, habe ich meine Wege und Orte. Das hei\u00dft, da bin ich sicher, weil es Leute sind, die mich kennen und die ich kenne\u201c, erz\u00e4hlt sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Integration ist f\u00fcr die 34-J\u00e4hrige keine Frage mehr. Sie geh\u00f6rt dazu, spricht flie\u00dfend Spanisch, kennt die Gepflogenheiten des Landes und ist in einer Underground-Szene unterwegs. So wie in Deutschland, gibt es auch in Mexico City eine Gothic-Szene mit guten Clubs. Erst vor kurzem hat sie sich mit einem guten Freund und ehemaligem Nachbar mit \u201eFahrradstadtf\u00fchrungen selbstst\u00e4ndig gemacht. Ob sie f\u00fcr immer in Mexico bleiben wird, kann sie nicht konkret beantworten. \u201eSagen wir es mal so: Ich kann mir vorstellen, dort h\u00e4ngenzubleiben. Nicht das ich mich bewusst daf\u00fcr entscheide. Aber solange es mir gut gehe, ist alles in Ordnung. Ich glaube ich w\u00fcrde Mexico sehr vermissen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidungen zu treffen f\u00e4llt ihr schwer. \u201eIch mache mir viele Gedanken, was richtig w\u00e4re oder ist. Im Nachhinein denke ich, ich suche mir den einfachsten Weg, weil ich nicht wei\u00df, wie ich auf den gr\u00fcnen Zweig kommen soll\u201c. Diese unbewusste Intuition, man kann auch Bauchgef\u00fchl dazu sagen, l\u00e4sst sie das Richtige tun. Sei es ihre Arbeit, oder der Eintritt in einen mexikanischen Chor. \u201eAls ich 13 oder 14 Jahre alt war, habe ich den Otto im Festspielhaus eineinhalb Jahre lang gesungen. Sp\u00e4ter war ich im Motettenchor in F\u00fcssen, den Albert Frey leitete. Insofern habe ich Erfahrung und singen macht mir Spa\u00df. Hier habe ich auch andere Leute kennen gelernt. Das bereichert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Eintritt in den Chor bekam sie auch einen zus\u00e4tzlichen Job. Sie ist die Assistentin des Chorleiters. Ohne ein gesichertes Einkommen ist es schwierig, in Mexico zu leben um nicht zu sagen unm\u00f6glich. Die Mieten f\u00fcr die Wohnungen sind extrem hoch. \u201eNat\u00fcrlich gibt es auch Wohngegenden, wo es g\u00fcnstiger ist, aber da will wirklich keiner wohnen\u201c, sagt sie. In ihrer WG, die sie mit einer Mexikanerin und einer Japanerin teilt, f\u00fchlt sie sich wohl. \u00dcberhaupt ist das Leben in Mexico ganz anders als in Deutschland. \u201eIn Mexico lebt man f\u00fcr das Jetzt. Das Morgen oder \u00dcbermorgen ist dann morgen dran\u201c, erkl\u00e4rt sie. So ist es Usus, dass man sich nach einer Feier auf der Plaza Garibaldi trifft und den Mariachis zuh\u00f6rt. Zu sp\u00e4terer Stunde singt man mit. Auch Simone Ehrentreich. Sie kennt die Volkslieder und ihre Bedeutung und irgendwo taucht immer ein Wort auf: Corazon. \u201eHerzschmerz\u201c oder Sehnsucht nach F\u00fcssen hat sie nicht. Daf\u00fcr kommt sie regelm\u00e4\u00dfig nach Hause und bleibt f\u00fcr ein paar Wochen da, arbeitet als Schlossf\u00fchrerin im Schloss Hohenschwangau und trifft sich mit Freunden und freut sich auf das Brot. \u201eSo ein saftiges Vollkornbrot gibt es in Mexico nicht.\u201c<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:12px\">Text \u00b7 Foto: Sabina Riegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr manche mag Mexico kein Land sein, wo man leben m\u00f6chte. Nicht, weil es dort nicht landschaftlich sch\u00f6n ist. Es ist die hohe Rate an Verbrechen, die abschrecken kann. Nicht so Simone Ehrentreich. In Mexiko sind nach vorl\u00e4ufigen Zahlen im vergangenen Jahr 35.588 Menschen Opfer von Morden geworden. 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