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Dursun Düzer: Der erste türkische Gastarbeiter in Füssen

Es war im Dezember 1963, als Dursun Düzer mit einem Dollar und türkischer Lira nach Füssen kam. Er gehörte zu den ersten türkischen Gastarbeitern, die sich in Deutschland eine neue wirtschaftliche Existenz aufbauen wollten. Mit 24 Jahren stand ihm die ganze Welt noch offen.

„Ich wollte aus der Armut weg und deswegen bewarb ich mich für Deutschland“, erinnert er sich. Kurz darauf kam die Einladung aus Füssen. Die damaligen Hanfwerke boten ihm einen Arbeitsplatz an. Eine Chance für den gelernten Textilarbeiter. „Dass ich der erste türkische Gastarbeiter in Füssen sein werde, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht“, erzählt der heute 84-Jährige.

Mittlerweile sind 60 Jahre vergangen und aus dem ersten türkischen Gastarbeiter Füssens sprudeln Erinnerungen heraus, die sein facettenreiches Leben in Füssen widerspiegeln. „Als ich nach Füssen kam, war ich erst einmal überwältigt von dem vielen Schnee. Ich hatte in meinem ganzen Leben zuvor noch nie so viel gesehen“, erzählt Düzer.

Für den damals jungen Mann war Füssen eine völlig fremde Welt. „Es war keiner da, der meine Sprache sprach und ich verstand kein Wort Deutsch. Ich glaube, wenn ich die vielen wunderbaren Menschen nicht getroffen hätte, wäre ich wieder zurück nach Istanbul gegangen.“

Filipa Bader war eine dieser wundervollen Menschen, an die er sich gerne zurückerinnert. „Sie hatte wohl einen Italiener, der auch in der Mühlbachgasse wohnte, gefragt, ob er mich bereits gesehen hätte und wie ich so sei. Der wiederum antwortete: Er hat ganz dunkle Augen und ist schwarz.“ Das führte bei Filipa Bader zu Irritation. Sie erwartete einen dunkelhäutigen Mann. „Wir mussten oft über diese Geschichte lachen. Keiner hatte zuvor einen Türken gesehen. Dass man sich dann alles Mögliche zusammenreimte, war verständlich“, lacht Düzer.

Für den damals 24-Jährigen wurde Filipa Bader zur zweiten Mutter. „Sie hat mir vier Jahre lang jeden Tag Frühstück gemacht. Das werde ich ihr nie vergessen“, erzählt er. Die Kollegen und Kolleginnen brachten ihm auch die deutsche Kultur näher.

„Wenn ich so zurückdenke, hatte ich viel Glück. Damals gab es noch eine Verbundenheit, eine Gemeinschaft. Man hatte gegenseitiges Interesse, die Kultur des anderen kennenzulernen“, beschreibt Düzer die Anfangszeit. Ob Volksfest in Füssen, die Wies‘n in München oder einfach im Schnee spazieren gehen, für Düzer war es eine neue Welt, die er mochte und in der er sich wohlfühlte.

Doch einkaufen erwies sich als besonders schwierig. In den kleinen Läden wurde man bedient. Entweder man sprach deutsch oder half sich anders aus. Dursun Düzer hatte eine Methode entwickelt, die es ihm leichter machte, einkaufen zu gehen. Er schnitt sich aus Zeitschriften Bilder, die Brot, Milch, Eier und andere Lebensmittel darstellten, aus, und nahm sie mit zum Einkaufen.

Das, was er brauchte, legte er der Verkäuferin als Bild auf die Theke. „Das funktionierte gut. Man muss sich nur zu helfen wissen. Ein Wörterbuch gab es zu der Zeit noch nicht. Später bekamen alle Gastarbeiter, die nach Deutschland kamen, ein Wörterbuch geschenkt.“

Olivia Pöschl, die Ziehmutter von den Düzer-Kindern.

Nach drei Jahren flog er zum ersten Mal wieder in die Türkei. „Es war mir unmöglich, vorher in die Türkei zu fliegen. Ich hatte kein Geld. Alles, was ich sparte, schickte ich nach Hause. In Füssen lebte ich mit dem Nötigsten.“ 1967 heiratete Dursun Düzer und brachte seine Frau nach Deutschland mit. Für sie war Deutschland alles andere als schön. „Wir haben uns mit anderen das Bad, das Klo und die Küche geteilt. Überall gab es Staub, den man nicht weg bekam“, erinnert sich Sevim Düzer.

Deutschland hatte sie sich anders vorgestellt, einfacher. Mit den drei Kindern und der Arbeit war es das allerdings nicht. „Das besondere an dieser Situation war, dass wir Nachbarn alle in einem Boot saßen. Also haben wir uns zusammengetan. So waren die Kinder immer betreut und versorgt, wenn wir Eltern Schichtdienst hatten. Das war eine wunderbare Nachbarschaft“, so der Rentner.

Sevim Düzer haderte mit dem Leben in Deutschland. Die Eingewöhnung viel ihr schwer, auch als sie ihre Kinder in die Kinderkrippe gab. „Ich habe mir gedacht, wer kann auf meine Kinder besser aufpassen als ich selbst oder meine Mutter. Da habe ich mich getäuscht. Olivia machte das wunderbar. Ich hatte so viel Vertrauen in sie und sie liebte die Kinder und meine Kinder liebten sie. Das war ein Lichtblick.“

Allmählich wurde es besser, Freundschaften entstanden und so wie viele andere Gastarbeiter dachte auch sie, nur eine gewisse Zeitlang in Deutschland zu bleiben. So lange, bis sie das Geld zusammen hatten, um sich ein Haus und eine Existenz in der Heimat aufzubauen. Aus ein paar Jahren sind Jahrzehnte geworden. Aus einer Heimat wurden plötzlich zwei.

Weitere türkischen Gastarbeiter in Füssen

Als weitere türkische Gastarbeiter zwischen 1970 und 1973 nach Füssen kamen, kannte sich Dursun Düzer schon bestens aus. Er fungierte deshalb oft als Dolmetscher. Seine Dienste nahmen sowohl die Polizei als auch die Arbeitgeber und die Verwaltung gerne in Anspruch.

„Für die Kinder war es manchmal komisch, wenn die Polizei plötzlich vor der Tür stand, um mich abzuholen. Sie verstanden nicht so recht, warum ich da jetzt mitgehe“, lacht er. Ihn kannte jeder und er kannte jeden. Vom Stadtrat bis zum Bürgermeister und die Polizei. Selbst auf der Bank war er kein Unbekannter. So bekam er auch seinen Spitznamen: Baskan – der Vorsitzende. Ein Wort, das nicht jedem zuteil wurde.

Anfang der 70er Jahre gründete er den türkischen Arbeitnehmerverein. 10 Jahre lang war er der Vorsitzende. Er war es auch, der den ersten Döner nach Füssen auf das Stadtfest brachte. „Ich war so aufgeregt, weil ich nicht wusste, ob das Wetter gut sein würde und ob meine deutschen Mitbürger das überhaupt essen wollten.“

Das Ehepaar Düzer lebt in Istanbul und in Füssen.

Sie wollten und das zum Leidwesen vieler türkischer Jungen und Mädchen. Denn sie bekamen nichts davon ab. Man wollte das türkische „Nationalgericht“ erst die Deutschen kosten lassen. Es gab nur einen Spieß. „Die ganze Reichenstraße roch nach Döner, jeder wollte das probieren. Dazu gab es auch „Löwenmilch“, also Raki, zu trinken und die Resonanz war so positiv“, erzählt begeistert der 84-Jährige.

In Füssen hat das Ehepaar noch seinen festen Wohnsitz. „Wir pendeln zwischen Istanbul und Füssen. Wenn ich in Istanbul bin, dann habe ich Sehnsucht nach Füssen und wenn ich in Füssen bin, sehne ich mich nach Istanbul“, beschreibt Dursun Düzer sein jetziges Leben. Auf keine der Städte will er verzichten.

„Jede Stadt hat ihren Charme. Istanbul, die große Stadt in der das Leben pulsiert. Füssen ist ruhig, klein und ich liebe es, im Schwansee im Sommer zu schwimmen. Wenn ich hier durch die Reichenstraße gehe, werde ich von so vielen Menschen gegrüßt. In Istanbul ist das nicht so. Es ist viel anonymer“. Ob er alles wieder so machen würde, wie im Dezember 1963? „Ja. Ich würde wieder nach Füssen kommen, nicht nach Deutschland.“

Text: Sabina Riegger · Fotos; privat, Sabina Riegger (1)

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