Kultur

Schwabenkinder: Simone Kammerlander spielt die starke Agnes

Kinderarbeit im Schwabenland, bittere Armut im Lechtal – „Die Schwabenkinder“ erzählt ein dunkles Kapitel Tiroler Geschichte. Nach sieben Jahren kehrt das Stück auf die Geierwally Bühne zurück. Simone Kammerlander übernimmt erneut die Hauptrolle – mit ganz anderen Augen als vor 25 Jahren.

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Das Lechtal war bis in die 50er-Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eines der ärmsten Gebiete des Landes Tirol. Der Ertrag der kargen Landwirtschaft reichte für viele kinderreiche Familien nicht aus, um zu überleben. So blieb den Männern, besonders aber vielen Kindern, keine andere Wahl, als das Tal zu verlassen und im „Schwabenland“ unter oft widrigen Bedingungen zu arbeiten, um mit dem geringen Verdienst den Rest der Familie zu ernähren.

Vor 30 Jahren uraufgeführt, 2017 zum letzten Mal gezeigt, kehrt das Stück heuer zum fünften Mal auf die Bühne zurück. Es erzählt die Geschichte einer Lechtaler Familie, die für viele notleidende Familien in ganz Tirol um 1900 steht. Das Lechtal, das seine Bewohner nicht ernähren kann, zwingt die verzweifelten Eltern dazu, ihre Kinder Jahr für Jahr zur Kinderarbeit in die Fremde zu schicken. Die Geschichte erzählt den Gewissenskonflikt einer Mutter (Agnes), welche ein Adoptionsansuchen für ihr Kind aus dem Schwabenland erhält. Sie muss sich entscheiden, ihr Kind entweder freizugeben und ihm damit Wohlstand und eine gute Schulbildung zukommen zu lassen, oder es zurück in die Armut zu holen.

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Eine Rolle, zwei Leben

Wenn Simone Kammerlander über die Geierwally Freilichtbühne spricht, schwingt Enthusiasmus in ihrer Stimme. Seit 1999 steht die Bankkauffrau leidenschaftlich auf dieser traditionsreichen Bühne. In diesem Jahr erwartet sie eine ganz besondere Herausforderung: Sie übernimmt erneut die Hauptrolle der Agnes in „Die Schwabenkinder“ – ein Stück, das sie bereits vor 25 Jahren gespielt hat.

Doch diesmal ist alles anders. „Beim ersten Mal war die Agnes zerbrechlicher“, erinnert sich Simone Kammerlander. Damals, unter der Regie von Claudia Lang, musste sie sich das Leid einer Mutter, die ihre Kinder wegschicken muss, mühsam erschließen. Sie hatte damals selbst noch keine Kinder und kannte dieses Gefühl nicht. Heute ist sie Mutter zweier Teenager im Alter von 15 und 17 Jahren. Und genau das macht den entscheidenden Unterschied: „Wenn ich jetzt eine Sekunde daran denke, dass ich meine Kinder schicken müsste – dann wäre das eine totale Katastrophe.“

Besonders spannend findet die Lechtalerin die neue Interpretation ihres Regisseurs. „Als ich das Stück das erste Mal gelesen habe, dachte ich: die arme Frau, wie verzweifelt sie ist“, erzählt sie. Doch Regisseur Roland Silbernagl sieht Agnes ganz anders – als starke Frau, die all das aushält, weil sie selbst als Kind im Schwabenland war und genau weiß, was ihrer Tochter Rosa droht.

Die Rolle ist hochdramatisch: Im ersten Akt lebt Agnes‘ Mann noch, er trifft die Entscheidung, die Kinder ins Schwabenland zu schicken. Im zweiten Akt ist er tot, und Agnes muss allein mit dieser Zerrissenheit leben. Der Pfarrer und die Schwägerin reden auf sie ein, aber Agnes weiß: Niemand kann besser für die Kinder sorgen als die Mutter – auch wenn das Armut bedeutet.

Agnes‘ eigene Geschichte macht die Rolle noch komplexer: Sie selbst war als Kind im Schwabenland, wurde von einem Bauern vergewaltigt und kam schwanger zurück. Ihr späterer Mann nahm sie trotz des ledigen Kindes – zu einer Zeit völlig unüblich und vom ganzen Dorf verachtet. Und nun soll ihre eigene Tochter Rosa dasselbe Schicksal erleiden. Der jüngste Sohn Wolfele ist zudem viel zu schwach für diese Tortur. „Die Agnes hätte die Kinder nicht geschickt“, ist Simone überzeugt.

Theater als Familienhobby

Bis letztes Jahr war die Bühne ein intensives Familienhobby. Beide Kinder spielten mit – Tochter Frida seit 2017, Sohn Paul seit 2019. „Die sind damit aufgewachsen und sind sehr begeistert vom Theaterspielen“, schwärmt die stolze Mutter. Da sie in einer Internatsschule sind, können sie dieses Jahr nicht mitspielen. Sohn Paul wird heuer in der Technik mitarbeiten, und Tochter Frida wird sicher an einem der Wochenenden als Zuschauerin dabei sein, hofft Simone Kammerlander.

Auch Ehemann Christoph ist Teil der Theaterfamilie. Er komponiert seit Jahren die Bühnenmusik für die Geierwally Freilichtbühne. „Im Moment sitzt er mit der Gitarre im Büro und lässt sich in die Gefühle versinken“, erzählt sie lächelnd.

35 Proben und fürchterliches Lampenfieber

Etwa 35 bis 40 Proben umfasst die Vorbereitung auf „Die Schwabenkinder“. Es sind Probenblöcke von fünf bis sechs Szenen hintereinander. Nach den Proben schwingen die Emotionen noch nach. „Es hilft mir danach, mit meinem Mann zu reden. Ich kann die Agnes ablegen und wieder zu Simone zurückfinden“, beschreibt sie ihre Empfindungen.

Trotz jahrzehntelanger Bühnenerfahrung bleibt das Lampenfieber: „Am Tag vor der Generalprobe geht‘s schon los, bei der Premiere ist es wild. Aber man ist dann umso konzentrierter, und das Gefühl danach, wenn es funktioniert hat, ist umso schöner.“ Das Klima unter den Darstellern beschreibt Simone als „total gut“. Über die Jahre ist ein eingespieltes Team gewachsen. „Man kann sich aufeinander verlassen, auf und hinter der Bühne. Es gibt keinen Neid, jeder gönnt jedem alles – es ist herrlich.“

Besonders beeindruckt zeigt sie sich von der Arbeit mit den Kindern. Da die Schwabenkinder-Rollen doppelt besetzt sind – elf Rollen, 22 Kinder – ist die Herausforderung groß. „Obwohl so viele Kinder dabei sind, funktioniert es hervorragend. Regisseur Roland Silbernagl und unsere Regieassistentin haben das sehr gut im Griff.“ Freunde und Familie freuen sich jetzt schon auf das Stück – besonders jene, die Simone schon länger kennen. Sie sind gespannt auf die Veränderungen gegenüber der Inszenierung von vor 25 Jahren: neue Musik, neue Bühne, neue Interpretation der Figuren.

Mehr als ein Hobby

Für Simone ist die Geierwally Freilichtbühne weit mehr als ein Hobby: „Es ist jeden Tag ein Genuss, eine Auszeit vom Alltag.“ Das Theaterspielen hat sie geprägt. Wenn sie von der Ehre spricht, die Hauptrolle spielen zu dürfen, wenn sie beschreibt, wie sie erst dann wirklich daran glaubt, wenn sie ihren Namen neben der Agnes im Textbuch sieht – dann wird deutlich: Hier brennt ein Herz für die Bühne.

TERMINE

PREMIERE SA, 4. JULI 2026
JULI FR., 10. | SA., 11. | FR., 17. | SA., 18. | FR., 24. | SA., 25. | FR., 31.
AUGUST SA., 1. | SO., 2. | FR., 7. | SA., 8. | SO., 9. | FR., 14. | SA., 15. | FR., 21. | SA., 22.

Kartenverkauf:
Lechtal Tourismus, Dorf 46, 6652 Elbigenalp
+43 5634 5315 12
geierwally@lechtal.at
geierwally.at/onlinekartenkauf

Text · Foto: rie

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