Kolumne

Fast alles

Ich träume von einem kleinen Haus mit wildem Garten und ein paar Hühnern, mit einem Gemüse-beet und alten Baumbeständen. Deswegen habe ich mir letztes Jahr ungefähr zehn Bücher zugelegt, die mir meinen Traum, Seite für Seite, greifbar machen. Wenigstens auf dem Papier.

Ein Buch aus meiner Sammlung heißt „Das Handbuch für fast alles!“ Ich weiß, der Titel klingt wenig kreativ. Und ganz ehrlich? Er ist es auch nicht. Eigentlich klingt das Buch wie ein Lieferdienst, der hundert verschiedene Gerichte auf der Karte hat. Für den man viel Glück und einen zähen Magen-Darm-Trakt braucht.

Ich dachte, falls ich nachts aufwachen sollte und nicht mehr schlafen kann, weil mich die Frage umtreibt, wie ich die Erde für Topfpflanzen am besten selbst mische, oder ich einen Baum richtig pflanze, oder wie ich im Garten richtig dünge und jäte, dann gäbe es da dieses Buch im Regal, das all meine Fragen beantworten würde. Und nicht nur das, ich dachte, das Buch wäre die richtige Vorbereitung für mich – eine Art Training für alles. Naja, für fast alles.

Und jetzt steht es da. Das Buch. Es ist hier und ich bin da. Zwischen uns liegen nur ein paar Meter. Aber metaphorisch gesprochen liegen gerade ganze Welten zwischen uns. Warum? Dafür muss ich ein paar Jahre zurückgehen. Das war so: Ich bin also in einem Blumengeschäft. Und sofort fällt mir eine Pflanze auf. Ehrlicherweise ist sie nicht die originellste, und trotzdem ist sie die eine für mich. Das wusste ich sofort. Als mir die Floristin erzählt, wie pflegeleicht die Pflanze sei, bestärkt mich das noch mehr, der Pflanze ein neues zuhause zu geben. Wir sind an der Kasse. Die Floristin lächelt mich bestärkend an und sagt: „Sie ist eigentlich unkaputtbar, keine Sorge!“

Inzwischen sind vier Jahre vergangen. Und wenn ich gestern einen Wunsch frei gehabt hätte, dann wäre es folgender gewesen. Ich hätte mir gewünscht zurückfahren zu können, in den Blumenladen, um die Floristin um Rat zu fragen. Denn ich habe das Unmögliche möglich gemacht. Meine geliebte Pflanze ist verreckt. Vor meinen Augen. Eigentlich dachte ich, Tallulah, die Pflanze, sei bei bester Gesundheit. Ich dachte, sie würde aussehen wie eine Palme, weil sie so besonders ist.

Als dann aber ihre schönen langen Blätter, schlaff hängend, nach Hilfe schrien, war die Zeit für Das Buch gekommen. Und dann stand da: Nichts.

Also habe ich bei Doktor Google, dem anderen für fast alles, Rat gesucht. Er hatte einen Erste-Hilfe-Plan für im Sterben liegende Pflanzen. Wenn sie überlebt, ist das der Beweis, dass ich qualifiziert bin für meinen wilden Garten. Auch ohne das Buch.

Für Tallulah: „In an endless garden of flowers I will always pick you.“

A.J. Lawless

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