{"id":14757,"date":"2017-08-31T12:35:54","date_gmt":"2017-08-31T10:35:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/?p=14757"},"modified":"2017-08-31T12:35:54","modified_gmt":"2017-08-31T10:35:54","slug":"leben-ist-geschenk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuessenaktuell.de\/index.php\/2017\/08\/leben-ist-geschenk\/","title":{"rendered":"Das Leben ist ein Geschenk"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit 270 Kilogramm Gep\u00e4ck, 1000 Dollar, Baby und Mann kam Martina Moeller nach Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Mann Gonzalo Silva, einem bekannten Gleitschirmpiloten, entschied sie sich Venezuela den R\u00fccken zu kehren. Ihre Wahl fiel auf das Allg\u00e4u und den Tegelberg. Hier konnte sich das junge Paar vorstellen, eine neue\u00a0<\/strong><strong>Existenz aufzubauen. Damals war Martina Moeller 24 Jahre alt und offen f\u00fcr ein neues Leben.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDeutschland ist f\u00fcr mich ein gut funktionierender Sozialstaat. Da wo ich herkomme hat man einen ganz besonderen Bezug zur Arbeit. Man ist froh dass man eine hat, weil der Staat einem nichts geben kann. Da ist keine Absicherung da, nichts\u201c, erz\u00e4hlt die heute 39-j\u00e4hrige Mutter zweier S\u00f6hne. Die Nahrungsmittelknappheit in Venezuela geh\u00f6rt zum Alltag. Hygieneartikel, Babynahrung, Fleisch oder Getreide sind Mangelware und so gut wie gar nicht kaufbar. \u201eDie Menschen dort sind notgedrungener Weise so schlank. Die meisten ern\u00e4hren sich von selbst angebautem Gem\u00fcse. Martina Moeller wollte aus dieser Wirtschaftskrise raus. Keine Kriminalit\u00e4t mehr, keine Angst haben zu m\u00fcssen irgendwann selbst einmal Opfer einer Entf\u00fchrung zu werden. \u201eT\u00e4glich werden etwa 100 Menschen gekidnappt und f\u00fcr sie L\u00f6segeld erpresst. Gibt es kein L\u00f6segeld wird das Opfer erschossen oder wenn es Gl\u00fcck hat irgendwo in der Wildnis ausgesetzt \u2013 nackt ohne Schuhe und Handy\u201c, beschreibt Martina Moeller die Situation. Ihrem Vater ist das passiert. Er hatte gro\u00dfes Gl\u00fcck und kam davon. \u201eMein Vater will nach Deutschland zur\u00fcck, aber er kann unser Haus nicht verkaufen. Denn wer will schon ein Haus in einem Land kaufen, wo es kein Essen gibt?\u201c<\/p>\n<p>Martina Moellers \u00e4ltester Sohn ist die vierte Generation, die in S\u00fcdamerika geboren wurde. Ihr Urgro\u00dfvater wurde als Botschafter nach Ecuador entsandt. \u201eWir sind S\u00fcdamerikaner mit deutschen Wurzeln\u201c, sagt sie strahlend. Ihr Deutsch ist genauso perfekt wie Spanisch. \u201eIch bin Beides, es gibt nicht das Eine ohne das Andere. Ich bin deutsch strukturiert weil ich es so gelernt habe. Es ist toll wenn man das Beste aus beiden Kulturen greifen kann. Das Einzige was ich nicht auf die Reihe bekomme ist das Zusp\u00e4tkommen. Die venezolanische Viertelstunde ist immer irgendwo dabei\u201c, meint sie lachend.<br \/>\nF\u00fcr die 39-j\u00e4hrige ist Deutschland ein gutes Land, obwohl sie auch denkt dass die meisten Deutschen \u201everschachtelt\u201c denken und sich oft \u00fcber unwichtige Dinge \u00e4rgern. \u201eIn Venezuela hat man einen ganz besonderen Bezug zur Arbeit und zum Leben. Man nimmt es mit einer gewissen Leichtigkeit an und ist dankbar einen Job zu haben. \u00dcberhaupt ist das Leben bunter und die Menschen dankbarer.\u201c In Venezuela hat Martina Moeller Zahnmedizin studiert und erfolgreich abgeschlossen. In Deutschland war sie erst einmal ein Niemand. Denn die Abschl\u00fcsse galten nicht. Ihre Idee als Zahnarzthelferin zu arbeiten musste sie auf Eis legen. \u201eIch wusste, dass es nicht so einfach sein wird, aber so habe ich es mir doch nicht vorgestellt\u201c, lacht sie wieder. Dass jemand so viel Freude am Leben hat, ist faszinierend. Manch einer h\u00e4tte hier verzagt. Sie nicht. Sie hat sich durchgebissen, Jobs angenommen die nicht unbedingt jeder wollte, nebenbei die Ausbildung als Zahnarzthelferin gemacht und danach in dem Beruf zwei Jahre gearbeitet, bis sie endlich die Zulassung bekam, Zahnmedizin zu studieren. Lediglich vier von zehn Semestern bekam sie anerkannt. Finanziell war das ein Fiasko. \u201eWir hatten nie viel Geld und haben permanent nur geschuftet. Ich hatte gef\u00fchlte 5000 Kredite, sonst h\u00e4tte ich das Studium nicht machen k\u00f6nnen. Ab dem Freitagnachmittag war dann die Welt wieder in Ordnung. Da waren wir am Tegelberg, sind Ski gefahren und haben mit den Kindern viel unternommen. Unser Sohn Marco ist am Tegelberg quasi aufgewachsen. Es ist unser zweites Zuhause gewesen\u201c, erz\u00e4hlt sie gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>15 Jahre sind seit der Ankunft in Deutschland vergangen. Kein einziges Mal war sie seitdem in Venezuela auf Besuch. Ihre Br\u00fcder leben in M\u00fcnchen und ihre Mutter ist auch in der N\u00e4he. Martina Moellers Leben verl\u00e4uft in geregelten Bahnen. Irgendwie typisch deutsch und doch anders. Sie hat es geschafft, ihre eigene Zahnarztpraxis mit sechs Mitarbeitern in Halblech l\u00e4uft gut. Als G\u00f6ttin in wei\u00df sieht sie sich nicht. \u201eDas ist unwichtig. Es macht mich nicht besser oder schlechter. Ich lege keinen Wert darauf. Ich finde es wichtiger zu leben. Leben ist ein Geschenk und wenn man es teilen kann, dann kommt es wieder zur\u00fcck\u201c. Ohne ihren Mann h\u00e4tte sie die Praxis nie genommen. \u201eEr war mein Motor. Auf ihn konnte ich mich verlassen. Er hatte eine kreative Art und konnte sich vorstellen, wie etwas aussehen k\u00f6nnte\u201c. Gonzalo Silva ist mit 44 Jahren an Krebs gestorben. Nichtdestotrotz lebt sie den Kindern das Leben vor, auch wenn es ihr, wie sie sagt, oft schwerf\u00e4llt. Angst vor der Zukunft hat sie manchmal. \u201eEs ist wichtig eine Portion Angst zu haben um nicht in eine Selbstgef\u00e4lligkeit zu verfallen. Selbst\u00e4ndig und angestellt zu sein ist noch einmal eine andere Hausnummer. Die innere Uhr l\u00e4uft ein bisschen anders, die Gedanken sind andere. Dann bin ich froh, dass ich so tolle Mitarbeiter habe, die dann sagen mach mal eine Woche Urlaub. Und hey, es l\u00e4uft alles gut\u201c. Ihr s\u00fcdamerikanisches Temperament hat sie beibehalten. So wie ihre Eltern darauf achteten, dass alle Kinder zuhause deutsch sprachen, spricht sie mit ihren Kindern zuhause nur spanisch. \u201eDas muss sein. Sie sind Deutsche mit venezolanischen Migrationshintergrund.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit 270 Kilogramm Gep\u00e4ck, 1000 Dollar, Baby und Mann kam Martina Moeller nach Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Mann Gonzalo Silva, einem bekannten Gleitschirmpiloten, entschied sie sich Venezuela den R\u00fccken zu kehren. 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