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Ein Ort für Begegnungen und Austausch

Das „Werkgeplauder“ ist schon etwas ganz Besonderes. Ein Café, wo sich Menschen treffen, miteinander reden, zusammen Zeit verbringen. Besonders allerdings vor allem deswegen, weil sich Behinderte und nicht behinderte Menschen hier treffen. Dagmar Rothemund, die Leiterin der Wertachtal-Werkstätten in Füssen, hat es mit ihrem Team geschafft, Sozialpädagogik und Gastronomie harmonisch miteinander zu verknüpfen, ganz ohne Barrieren in den Köpfen der Menschen. Denn nicht umsonst sagte der französische Meisterkoch Auguste Escoffier „Eine gute Küche ist das Fundament allen Glücks.“

Dieses Glück guten Essens kann man im „Werkgeplauder“ unter der Woche genießen. Jeden Tag gibt es mittags zwei Gerichte: mit Fleisch und vegetarisch. Nachmittags gibt selbstgebackenen Kuchen. Zubereitet wird alles von einem engagierten Team von zwölf Beschäftigten, dem Koch Norbert Vogtland und dem Konditormeister Harald Sorgenfrei. „Viel zu oft werden Menschen mit Behinderungen von uns in ihren Fähigkeiten und Talenten unterschätzt und mit dem Café können wir zeigen, dass es das nicht braucht“, erklärt Sozialpädagogin Dagmar Rothemund. Serviert werden das Essen und die Getränke von den Beschäftigten der Wertachttal-Werkstätten. Alle Produkte sind Bio und regional. „Für uns ist es wichtig, die Nachhaltigkeit zu unterstützen. Dieses Zusammen oder Miteinander, egal welchen Namen man dem Kind gibt, hat es überhaupt möglich gemacht, dass wir so arbeiten können“, erklärt die Leiterin. Die Gäste des „Werkgeplauder“ sind Einheimische, aber auch Mitarbeiter der umliegenden Firmen. „Wir haben ein schönes Ambiente. Die Gäste können sowohl drinnen als auch draußen sitzen“, so Dagmar Rothemund die den Außenbereich mit dem Blick auf den Teich zeigt, der gesponsert wurde und aus Sicherheitsmaßnahmen nur wenige Zentimeter tief ist.

„Einige Unternehmen unterstützen ihre Mitarbeiter mit Essensgeld. Das kann variieren zwischen einem und mehrere Euro pro Essen“, so die Sozialpädagogin, die sich auch freut, wenn Mütter und Kinder aus der eigenen Kita vorbeischauen. „Es ist lebendig“, sagt sie in wenigen Worten und ist zufrieden über die Akzeptanz bei der Bevölkerung und auch stolz auf ihre Beschäftigten und das Team, das eine exzellente Arbeit leistet. Seit zwei Jahren gibt es auch die inklusive Küche, man könnte es auch eine Kochschule oder ein „gemeinsames Kochen“ nennen. Auch hier steht der Gedanke der inklusion im Vordergrund und der Abbau von Barrieren, also keine Schwellenangst zu haben. Sandra Kobus, die Gesundheitsmanagment studiert hat, leitet die inklusive Küche und das mit Erfolg.


Sozialpädagogin und Leiterin der Wertachtal-Werkstätten in Füssen, Dagmar Rothemund, ist es gelungen, Gastronomie und Sozialpädagogik harmonisch miteinander zu verbinden.

Füssen aktuell sprach mit der Leiterin der Werkstätten, Dagmar Rothemund und der Gesundheitsmanagerin und Projektleiterin Sandra Kobus über die Veranstaltung der italienischen Woche, aber auch über die Arbeit der Wertachtal-Werkstätten und die inklusive Küche.

Welches Fazit ziehen Sie über die „Italienische Woche“?
Dagmar Rothemund: „Die ist super angenommen worden. Das war ein ganz besonderes Angebot, für das wir auch gute Werbung gemacht haben.“

Wie viele Besucher haben denn dieses Angebot genutzt?
Dagmar Rothemund: „Ich denke, dass es täglich so um die 70 Mittagessen waren, die Besucher von außerhalb des Hauses bei uns zu sich genommen haben. Dazu kamen dann noch rund 60 Essen für hausinterne Mitarbeiter. Unsere Küche leistet denn auch viel und unsere Mitarbeiter sind alle mit viel Herzblut bei der Sache. Das zeichnet uns letzten Endes genauso aus, wie unser gesamtes Konzept, das auf großem sozialem Engagement beruht und den Fokus auf Nachhaltigkeit richtet. Daher sind alle bei uns verwendeten Lebensmittel regional beziehungsweise von hier. Das schlägt sich zudem auf die Qualität unseres Angebotes nieder, so haben wir mittlerweile sogar einen Konditormeister in unserer Küche, wo im Laufe der Zeit alles professioneller geworden ist.“

Seit wann gibt es das gastronomische Angebot in den Wertachtal-Werkstätten?
Dagmar Rothemund: : „Das gibt es seit der Eröffnung 2017.“

Wie viele Mitarbeiter sind in der Küche im Einsatz?
Dagmar Rothemund: „Wir haben zwölf Beschäftigte, die ein tolles Team darstellen.“

Welche Öffnungszeiten hat denn die Cafeteria?
Dagmar Rothemund: „Bei uns kann man von Montag bis Donnerstag ab 8.30 Uhr frühstücken, ab 12 Uhr Mittag essen und sich bis 16 Uhr auch Kaffee und Kuchen schmecken lassen. Dies machen zum Beispiel viele Senioren, die nachmittags zu uns kommen. Freitags haben wir allerdings nur bis 13 Uhr geöffnet. An diesem Tag gibt´s dafür aber ein Weißwurstfrühstück.“

Wie schwierig war es, das Konzept hier so umzusetzen, dass die Besucher nicht das Gefühl haben, in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung zu sein?
Dagmar Rothemund: „Erstens wissen die Besucher, worauf sie sich hier einlassen, aber zweitens ist bei uns alles ganz normal und sehr entspannt. Hier wird jeder wertgeschätzt und nicht reglementiert. Deshalb herrscht bei uns eine total angenehme Atmosphäre.“

Wie haben Sie es geschafft, dass so viele Menschen von außen hierher kommen?
Dagmar Rothemund: „Wir haben ein großes Netzwerk und ich behaupte mal, jeder, der schon mal hier war, kommt gerne wieder. Darüber hinaus spielt auch die an die Werkstätten angebundene Kindertagesstätte eine positive Rolle. Außerdem ist bei uns alles ganz locker und frei.“

Was macht die Werkstätten besonders aus, vor allem im Hinblick auf die Außenarbeitsplätze?
Dagmar Rothemund: „Im Gegensatz zu den sogenannten Integra-Arbeitsplätzen, bei denen es hauptsächlich um sozial-integrative Aspekte geht und die Leute andere Menschen kennenlernen sollen, bringen die Mitarbeiter in den Außenarbeitsplätzen tatsächlich Leistung in anderen Firmen. Die wird auch vergütet. Schließlich ist es ja auch unser Ziel, dass die Leute am Ende von einem Unternehmen übernommen werden und so wieder draußen Fuß fassen.“

Sandra Kobus (rechts im Bild) mit Stefanie Schattschneider in der inklusiven Küche, die für die Kochkurse professionell eingerichtet ist.

Frau Kobus, Sie leiten das Projekt „Inklusive Küche“. Was bedeutet das?
Sandra Kobus: „Mit diesem Projekt der Lebenshilfe Ostallgäu-Kaufbeuren möchten wir einen Ort für Begegnungen und Austausch von Menschen jeglichen Alters, jeglicher Herkunft und mit unterschiedlichen Fähigkeiten schaffen. Unterstützt durch die Aktion Mensch wollen wir so ermöglichen, dass ganz unterschiedliche Leute gemeinsam kochen, essen und etwas erleben, das sie verbindet. Dazu ist jeder bei uns willkommen, im Rahmen seiner Ressourcen und Stärken sein Potential bei uns zu entfalten und möglicherweise auch etwas Neues zu lernen.“

Kann wirklich jeder bei diesen Kochkursen mitmachen, auch Vereine oder kleinere Gruppen?
Sandra Kobus: „Ja, unser Angebot richtet sich an alle Bürger. Kochen ist dabei nicht nur Mittel zum Zweck, sondern vermittelt auch handwerkliche Fähigkeiten, die die Menschen verbinden. Beim Kochen kann jeder etwas geben und mitnehmen.“

Kochen Sie selbst denn auch?
Sandra Kobus:„Ja. Kochen bedeutet für mich nämlich Spaß und etwas auszuprobieren. Deshalb darf man in dem Projekt auch viel ausprobieren und Neues lernen.“

Warum ist Ihnen der Ursprung der Lebensmittel so wichtig?
Sandra Kobus: „Wir wollen besonders den Aspekt der Nachhaltigkeit in den Fokus stellen. In dem Zusammenhang ist uns der Ursprung der Lebensmittel wichtig. Wir wollen ein Bewusstsein für Lebensmittel und gesunde Ernährung schaffen. Im Rahmen dessen sind unsere Kochkurse fast ausschließlich vegetarisch.“

Gibt es auch vegane Kurse?
Sandra Kobus: „Ja. Wir gehen, so gut es geht, auf die Vorlieben und Unverträglichkeiten der Teilnehmer ein.“

Wie viele Personen können jeweils an einem Kurs teilnehmen?
Sandra Kobus: „Wir nehmen immer sechs bis acht Leute, damit man jedem Teilnehmer gerecht werden kann.“

Wann finden die Kurse denn statt?
Sandra Kobus: „Es gibt drei fixe Termine pro Monat und zwar jeden ersten Donnerstagvormittag, jeden dritten Freitagnachmittag ab 13 Uhr und jeden dritten Samstagvormittag. Darüber hinaus sind auch individuelle Termine möglich.“

Vielen Dank für das Gespräch.
Dagmar Rothemund: Wir haben zu danken.

INFO
Wertachtal-Werkstätten gGmbH
Café Werkgeplauder Füssen
Hiebelerstraße 17 · 87629 Füssen
Tel. 08362 939285-36
info@wertachtal.de

Text · Fotos: Sabina Riegger

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