KulturLeben

Würdeloser Abschied!

Das Wetter ist miserabel am 18. November des Jahres 1841, einem Donnerstag, als sich ein langer Trauerzug seinen Weg durch die Straßen Münchens bahnt. Vorneweg fährt eine achtspännige Leichenkutsche, direkt gefolgt von mehreren hochrangigen Persönlichkeiten. Neben Prinzen des bayerischen Königshauses sind auch der bayerische Kronprinz sowie die Könige von Bayern und Preußen zugegen. Das Ziel des Trauerzuges ist die Theatinerkirche, vor deren Toren sich bereits eine große Menschenmenge versammelt hat. Auch mehrere geborene Prinzessinnen von Bayern erwarten hier das Eintreffen des Sarges. Denn die Leichenkutsche birgt keine Geringere als die Königin-Witwe Caroline von Bayern, die wenige Tage zuvor im Alter von 65 Jahren verstorben war.

Acht Kindern hatte Caroline das Leben geschenkt, von denen leider nur fünf das Erwachsenenalter erreichten. Zu ihren Töchtern zählten die schon erwähnte Königin von Preußen, zwei Königinnen von Sachsen, Erzherzogin Sophie von Österreich – die Mutter des Kaisers Franz Joseph, und Herzogin Ludovica – Sisis Mutter. Aber nicht nur den leiblichen Kindern war sie eine Mutter gewesen.

Ihr Gesundheitszustand hatte schon seit geraumer Zeit sehr zu wünschen übriggelassen. Die ohnehin zierliche Frau war immer müder und schwächer geworden. Ihre Familie hatte sich große Sorgen gemacht. So sehr, dass ihre älteste Tochter Elisabeth, die nunmehr Königin von Preußen geworden war, die Reise von Berlin nach Bayern nicht gescheut hatte, um ihre Mutter zu besuchen. Auch weitere Töchter und Enkelkinder, die es ermöglichen konnten, hatten Carolines Nähe gesucht und sich um die Königin-Witwe geschart. Der Leibarzt informiert die Geschwister ohne Umschweife: „(…) an eine Besserung ist nicht zu denken, und ein solcher Zustand bleibe nicht stehen.“

Als sie ihrem Ehemann Max Joseph 1797 das Ja-Wort gegeben hatte, war dieser bereits Vater von vier Kindern. Sein ältester Sohn Ludwig – der spätere König Ludwig I. von Bayern – war nur zehn Jahre jünger als seine Stiefmutter und wollte zeitlebens kein inniges Verhältnis zu ihr aufbauen. Die weiteren Kinder Auguste, Charlotte und Karl liebten ihre Stiefmutter sehr und schätzten sie für ihre fürsorgliche Art, die ihnen nach dem Tod der leiblichen Mutter ein warmes und geborgenes Familienleben bot. Caroline war es stets wichtig gewesen ihre Stiefkinder wie ihre eigenen Kinder zu behandeln.

Bei allem Prunk und Glanz, den die Räumlichkeiten des Königspaares in diversen Schlössern boten, fand man durch Carolines Einfluss stets etwas Behagliches, man kann fast sagen, Gemütliches. Die Kinder hatten Zugang zu allen Räumlichkeiten der Königin, auch zu deren Audienz- und Thronsälen, was am Hof eigentlich unüblich war. Kleines Kindermobiliar gehörte bald, fast wie selbstverständlich zum Erscheinungsbild der königlichen Zimmer. Und das in einer Zeit, in der es Kindern bis zu einem gewissen Alter eigentlich nur stundenweise gestattet war, ihre Eltern zu treffen. Die Erziehung übernahmen normalerweise vom Vater ausgewählte Ammen, Kindermädchen, Erzieher und Lehrer, die den kindlichen Alltag bestimmten und organisierten. Natürlich hatten auch Carolines Kinder und Stiefkinder diese Bediensteten, aber mit steter Präsenz der Eltern. Für die erste bayerische Königin war klar – ihre Familie steht an erster Stelle!

Neben der Rolle der Mutter und Stiefmutter entwickelte sich Caroline in den 26 Jahren der Regentschaft ihres Mannes zu einer wahren Landesmutter. Das bayerische Volk liebte sie so sehr, dass das Sprichwort „Steht dir das Pech bis obenhin, dann geh zur Caroline“ entstand.

Mit all diesen Informationen im Hinterkopf fällt es durchaus schwer zu glauben, wie die folgende Beisetzung der allseits geliebten Königin-Witwe nun nach der Ankunft des Trauerzugs vor der Theatinerkirche vonstattengeht. Denn die Aussegnung des königlichen Leichnams muss „vor der Kirchenthüre auf offener Straße in der unerfreulichsten Witterung vollzogen werden, während die katholische Geistlichkeit auf ausdrücklichen Befehl des Erzbischofs sowohl im Leichengefolge wie in der Kirche nur im Civil-Frack erschien“, erinnert sich der preußische Gesandte. Im Anschluss wird der Sarg in die Wittelsbacher Gruft der Kirche gebracht. Ohne brennende Kerzen, ohne feierliche Kirchengewänder, ohne jeglichen Schmuck. Die Szenerie erinnerte kaum an eine Beisetzung. Es ist eher ein schlichter Transport.

Die trauernde Familie bleibt nicht in der Theatinerkirche, wie man vielleicht vermuten mag. Sie begibt sich anschließend in die protestantische Kirche, in welcher der Trauergottesdienst zu Ehren der Königin abgehalten wird. Der katholische Gottesdienst des folgenden Tages ist ebenfalls schmuck- und würdelos wie die vorausgegangene Beisetzung. Die königliche Familie, das preußische Königspaar und alle weiteren Anwesenden sind schockiert. Wie konnte es nur sein, dass die einstige Königin – eine Frau, die man zu Lebzeiten so sehr verehrt und geliebt hatte – so würdelos beigesetzt wurde.

Die Antwort: sie war Protestantin und der gewählte Ort ihrer letzten Ruhestätte war die Gruft einer katholischen Kirche. Die Toleranz und Religionsfreiheit, die in Bayern während der Regentschaft von Carolines Ehemann geherrscht hatte, schwand zusehends, als ihr Stiefsohn Ludwig I. den Thron bestiegen hatte. Die katholische Kirche gewann wieder an Einfluss. Nicht nur in religiösen Angelegenheiten, auch das Schulwesen sowie die Kranken- und Armenpflege kamen wieder in katholische Hand. In der Regierungszeit Ludwigs I. suchten die katholischen Geistlichen ihre Macht zu erhöhen. Man kann fast sagen, sie agierten nahezu ungehindert, da sie sich der Unterstützung des Königs sicher sein konnten. Diese Politik schürte Angst, Misstrauen und Unmut in der Bevölkerung und das nicht nur auf Seiten der Protestanten. Auch viele Katholiken bangten um ihre nicht-katholischen Familienmitglieder. Die damals sogenannten „Mischehen“, also durch Heirat verbundene Katholiken und Nicht-Katholiken, hatten sich gehäuft, nachdem die erste bayerische Landesmutter eine Protestantin gewesen war und ihre Konfession ausüben durfte. So predigten die Geistlichen regelmäßig von den Kanzeln, „dass die Ehen zwischen Katholiken und Nichtkatholiken sowohl wegen der verbrecherischen Gemeinschaft in sacris, als auch wegen der schlechten Erziehung der zu hoffenden Kinder, ganz und gar unerlaubt und verboten seyn.“ Ob der König Ludwig I. im Vorfeld der Beisetzung seiner Stiefmutter tatsächlich wusste, welche verheerenden Ausmaße diese Politik bereits angenommen hatte, ist ungewiss. Durch die besagten Predigten bezeichneten die Geistlichen nämlich nicht nur die Ehe seines eigenen Vaters als „verbrecherisch“, auch Ludwig I. selbst war mit einer Protestantin verheiratet, der bei der Eheschließung laut Vertrag zugesagt worden war, ihren Glauben behalten und ausüben zu dürfen. Sogar Ludwigs ältester Sohn, Kronprinz Maximilian, war gerade im Begriff sich mit einer protestantischen Prinzessin zu verloben. Erst Jahre später sollte sich dieser Zustand des religiösen Machtungleichgewichts wieder entspannen, nachdem Max II. 1848 den Thron bestiegen hatte.

Die würdelose Beisetzung der bayerischen Königin Caroline würde jedoch immer in der Erinnerung der Bevölkerung bleiben.

Text: Vanessa Richter
Foto: Wikipedia

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