Menschen

Dem Tag Struktur geben

Die Psyche des Menschen war schon immer ein kontrovers diskutiertes Thema, obwohl sie keinen definierbaren Formen, Farben, Größen oder Gewichten unterliegt. Seit Jahrtausenden haben sich antike Philosophen, Kirchenväter und Wissenschaftler mit der Frage auseinandergesetzt, welche Eigenschaften den Menschen ausmachen.

Die Antworten dieser Diskussionen haben neue Fragen aufgeworfen und dabei unterschiedliche Meinungen hervorgebracht. Was ist der zentrale Bestandteil der menschlichen Psyche? Welche Komponenten gehören dazu? Unter welchen Umständen gerät sie aus dem Gleichgewicht? Und was sind die Strategien, um eine gesunde Psyche zu erhalten?

Die menschliche Seele, die sämtliche Aspekte der individuellen Persönlichkeit einschließt, ist äußerst kompliziert. Wenn grundlegende Wünsche ausbleiben, kann sie ins Ungleichgewicht geraten. Davon können alle Menschen betroffen sein, egal in welchem Alter, im Grunde also jeder Einzelne von uns. Wann ein Problem zu einem psychischen Problem wird, weiß keiner. Umso wichtiger ist es dann, professionelle Hilfe zu bekommen.

Die Tagesstätte für seelische Gesundheit der Bezirkskliniken Schwaben „WOHNEN und FÖRDERN“ im Sozialpsychiatrischen Zentrum Augustenhof in Füssen, die 2012 eröffnet wurde, richtet sich an Menschen, die Unterstützung bei der Bewältigung psychischer Krisen und Probleme suchen.

Dort stehen den Besuchern verschiedene Angebote zur Verfügung. Es wird ein geschützter Raum geboten, in dem sich die Besucher austauschen und auf professionelle Unterstützung zurückgreifen können. Das Betreuungsangebot umfasst eine Vielzahl von Maßnahmen, die auf die individuellen Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnitten sind. Dazu gehören zum Beispiel kreative und therapeutische Angebote sowie Hilfestellungen im Alltag.

Die Betreuung erfolgt durch ein erfahrenes und qualifiziertes Team, welches eng mit anderen Einrichtungen und Fachkräften zusammenarbeitet. Zusätzlich ist ein Ex-In-Genesungsbegleiter, also jemand, der selbst eine psychische Erkrankung hatte oder hat, und vor diesem Hintergrund psychisch Kranke bei ihrem Genesungsprozess unterstützt. Die Einrichtung mit 15 Plätzen ist freiwillig und kostenfrei.

„Oft fehlt den Besuchern der Eigenantrieb, um den Tag zu gestalten, um aufzustehen, sich das Essen zuzubereiten oder sich zu pflegen“, erklärt Stefan Thiel, Leiter der Einrichtung. Dabei gehen soziale Kontakte verloren, Ängste machen sich breit und es entsteht eine zunehmende Isolation. „Ein wichtiger Punkt in der Tagesstruktur ist das gemeinsame Essen“, so Achim Crede, Stellv. Geschäftsleiter „WOHNEN und FÖRDERN“, Leitung Süd.

Gemeinsam wird der wöchentliche Speiseplan festgelegt. Jeden Tag um 10 Uhr findet dann eine Besprechung zwischen den Gästen und den Betreuern statt. Es werden die Arbeitsaufgaben verteilt, wie zum Beispiel das Einkaufengehen, Kochen, etc.. Je nachdem wie hoch die Ausgaben für die Lebensmittel sind und wie viele Gäste zum Essen bleiben, bezahlen die Besucher zwischen 2,50 und vier Euro für das Essen.

„Durch das gemeinsame Essen entstehen wieder soziale Kontakte, die Besucher bekommen eine Aufgabe und die daraus resultierende Wertschöpfung. Sie verlieren Berührungsängste und erfahren Erfolgserlebnisse“, beschreibt Thiel die Wichtigkeit des Gemeinschaftsessens.

Die Besucher sind im Durchschnitt zwischen 35 und 65 Jahre. Auch jüngere Besucher sind Gäste der Tagesstätte. Dabei kann jeder und jede entscheiden, wie oft und wie lange sie kommen wollen.

„Abgelehnt wird keiner. Man kann spontan vorbeischauen. Alles andere entsteht dann im Gespräch“, erklärt Crede. Während der Corona-Pandemie hielt die Einrichtung telefonischen Kontakt zu ihren Besuchern. „Für uns war es wichtig, niemanden zu verlieren. Wir konnten alle mit einem strukturierten Anwesenheitsplan halten. So konnten wir die zwei Jahre stabil überbrücken“, erzählt Stefan Thiel. Er beschreibt allerdings auch, dass nach der Pandemie mehr Menschen Hilfe und Unterstützung suchen. „Corona hat sie in ein tiefes Loch gestürzt. Der strukturierte Tagesablauf ist verloren gegangen, auch bei den Gesunden, die im Homeoffice waren.“

Neben Ausflügen und anderen Freizeitaktivitäten wie Kickern, Billard oder Tischtennis spielen spielen, können sich die Besucher ihren Tag in der Tagesstätte selbst gestalten. Neben Basteln, Lesen und Malen gibt es zudem auch eine Werkstatt, in der Sachen repariert oder zum Beispiel aus Holz gestaltet werden können.

„Manchmal haben wir auch Zuverdienstprojekte, die auf freiwilliger Arbeit beruhen. Hier geht es darum, dass Sorgfalt, Zuverlässigkeit und Durchhaltevermögen trainiert werden. Die Hauptmotivation für die Besucher ist der Mehrwert, die Wertschöpfungskette wird damit erhöht. Die Motivationspauschale, die sie dabei erhalten, steht hier nicht im Vordergrund“, erklärt Thiel.

Ab sofort gibt es in der Tagesstätte auch einen Büchertauschmarkt. Jeder und jede darf Bücher bringen und auch welche mitnehmen. Der Bücherschrank ist frei zugänglich. Die Öffnungszeiten der Tagesstätte sind jeweils von 8 bis 16 Uhr. Telefon-Nummer 08362-300 4160. Weitere Informationen über die Tagesstätte sind unter www.bezirkskliniken-schwaben.de oder www.wohnenundfoerdern.de zu finden.

Text: Sabina Riegger · Foto: Hubert Riegger

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