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Was ist das, ich hab´s hinten und meine Frau hat´s vorn?

Im Jahr 1777 ereignete sich eine wahre Katastrophe für die Dynastie Wittelsbach, das heißt eine Katastrophe war es eigentlich nur für die bayerische Linie dieser Familie. Max III. Joseph, Oberhaupt des Kurfürstentums Bayern, starb ohne männlichen Erben. Mit seinem Tod erlosch die bayerische Linie der Wittelsbacher.

Der Thron des Kurfürstentums Bayern blieb aber nicht leer. Die Erbfolge regelte ein Jahrhunderte alter Vertrag, der zwischen den Wittelsbachischen Familienzweigen geschlossen worden war. Der nächste in der vertraglich festgelegten Thronfolge war allerdings kein Bayer, er kam aus der Pfalz. Karl Theodor, Kurfürst von der Pfalz und Herzog von Jülich-Berg, konnte sich von nun an auch Kurfürst von Bayern nennen. Nicht nur Bayern fiel dem „Glücksschwein Karl Theodor“ in den Schoß – ein Name, mit dem ihn einst Friedrich der Große betitelt haben soll – auch das belgische Bergen-op-Zoom, das Herzogtum Sulzbach, Pfalz-Neuburg, Jülich-Berg mit der Hauptstadt Düsseldorf sowie die Gebiete am Niederrhein waren bereits in seinem Besitz.

Das durch diesen Erbfall entstandene neue Kurfürstentum Pfalz-Bayern vereinte das erste Mal seit Jahrhunderten beinahe alle Wittelsbachischen Länder und umfasste ein beträchtliches Gebiet. Ein Grund zur Freude, könnte man meinen. Doch Karl Theodor vollzog nur widerwillig den vertraglich geforderten Umzug seiner Residenz nach München. Er konnte sich Zeit seines Lebens nicht für Bayern erwärmen – und die Bayern nicht für ihn. Eigentlich auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das neue bayerische Staatsoberhaupt bereits nach kurzer Zeit versuchte, Bayern zu verkaufen oder einzutauschen. Karl Theodor träumte nämlich von einem Königreich Burgund und Bayern passte hier schlichtweg nicht dazu. Viel besser hätte ihm stattdessen Belgien gefallen. Ein Gebiet, dass ihm der Habsburger Kaiser im Tausch für Bayern möglicherweise überlassen würde.

Doch Karl Theodor hatte nicht nur territoriale Probleme, auch ein essenzielles familiäres Thema beschäftigte ihn seit langem. Er war zwar bereits stolzer Vater von acht meist erwachsenen Kindern, jedoch stammte keines aus der Ehe mit seiner Frau. Alle Söhne und Töchter waren somit illegitim und nicht erbberechtigt. Karl Theodors Linie drohte, wie zuvor die bayerische Linie der Wittelsbacher, auszusterben. Als seine Ehefrau im August 1794 verstarb, sah er eine letzte Chance, seine Familie zu erhalten und begab sich nach einer außergewöhnlich kurzen Trauerphase beinahe umgehend auf Brautschau.

Da die Habsburger großes Interesse an Bayern und an einem Tauschgeschäft hatten, präsentierte der Kaiser dem frisch verwitweten Kurfürsten unverzüglich eine habsburgische Erzherzogin als mögliche Braut. Maria Leopoldine von Österreich sei „sehr wohl gewachsen, unverbesserlich erzogen, von Geist und Talent, nichts könne an derselben ausgesetzt werden, als daß sie einen Fuß ein wenig kürzer als den anderen habe, dies sei aber gar nicht auffallens und Königliche Hoheit tanze wirklich vortrefflich (…).“ Darüber hinaus hieß es: „Sie ist vive und bekommt gewiß Kinder“. Eine Aussage, die womöglich ausschlaggebend für Karl Theodor gewesen war, denn bei dieser Heirat ging es ihm in allererster Linie um die Erhaltung seiner Familie. Zusätzlich sei sie „keinen eigenen Willens gewohnt und habe immer mit der leutseligsten Bereitwilligkeit denen Anweisungen Ihrer Frau Aja, oder denen Befehlen Ihrer höchsten Eltern gefolgt.“

Der Kurfürst stimmte zu und formulierte einen Monat nach dem Tod seiner Ehefrau die Brautwerbung an Maria Leopoldine. Das Einverständnis des Habsburger Hofs umfasste allerdings eine Bedingung. Der zukünftige Bräutigam war durchaus kein Kind von Traurigkeit gewesen und sein Lebensstil bis weit über die Landesgrenzen bekannt, was am Kaiserhof nicht gern gesehen war. Karl Theodor reagierte sofort. Seine Mätresse, besser bekannt unter dem Namen „Bettschradt“, musste die Residenz in München verlassen.

Und so kam es, dass Maria Leopoldine von Österreich-Este und Kurfürst Karl Theodor von Pfalz-Bayern am 15. Februar 1795 um sechs Uhr abends in der Hofburg von Innsbruck vor den Altar traten. Man hatte sich für Innsbruck entschlossen, da es sich geografisch in der ungefähren Mitte der beiden Parteien befand. Karl Theodor reiste aus München an, Maria Leopoldine aus Mailand. Die Wahl des Ortes und auch des Termins inmitten eines harten, schneereichen Winters verdeutlicht die Dringlichkeit, mit der Karl Theodor eine erneute Verehelichung anstrebte. Er war nicht mehr der Jüngste und hatte wohl das Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief.

Es lag ein nicht unerheblicher Altersunterschied zwischen Braut und Bräutigam, durch den sich der Kurfürst auch hin und wieder zu kleineren Späßen hinreißen ließ. So entstand das Rätsel, das er einmal seiner Hofgesellschaft gestellt haben soll: „Was ist das, ich hab´s hinten und meine Frau hat´s vorn?“ Die Lösung war die Zahl „Eins“. Denn während Maria Leopoldine im zarten Alter von 17 Jahren verheiratet wurde, hatte der Kurfürst bereits das 71. Lebensjahr erreicht.

Vor diesem Hintergrund fragt man sich unweigerlich, wie wohl die erste Begegnung der beiden verlaufen sein mag. Darüber ist leider nichts genaues bekannt. Man weiß aber, dass Maria Leopoldine zumindest vor der Hochzeit über das Alter ihres zukünftigen Ehegatten informiert worden war.

Zwei Tage nach der feierlichen Trauung in Innsbruck begaben sich die „jung“-vermählten nach München, wo die Heirat wochenlang gefeiert wurde. Jedoch hielt die Hochstimmung nicht lange. Bereits nach kurzer Zeit wurden die großen ehelichen Probleme des Kurfürstenpaares so schwerwiegend, dass sich sogar der österreichische Hof damit befasste. So hatten sich die Habsburger durch diese Ehe erhofft, ihren Einfluss auf Bayern ausbauen zu können und sahen nun ihre Chancen schwinden.

Maria Leopoldine erfreute sich immer mehr daran, ihren Ehemann an der Nase herumzuführen. Sie entzog sich dem Kurfürsten und widersetze sich grundsätzlich allen Vorschriften. Auch hielt sie mit ihrer Meinung zu ihrer Ehe nicht hinterm Berg und erzählte offen über ihr Unglück. Darüber hinaus feierte sie wilde Feste mit einer „ungezügelten Lebenslust“. Der Kurfürst fühlte sich so hilflos, dass er sogar Maria Leopoldines Vater darum bat, nach München zu kommen, um seine Tochter zur Vernunft zu bringen. Doch ihr Vater zog sich höflich aus der Affäre und blieb München fern. Die Kurfürstin spielte daraufhin dem Hof und ihrem Ehemann weitere, manchmal grenzwertige Streiche, feierte Feste und gab sich diversen Liebschaften hin, die ihr Ehemann alle zu unterbinden versuchte.

Einen Tag nach ihrem 5. Hochzeitstag am 16. Februar 1799 verstarb Karl Theodor ohne männlichen Erben. Er erlag den Folgen eines wenige Tage zuvor erfolgten Schlaganfalls. Durch seinen Tod erlosch auch diese Linie der Wittelsbacher Dynastie. Maria Leopoldine, nun süße 22 Jahre jung, hatte noch ein bewegtes und spannendes Leben vor sich. Aber das soll eine andere Geschichte sein.

Text: Vanessa Richter
Foto: Wikipedia

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