Menschen

Der Berg-Baschdi

Seine Freunde, Familie und sein Team – wobei das eine das andere nicht ausschließen muss – nennen ihn Bergbaschdi. Ein Mann wie ein Bär steht mitten im Schneegestöber am Parkplatz Adlerhorst. Bei gut minus drei Grad in kurzen Lederhosen und einer dünnen blauen Fleecejacke. Er packt seine Trachtenweste aus dem Auto in ein Schneemobil und bittet darum einzusteigen. Die Rede ist vom neuen Wirt der Rohrkopfhütte, von Sebastian Remmler.

Das PS-Monster schraubt sich mit rund 20 km/h den Berg hoch, arbeitet sich durch die einzigartige Alpenlandschaft ihrem Ziel entgegen: Der Rohrkopfhütte. Dort angekommen, bleibt Remmler nur eines zu sagen: „Willkommen im Winterwonderland!“ Das Besondere hier sei nicht zuletzt die Aussicht. Seit dem 3. Dezember 2023 kann sich der leidenschaftliche Bergsteiger und Koch mit Leib und Seele hier verwirklichen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Remmler ist der Geschäftsführer der Rohrkopfhütte. Er darf sich nun als Hüttenwirt bezeichnen. Familie Thurm ist nach wie vor Pächter der Traumimmobilie auf 1320 Metern Höhe.

Mit unglaublich viel Liebe zum Detail und einer durchaus authentischen Gestaltung ganz im Sinne einer urigen Alm ist es den Thurms gelungen, die Rohrkopfhütte von Grund auf zu sanieren, ohne dass diese an Charme einbüßen musste. Im Gegenteil, lassen die Holzverkleidungen und Dekorationselemente die alten Schwarz-Weiß-Fotografien und Kuhfelle an den Sitzmöbeln in das Allgäuer Leben wie vor 100 Jahren eintauchen. Der ideale Ort für Sebastian Remmler, um sich zu verwirklichen.

Für den Bergbaschdi ist die Rohrkopfhütte nicht nur ein Arbeitsplatz, sie spiegelt seine Lebenseinstellung wider. „Wir kochen alles selber!“ Die Karte trage seine Handschrift. „Als Gastronom versuche ich den Gästen, den Einheimischen, aber vor allem auch den Touristen das Allgäu wieder beizubringen.“

Remmler versucht die regionalen Gerichte der bodenständigen Ur-Allgäuer Küche mit etwas ausgefallener Küche zu verbinden. Brotzeiten, Hüttenschmankerl, aber auch Ochsenfetz’n im Roggenlaible, Brezenknödelcarpaccio oder Schwangauer Wildgulasch mit gebratenen Schwammerln stehen auf der Speisekarte. Das „Senners Glück“ wird unheimlich oft bestellt. Eine einfache, alte und regional typische Mahlzeit: Pellkartoffel, Almbutter, Kräuterquark und ein Glas Milch. „Die Leute essen das!“

Der Hüttenwirt möchte seinen Gästen nahebringen, was ihn an seiner Heimat so sehr begeistert. Es soll lässig sein, leger. „Ich möchte den Menschen die Allgäuer Gemütlichkeit wieder zurückbringen. Das Leben ist doch schön miteinander.“ Schön sei es auch, in der Gastronomie zu arbeiten – vorausgesetzt die Parameter stimmen. Mit den Thurms als Chefs stimme für ihn alles, erklärt der Hüttenwirt. Ob er es bereut, nicht mehr selbstständig zu sein? – „Nein“, kommt es da wie aus der Pistole geschossen.

Rund zehn Jahre führte der Gastwirt und Koch den Gasthof Adler in Halblech. Durchaus erfolgreich. Doch der Betrieb verlangte Remmler und seiner Familie alles ab. „Es musste Schluss damit sein, nur fürs Geschäft zu leben.“ Jobangebote habe es danach viele gegeben. „Ich wollte aber nicht mehr kochen.“ Die Familie Thurm kam allerdings mit einem anderen Angebot auf ihn zu. Als Active-Guide konnte der Gipfelstürmer seinem liebsten Hobby frönen und den Touristen die Schönheit der Allgäuer Alpen nahebringen.

Der Schwerpunkt seiner Arbeit hat sich nun darauf verlagert, Gastgeber zu sein und im Service zu helfen. Jeden Sonntag, sommers wie winters, gibt es das Bergfrühstück. Das ganze Jahr über ist donnerstags der Allgäuer Hüttenabend. Statt bis 18 Uhr ist das Haus dann bis 21.30 Uhr geöffnet. Im Sommer fahren Remmler und seine Mitarbeitenden bei passendem Wetter dazu ein Grillbuffet auf. Nur in den Wintermonaten wiederum ist der Montagabend für Fondue reserviert.

„Das ist ein ganz gemütlicher, gediegener Abend“, sagt der Hüttenwirt. Hochzeiten, Firmenfeiern, zum Beispiel an Weihnachten, oder private Feste: „Ich bin immer für Ideen offen. Eigentlich ist alles möglich“, so Remmler. Wenn man sich das leisten kann, ist es auch möglich, die Hütte exklusiv zu mieten. Allerdings müssen es die Gäste zu Fuß zur Hütte schaffen. Entweder 500 Höhenmeter aufwärts oder von der Tegelbergbahn bergab. Genau das zeichne seine Gäste aus. „Sie haben sich bewegt, den Kreislauf in Schwung gebracht und belohnen sich mit einer Einkehr in der Hütte.“

Remmlers Team besteht aus acht Festangestellten. Im Sommer sind es zwölf. „Wir haben 280 Sitzplätze, die permanent voll sind.“ Sollte dennoch mal Not am Mann sein, hilft der Geschäftsführer in allen Bereichen aus. „Ich bin aber der Lückenfüller Nummer eins“, sagt er schmunzelnd. So steht er auch selbst mal an der Spülmaschine und gerne auch in der Außenküche. Ebenfalls eine Besonderheit der Rohrkopfhütte und auf seinen persönlichen Wunsch hin eingebaut. Im Sommer können die Gäste hier zusehen, wie ihr Essen frisch zubereitet wird.

Neben Biertischen und Lounge-Ecken laden bei guter Witterung sogar Liegeflächen zum Verweilen ein. Thementage bestimmen in den Sommermonaten das Angebot. Montags, das sei im Allgäu eben so, ist Kässpatz’n-Tag. Die restlichen Wochentage variieren. Krautkrapfen oder Schupfnudeln, Gröstl und Wildgulasch können dann genossen werden. „Stell dir vor: Du kommst hier an und riechst bereits die Zwiebeln. Dann gehst du ums Eck und da steht einer und macht die Kässpatz’n, ganz frisch. Besser geht es gar nicht.“ Üppig seien die Portionen. Die Rohrkopfhütte sei speziell, etwas Besonderes – aber trotzdem für jedermann. „Was ich jedem Gast mit auf den Weg geben will, das ist das Allgäu.“

Remmler liebt das Allgäu und seinen Job. Weitaus höhere Berge aber, die sind seine Leidenschaft. Kaum einen 4000er in Europa hat er noch nicht bestiegen. 25 bis 30 Stück sind es mittlerweile. Seine Freundin zieht mit. Zwei Extremsportler haben sich gefunden. Claudia Braun ist Trägerin des schwarzen Gürtels in Karate und hat ebenfalls einen wichtigen Posten bei der Familie Thurm: Sie ist Hausdame im Hotel Rübezahl.

Gemeinsam zieht es die beiden für Bergtouren in die ganze Welt. Mexiko, Guatemala und Äthiopien, zählt der Gipfelstürmer auf. Im April, so der Plan, geht es nach Chile. Auch dort locken mehrere 5000er- und sogar 6000er-Gipfel. Wie er das schafft? „Wille. Und durch die gute Allgäuer Küche“, lacht er.

Informationen über die Öffnungszeiten gibt es online unter www.rohrkopfhuette.com

Text: Selma Hegenbarth · Foto: Sabina Riegger

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