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Giftpflanzen – schaurig oder heilsam?

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift, allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Das erkannte sehr wohl bereits der berühmte Mediziner und Naturphilosoph Paracelsus im 16. Jahrhundert. Viele Pflanzen, die in hervorragender Weise eingesetzt werden, sowohl in der Medizin, als auch in der Naturheilkunde, können durchaus tödlich giftig sein, aber nur in der falschen Anwendung oder Dosis.

Daher ist doch eine gewisse Sachkenntnis von Vorteil. Wussten Sie, dass die Giftpflanze des Jahres 2023 die Petersilie ist? Klingt doch mehr als schräg, oder? Aber keine Angst, Sie dürfen ohne Bedenken ihre Gerichte weiterhin mit Petersilienblättern würzen.

Die Petersilie (Petrosilinum crispum) hat mit 30% der Stimmen diese Wahl gewonnen. Aber warum wohl bloß? Ihre Giftwirkung entwickelt die Pflanze aus der Familie der Doldenblütler allerdings erst im 2. Jahr , sobald sie zu blühen beginnt. Bereits die Blüten enthalten das giftige Apiol, das sich dann auch in den Blättern und insbesondere in den Wurzeln und in den Früchten anreichert. Im ersten Jahr und zu Beginn des zweiten Jahres nach der Aussaat, vor der Blüte, ist das Kraut aber anstandslos genießbar und entfaltet seinen charakteristischen Geschmack, den wir alle lieben.

So bin ich eigentlich zu meinem Thema gekommen: im 1. Semester meines Pharmazie-Studiums habe ich mir ein Buch mit dem kuriosen Namen „Hexenfurz und Teufelsdreck“ gekauft. Hat nur bedingt etwas mit Hexen und deren angeblichen Taten zu tun, denn der Untertitel macht es schnell klar: „Alte Heil- und Giftkräuter neu entdeckt“. Und so kommen wir nochmal zur Petersilie, denn ein alter Spruch lautet: „Petersilie hilft den Männern aufs Pferd, den Frauen unter die Erd.“

Damit sind die Wirkungen umschrieben, die der Volksglaube dieser Pflanze zutraute: sie diente den Männern als Potenz- und den Frauen als gefährliches Abtreibungsmittel. Das ätherische Öl mit dem schon oben genannten Apiol ist dafür verantwortlich, aber dafür muss man dann schon „ordentlich“ dosieren…, aber wer will das schon!

Aber nun kommen wir zu einer Pflanze, bei der wirklich Gift- und Heilwirkung echt „krass“ nebeneinander liegen: der Blaue Eisenhut / Sturmhut (Aconitum napellus). Dieses Hahnenfußgewächs enthält als Hauptwirkstoff das Alkaloid Aconitin, das als eines der stärksten Gifte unseres Pflanzenreiches gilt. Er wächst gerne in den Alpen auf steinigen Almen, ist aber auch in den Mittelgebirgen zu Hause. Aufgrund seines dekorativen Aussehens wird er ebenfalls in Hausgärten angepflanzt, das birgt natürlich so ein gewisses Risiko, denn alle Teile, vor allem aber die Wurzel, werden als sehr stark giftig eingestuft. Bereits 2-4 Gramm der Wurzel sind für den Menschen definitiv tödlich, aber auch die Blätter und Blüten sind nicht zu unterschätzen, hier ist die Gefahr besonders groß, wenn Kinder sie essen, weil sie so hübsch aussehen.

Was passiert durch die Einnahme von Aconitin? Es klingt ziemlich gruslig: wenige Minuten nach der Aufnahme des Giftes machen Brennen und Kribbeln auf der Mundschleimhaut, dann von den Extremitäten ausgehend über den ganzen Körper sich ausbreitend bemerkbar, das sog. „Ameisenlaufen“. Damit einher gehen eine Senkung der Körpertemperatur, aber gleichzeitig auch Schweißausbrüche sowie mit der Gefühllosigkeit der Extremitäten geht es weiter. Der Betroffene muss sich erbrechen und die Atmung wird erschwert. Nach lebensbedrohlichen Atem- und Herzstörungen kommt es zur Bewusstlosigkeit und schließlich zum Tod.

Oh, du lieber Himmel, so etwas soll tatsächlich eine Heilwirkung haben? Ja, tatsächlich ist es so: viele naturheilkundlich gesinnte Menschen haben Aconitum in homöopathischer Verdünnung in ihrer Haus-Apotheke. Warum? Nach der Lehre von Samuel Hahnemann (1755-1843), dem Begründer unserer heutigen klassischen Homöopathie, heißt es: „Similia similibus curentur“- „Ähnliches soll mit Ähnlichem geheilt werden. Wähle, um sanft schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, in jedem Fall eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden erregen kann, als sie heilen soll.“

Und jetzt kommt natürlich Aconitum in homöopathischer Verdünnung, korrekt heißt es eigentlich Potenzierung aufgrund der speziellen Zubereitungsart, ins Spiel, aber das würde doch etwas zu weit führen, um das zu erklären.

Nun, wann setzt man dieses Mittel ein? Man spricht hier von den sog. „Leitsymptomen“, die da wären: Akute, plötzlich auftretende Infektionen mit hohem Fieber, trockener Haut und Schleimhäuten, kaum stillbarem Durst auf kalte Getränke, rotem Gesicht mit plötzlicher Blässe beim Aufsetzen und starker Unruhe, um nur einiges zu nennen. Im Prinzip ein super Mittel für Kinder, die schnell und hoch fiebern, gut auch ergänzend zur Schulmedizin. Hier gehen die Meinungen weit auseinander, ich meinerseits kann nur sagen, behandele meine Katzen schon seit 30 Jahren mit Homöopathie, es hat immer toll gewirkt und sie wussten mit Sicherheit nicht, welche „Kügelchen“ sie bekommen!

Mein absolutes Lieblingsmittel mit Aconitum ist ein Schmerzöl, das außerdem noch Campher, Lavendel und das Mineral Quarz enthält. Empfohlen wird es u.a. bei schmerzhaften Nervenerkrankungen, sprich Neuralgien, aber auch bei richtigen Nervenentzündungen, sogar im Zusammenhang mit einer Gürtelrose (wer die einmal gehabt hat, weiß, wovon ich spreche) oder durchaus bei rheumatischen Gelenkerkrankungen.

Mein Favorit ist dieses Öl bei einem „steifen Hals“, wo immer er auch herkommen mag: sei es nachts im Bett verlegen, einen Zug bekommen, etc.. 1-3- mal täglich eingerieben, verschafft dieses Öl ja fast unglaubliche Linderung, entspannt die verkrampfte Muskulatur und fördert die Beweglichkeit. Dazu riecht es noch gut und zieht super schnell ein. Also, was will man noch mehr? Einen Nachteil hat es: es enthält Erdnussöl als Basis, hier natürlich nicht bei diesbezüglichen Allergikern. Außerdem ist es nicht geeignet für Kinder unter 6 Jahren. Aber, sonst….

Eine weitere, sehr interessante Gift- bzw. Heilpflanze ist der Fingerhut (Digitalis purpurea und Digitalis lanata). Im Englischen auch Foxglove, also „Handschuh eines Fuchses“, wegen der Form der Blüten genannt. Ein Heilkraut mit wahrhaft sehr geringer „therapeutischer Breite“, das bedeutetet: hier muss wirklich ganz genau dosiert werden, um speziell Herzkranken zu helfen, was aber sehr wohl unter ärztlicher Kontrolle schon möglich ist.

Ich kann mich gut erinnern, dass beide meiner Großeltern mütterlicherseits erfolgreich Präparate mit dem Wirkstoff Digitoxin erhalten haben. Heute sind Medikamente aus dem Fingerhut leider ziemlich aus der Mode geraten, warum auch immer, was ich eigentlich sehr schade finde. Ein kleiner Exkurs am Rande: ich lese sehr gerne Krimis und eine meiner Lieblings-Schriftstellerinnen ist Agatha Christie. Viele ihrer Bücher handelten von Giftmorden.

Warum kannte sie sich damit so gut aus? Sie arbeitete 6 Jahre lang in einer Krankenhaus-Apotheke und eignete sich so das Wissen an, das sie später in ihren Romanen verarbeiten konnte, davon hieß einer, in dem der Fingerhut eine entscheidende Rolle spielte: „ Alter schützt vor Scharfsinn nicht“. Fachleute bescheinigen Agatha Christies Giftmordgeschichten fast Lehrbuchcharakter, so gut waren sie recherchiert.

Aber nun nochmal zurück zum Fingerhut. Digoxin und Digitoxin sind chemische Verbindungen, die in den Arten der Fingerhut-Gattung (Digitalis) vorkommen. Sie ist in der Volksmedizin schon sehr lange bekannt und wird seit dem 18. Jhd. medizinisch verwendet. Die darin enthaltenen sog. Herzglykoside sind in der Lage, auf das Herz eine Schlagkraft steigernde und ebenfalls die Herzfrequenz senkende Wirkung zu entfalten. Das ist gerade für das ältere Herz, das vielleicht einen gewissen Antrieb braucht, durchaus sehr hilfreich.

Die Wirkstoffe werden heute überwiegend aus dem Wolligen Fingerhut gewonnen und wenn nötig, wie schon erwähnt, in Tablettenform unter ärztlicher Aufsicht verabreicht. Es gibt noch einige solcher vermeintlicher „Giftpflanzen“, die sowohl töten als auch heilen können – gut, wenn man sich auskennt!

Ihre Apothekerin
Simone Wagner

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